Interview

«Ich glaube nicht, dass Hans-Rudolf Merz zur Premiere kommt»

Heute hat das Satire-Stück «Die Nepotistan-Affäre» von Domenico Blass und Viktor Giacobbo in Winterthur Premiere. Blass spricht über das Vorbild Ghadhafi und machtlose Bundesräte.

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Herr Blass, hat Sie die Realität im Stich gelassen?
Nein, warum?

Weil Ghadhafi als Vorbild für Ihr Theaterstück «Die Nepotistan-Affäre» nicht mehr an der Macht ist.
Natürlich sind Ghadhafi und die Libyen-Affäre das Vorbild für die «Nepotistan-Affäre». Aber wir haben einige Dinge verändert, damit unser Stück nicht eins zu eins als Aufarbeitung dieser Affäre verstanden wird.

Andererseits sind die Parallelen zur Libyen-Affäre offensichtlich: Ein Diktator, der zwei Geiseln nimmt, ein Bundesrat, der sie befreien will.
In gewissen Bereichen hatte die Libyen-Affäre derart absurde Züge, dass sie satirisch nicht mehr zu toppen war. Da mussten wir uns zwangsläufig von der Realität entfernen.

Aber wäre es Ihnen nicht lieber gewesen, wenn die Vorlagen für Ihr Stück noch an der Macht wären?
Für das Stück wäre es vielleicht besser gewesen, für den Rest der Welt aber nicht.

Fühlen Sie sich nicht wie die US-Regisseurin Kathryn Bigelow, der mitten in den Aufnahmen zu «Kill Bin Laden» das Objekt des Films abhanden kam?
Nein, leider nicht, denn Diktatoren gibt es immer noch: In Syrien lässt einer aufs Volk schiessen, in Nordkorea hungert einer seine Untertanen aus, und Ghadhafi ist auch noch nicht weg. Ganz egal, wo sie ihr Unwesen treiben: Die Diktatoren funktionieren meistens ziemlich ähnlich. Sie wenden Gewalt an gegen ihr Volk, scheffeln Geld wie blöd, betreiben fleissig Nepotismus und haben eine Vorliebe für Fantasieuniformen. In dieses Schema passt auch der Diktator in unserem Stück.

Gewiss, wenn man Ghadhafi in seiner Uniform sah, wirkte das lächerlich. Aber darunter verbarg sich ein Schlächter. Ist da der Theater-Schwank die richtige Form?
In der Sendung «Giacobbo/Müller» haben wir die ganze Libyen-Affäre begleitet. Und schon dort haben wir versucht, nicht die Opfer zu thematisieren, sondern nur die Täter. Diesen Weg haben wir auch im Stück eingeschlagen. Es ist kein Schenkelklopferstück, obwohl es Schwank heisst. Es ist eine Satire. Und bei einer Satire bleibt das Lachen vielleicht auch einmal im Hals stecken.

«Die Nepotistan-Affäre» wurde im Vorfeld schon als Lehrstück beschrieben.
Das würde ich nicht so sagen. Wir wollen in erster Linie unterhalten. Aber wenn die Leute dabei etwas lernen, habe ich nichts dagegen.

Was kann man vom Stück lernen?
Uns ging es primär um die Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Diktatur. Wenn ein Demokrat mit einem Diktator etwas auszuhandeln versucht, dann ist das zum Scheitern verurteilt. Der Demokrat ist machtlos. Und daraus entsteht auch Komik. Dadurch, dass wir gewisse politische Vorgänge überzeichnen, werden sie klarer erkennbar. Aber es ist sicher nicht unsere Absicht, die Zuschauer zu belehren.

Sie sagen, gegen den Diktator ist der Demokrat machtlos. Aber sieht es nach dem Untertauchen von Ghadhafi nicht umgekehrt aus?
Natürlich können demokratische Kräfte gewinnen. Aber am besten jene aus dem eigenen Land – wie bei der arabischen Revolution. Es ist ja nicht ganz einfach, sich als Demokrat aus der Schweiz im Ausland einzumischen. Das ist ein bisschen so wie bei Eltern, die sich in der Kindererziehung gegenseitig dreinreden. Wir können schon sagen, dass wir die Menschenrechtssituation in China verurteilen und unsere Druckmittel anwenden, aber letztlich liegt es in den Händen der Chinesen.

Sie haben das Stück zusammen mit Viktor Giacobbo geschrieben. Wie haben Sie sich die Arbeit aufgeteilt?
Wir arbeiten schon so lange zusammen, dass wir fliessende Übergänge haben – mal schreibt der eine, mal der andere, mal schreiben wir zusammen. Das ist anstrengend, weil man für seine Ideen kämpfen muss. Aber solange es die bessere Idee ist, die gewinnt, und nicht ein Ego, macht dieser Wettbewerb sehr viel Spass. Das ist eine bewährte Zusammenarbeit.

Wie kam es zur Zusammenarbeit von so unterschiedlichen Schauspielern wie David Bröckelmann und Hanspeter Müller-Drossaart?
Die Besetzung war Sache von Regisseur Stefan Huber, und ich bin begeistert vom Ensemble, das er gefunden hat. Genau dieser Mix macht es aus!

David Bröckelmann kennt man vom Fernsehen als Stimmenimitator und Parodist. Wird er auch in dieser Funktion auf der Bühne stehen?
Nein, er steht als Schauspieler und nicht als Parodist auf der Bühne.

Welche Reaktionen erwarten Sie?
Ich hoffe, dass sich die Leute für einen politischen Stoff interessieren. Den Fernseher schalten sie dafür ein – aber gehen sie auch ins Theater? Das wissen wir noch nicht.

Welche Voraussetzung müssen die Zuschauer mitbringen?
Die Zuschauer müssen kein grosses Vorwissen haben, aber ein Grundinteresse an der Politik ist von Vorteil. Dann ist das Stück lustiger. Das Publikum der Vorpremiere hat zu meiner Freude jedenfalls oft gelacht.

Auf Kosten des Bundesrats?
Nein, denn der Bundesrat, der im Stück spielt, wächst einem ans Herz. Mir persönlich ging das auch bei Hans-Rudolf Merz so. Schon vor dem Bündnerfleisch-Lacher im Nationalrat fand ich ihn sympathisch. Deshalb ist das Stück auch keine Abrechnung, sondern eher eine Neuinterpretation.

Haben Sie mit Direktbetroffenen gesprochen, etwa mit Hans-Rudolf Merz?
Nein.

Haben Sie den Alt-Bundesrat zur Premiere eingeladen?
Ja.

Und: Wird er kommen?
Ich glaube nicht. Aber zutrauen würde ich es ihm! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.09.2011, 11:24 Uhr

Satire-Stück «Die Nepotistan-Affäre»

Heute Abend hat im Casinotheater in Winterthur der innenpolitische Schwank von Domenico Blass und Viktor Giacobbo Premiere. Darin geht es um einen Diktator, einen Bundesrat und eine Geisenahme. Als Vorlage für das Stück diente die Libyen-Affäre von 2009 um die beiden Schweizer Geiseln in Libyen.

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