Im Auge der Angst

Am Zürcher Pfauen ging die schweizerische Erstaufführung von Elfriede Jelineks Trump-Stück «Am Königsweg» über die Bühne.

Zum Verwechseln ähnlich in der Rolle der Autorin Jelinek: Isabelle Menke (vorn), Julia Kreusch. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

Zum Verwechseln ähnlich in der Rolle der Autorin Jelinek: Isabelle Menke (vorn), Julia Kreusch. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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Um unsern täglichen Trump müssen wir nicht bitten, der kommt von ganz allein – in den Zeitungen, auf den Bildschirmen, überall. Doch wenn die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ihn uns gibt, lohnt es sich, noch einmal genau hinzuhören. Und hinzuschauen. Jedenfalls dann, wenn der Regisseur Stefan Pucher ins Textgewucher von «Am Königsweg» hineinkriecht und daraus eine zweistündige Lichtung freischlägt.

In dieser Lichtung wirkt das Dunkle unserer Zeit noch schwärzer und abgründiger. Und unser Theater leuchtet heller: durch die sechs starken Schauspielerinnen zwischen 29 und 54 Jahren, von denen keine der anderen die Schau stiehlt; und durch die zwei starken Musikerinnen, die unsere Synapsen mit ihrer Synthesizerkälte und E-Gitarren-Härte heissmachen. Man traut sich kaum, es zu formulieren: Aber was am Pfauen unter der Ägide eines deutschen, weissen Mittfünfzigers am Weltfrauentag zur schweizerischen Erstaufführung kam, hat Frauenpower. Weiberwiehern. Femenwüten und Weibchenwimmern. Und beinahe durchs ganze Perspektiven-Wimmelbild hindurch spürt man das, was am Ende zählt: Leidenschaft.

So muss Horrortheater sein

Aber erst geht ein gigantisches, weisses, blindes Götterauge auf, das alles sieht und nichts fühlt: Barbara Ehnes hat diesen Big Brother quasi als mobile Herrschaftsstruktur auf die Bühne gebaut. Das weisse Rund öffnet sich also, und heraus ploppt die Autorin als junges Mädchen – in einer freudianischen Horrorpuppenversion. Weiss ist das Kleidchen und rosenrot der Gürtel, gepufft sind die Ärmel und gerüscht das Krägelchen, doch die dürren Puppenbeinchen münden in Teufelshufen. Aus dem Kragen wiederum ragt das blass geschminkte Antlitz von Miriam Maertens, die hier zur famosen Puppenspielerin mutiert. Die Haare hat sie im Jelinekstyle zu Zöpfen geflochten, die Augen werden bald im Ödipusstyle bluten (Kostüme und Puppen: Annabelle Witt).

«Ich sehe nicht», erklärt sie und rutscht in dem überdimensionalen Augapfel herum. «Ich sehe doch, nein, doch nicht. Und der neue König hat schon vorher nichts gesehen. Da steht er, und es bleibt kein Licht für mich.» Was bleibt denn für das Zwitterwesen, die blinde Seherin, Mitschuldige, Mitschwaflerin?

«Ich weissage, nein, ich wasche weiss, nein, das auch nicht. Ich sage nur: Niemand anderer hat es getan . . . Bedenken Sie das aufgestaute Hasspotenzial, das aufgestaute Misstrauen, und wenn die Menschen daraus schöpfen, entsteht ein neues Geschöpf: der König, der auf Gewalttätigkeit seiner Nachbarn jederzeit vorbereitet ist. Die Gewalt, auf die wir uns vorbereiten, indem wir sie gegen die Gewalttätigen wenden, bevor sie sich gegen uns wenden, hat eine solche Kraft, dass sie unmöglich von selbst verschwinden wird. Sie ist und bleibt da.»

«Blöde Fotzen» und kaputtoperierte Melanias

Das ist im Kern die Geschichte des Abends: die Geburt der (rechten) Gewalt aus dem Kleingeist der eigenen Angst. Sie wird einerseits von einem Sammelsurium aus Schockermuppets erzählt, vom Reisszahn-Kermit über den stilettfingrigen Fozzie-Bär bis zu den horrorclownesk hochgetunten Motzgreisen Statler und Waldorf. Andererseits stürzt sich das selbstzweiflerische Jelinek-Girl, chorisch versechsfacht, in den «Königsweg»-Furor, schaurig wie die Zwillinge von «The Shining»: Sandra Gerling, Henrike Jörissen, Julia Kreusch, Miriam Maer­tens, Isabelle Menke und Elisa Plüss, die sich in diesem Stück neu zu entdecken scheinen – und wir sie.

Mal fokussieren sie auf den Grapscher-König mit den Händchen im Tresor der Deutschen Bank, mal auf die ausgebeuteten «Arbeiters» und ausgebluteten «Arbeitslosens», denen das dicke Ende droht. Mal führen sie durch eine Galerie der «blöden Fotzen» und kaputtoperierten Melanias, mal in eine Dystopie aus Armenvierteln und Wirbelsturmversehrten Städten: Videokünstler Chris Kondek spielt Katastrophenmemory mit unserem Bildgedächtnis, wenn er nicht gerade im Fond blinde Augäpfel aufgehen lässt, die aussehen wie die verheerte Erde. Und zwischendurch rockt das Duo Becky Lee Walters und Reka Csiszer, das mittlerweile als Pucherband durchgehen kann, das bourgeoise Zittern und Zagen durch den Pfauen. Es rotzt über die Tauben und Blinden, das wild gewordene Kollektiv kleinkarierter Idioten (Musik: Christopher Uhe).

Jelineks Gewaltanalyse

Stefan Pucher hatte zu Jelineks Gewaltanalyse und ihrem dadurch ausgelösten schmerzerfüllten Sprachdurchfall allerdings so viele sinnige Einfälle, dass die Chose gegen Ende abfällt. Der Regisseur büschelt sein hinreissendes Ensemble in spektakulären Bildern immer wieder immer neu, von der Kreuzigungsaufstellung bis zum Ku-Klux-Klan-Treffen, vom Christusstatuen-Imitat bis zur Formation selbstreferenzieller trauriger Harlekine im Augapfelmond. Stimmig und hübsch verhäkelt er Jelineks Wendungen, Masche um Masche – fängt dabei aber stets ein neues Muster an.

Vor diesem Abgleiten ins etwas übergriffige, etwas gewalttätige Ideenmucki­theater – Machotheater?! – hat der Regisseur jedoch richtig gut zugehört. Und die Frauen entblättern die Sätze Schicht um Schicht, während sie die Masken anprobieren. Sie holen sie ans Licht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 18:35 Uhr

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