Hitchcock hoch Pollesch

Im Schiffbau frotzelte sich René Pollesch durch sein «Hello, Mister MacGuffin!». Ein Fest der nachgespielten Szenen aus Hitchcock-Hits und weiteren filmischen Referenzen. Wir lachten.

Im Glaskasten schrumpft die Crew zum Exponat. Foto: Lenore Blievernicht

Im Glaskasten schrumpft die Crew zum Exponat. Foto: Lenore Blievernicht

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«Nein!»: Das ist das wesentliche Wort im Probenprozess bei René Pollesch. Sagt der Debattiertheater-Talkmaster selbst im Programmheft zur neuen Arbeit «Hello, Mister MacGuffin!», die am Samstag in der Schiffbaubox uraufgeführt wurde. Denn so ein Nein werde stets berücksichtigt, habe Konsequenzen – anders als im Filmbusiness, wo etwa Alfred Hitchcock für «The Birds» verstörte Raben auf die verängstigte Tippi Hedren werfen und gar an ihrem Kleid festbinden liess, bis einer ihr fast ein Auge aushackte.

Bei Pollesch dagegen ist Jirka Zetts verletztes Auge am Anfang des Abends keine Folge brutaler Regie, sondern eine Finte – und ausgerechnet dazu da, das «Nein!» von Sophie Rois zu brechen. Die Diva will partout nicht auftreten, worauf Zett und später Marie Tietjen versuchen, sie mit starren Blicken auf die Bretter zu hypnotisieren. Klappt. Und ist ein wunderbar witzig durchgespielter Verweigerungswirbel – der, unter anderem, Wort für Wort Minute 4 aus der kultigen Star-Trek-Filmsatire «Galaxy Quest» (1999) zitiert. Das auch noch mit vertauschten Rollen: «Commander» Sophie Rois spricht den Text des Raumschiffwissenschaftlers, Zett wiederum den Commander. Sind Sie noch an Bord?

Subversive Sinnlosigkeit

Das Premierenpublikum jedenfalls wars und bliebs. Ein Ding, das sich mit dem Gruss «Hello, Mister MacGuffin!» zu Hitchcocks subversiver Sinnlosigkeits­ästhetik bekennt, muss nichts meinen. Hitchcocks MacGuffin ist ein handlungstreibendes Element, das im Grunde nichts bedeutet: je nichtiger, desto besser. Und Pollesch stilisiert das Nichts-meinen-Müssen zur Lieblingskampftrope, die jedes Bedeutungsgehubere und Effizienzstreben durchlöchern soll und eben dadurch, ha!, natürlich wahnsinnig bedeutsam ist. Da flutscht Ihnen das Denktheater aus dem Verstand wie die Seife aus den Händen von Hilke Altefrohne in ihrer «Psycho»-Szene. Dass all das Gerutsche und Geflutsche sogar bei knapp 90 Minuten nicht immer nur lauter Spass macht und die torpedierte Gewichtigkeit hier auch mal schwer fehlt: Man verzeihts. Inga Buschs Einleitung zum Stück: «Vielleicht kann man Hitchcock so zusammenfassen: –», war eine grandiose Untertreibung.

Dass all das Gerutsche und Geflutsche nicht immer nur Spass macht und die Gewichtigkeit fehlt: Man verzeihts.

Filmfan Pollesch hat sich mit bitterkomischen Metameta-Theatermixen in Zürich seit 2009 eine Trekkie-haft treue Gemeinde erspielt. Diese hat er auch mit der «Mac-Guffin»-Soiree frei nach Hitchcock, Dean Parisot und, und, und abgeholt. Das glückte, obwohl sich etliche Referenzen wie die zahlreichen nachgespielten Szenen aus Hitchcock-Hits teils erst durch Googeln nach der Premiere erschlossen. Auch hielt man es aus, dass die durchgängige Ausstellung von #MeToo-Mechaniken etwas angestrengt Beiläufiges bekam und der flutschige Fenstersturz-Running-Gag etwas angestrengt Penetrantes. Oder dass es dauerte und dauerte, bis Altefrohne, Busch, Tietjen und Zett – mal im Hitchcock-Film-Look, mal im Scifi-Outfit – sich gegenüber dem alles überstrahlenden Commander Rois freispielten. Schliesslich entspricht diese Dynamik «Galaxy Quest», wo vor dem fiktionalen Sunshine-Boy anfangs alle anderen Crewmitglieder verblassen. Sind Sie noch an Bord?

Bühnenmonstrum aus Glas

Das Raumschiff ist allerdings nur manchmal eins. Von seinen Eingeweiden aus Schächten sieht man extra nur wenig, beispielsweise dann, wenn nach der «Galaxy»-Spezialwaffe Omega 13 gesucht wird: Sie ist ein Geheimnis hoch drei – wie der Sinn des Theaters. Am Ende «gehts darum, das Drama zu verkaufen, wenn man sonst nichts kann». Das Bühnenmonstrum aus Glas und Beton, das Anna Viebrock gebaut hat und das ausschaut, als habe sie zwei Sets aus Hitchcocks «North by Northwest» ineinandergeschoben – die Bösewicht-Villa und die UNO-Headquarters –, erlaubt nur kleine Durchblicke: Es ist der eigentliche MacGuffin der Soiree. In einem Glaskasten schrumpft da, unter der ironischen Leuchtschrift «weltberühmt», die Crew bisweilen zum Exponat.

Spannend wirds, wenn die Schauspieler vorn um einen schlichten Tisch hocken, zwischen urchiger Imperial-Schreibmaschine, Kaffeetassen und Mikrofon, und sich vom Hitchcock-Quote bis zur ausgefuchsten Theateranalyse nach Jean-Luc Nancy alles um die Ohren hauen, um sich und uns auf die Sprünge zu helfen. Sie zerlegen Dercon und das bürgerliche Theater, Immobilienhaie und Gesinnungspolizei. Und sie strampeln, um ein Stück namens «Die Mausefalle! Wie Schauspieler die Welt retten» zu schreiben. Wer so einen Titel hinkriegt, darf zwischendurch auch mal langweilen.

Bei ihren Debatten werden die fünf regelmässig übertönt vom Schreibmaschinenklackern, von einem irre lauten Flugzeug, einem durchbrausenden Zug und Elvis Presley, der «A little less conversation, a little more action!» schmettert. Im Manuskript ziehen sich fette, schwarze Balken durch die Seiten. Das geht in etwa so: «MacGuffin war ein guter Ersatz für das, was man normalerweise die Substanz nennt» – Balken – «Er muss nur den Leuten auf der Leinwand etwas bedeuten» – Balken – «Burhan Qurbani» – Balken – «Pollesch». Herrlicher, hermetischer, mörderisch rabenschwarzer Pipifax-Pollesch! Doch, doch!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2018, 18:22 Uhr

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