Im Dunkeln hört es sich besser

Leiser Abschied, lauter Applaus: Barbara Freys letzte Inszenierung ihrer Zürcher Intendanz bringt James Joyce’ Erzählung «Die Toten» auf die Pfauenbühne.

Michael Maertens als Gabriel und seine Frau (Lisa-Katrina Mayer) sehen einander nicht mehr. Foto: Matthias Horn

Michael Maertens als Gabriel und seine Frau (Lisa-Katrina Mayer) sehen einander nicht mehr. Foto: Matthias Horn

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«Zart» ist das Wort, nach dem der Auftritt von Claudius Körber in «Die Toten» verlangt. Besonders, als der 37-Jährige die Drehbühne, die in hohe Kammern aufgefächert ist, ganz für sich allein bekommt, gemessenen Schritts von Raum zu Raum geht, von Leere zu Leere, und dazu mit feiner Kopfstimme aus Bachs «Actus Tragicus» singt: «Heute wirst du mit mir im Paradies sein.» Was für ein Gänsehaut-Moment!

So viel Weh und eben auch einen Hauch von Trost hat James Joyce 1914 in den einsamen Dubliner Gabriel seiner grossen Erzählung «Die Toten» hineinimaginiert – und die Musikerin Barbara Frey schob der Regisseurin Barbara Frey die geeigneten Noten dafür zu.

Das Fest der alten Tanten

Freys Joyce-Projekt, das nun am Pfauen Premiere hatte, ist eine Art Geistliches Konzert: ist ein Exerzitium der Zwischentöne – samt Intermezzi aus «Ulysses» und «Finnegans Wake»; aus dem irischen Liedgut von Thomas Moore (1779–1852) über die inzwischen inaktive Folk-Band The Dubliners bis zu Loreena McKennitts aktuellen Varianten. Dazu aus Kompositionen von Bach über Leonard Cohen bis Jürg Kienberger, einem der sechs Akteure auf der Bühne. Agieren diese, richten sich selbst bei Toten die Härchen auf.

In Freys Adieu von Zürich – im Sommer gibt sie die Leitung des Schauspielhauses nach zehn Jahren ab, das Joyce-Projekt ist ihre letzte Inszenierung hier – schwingt das «à Dieu» des Wortsinns mit. Ihr Faible fürs Feinstoffliche, ja, Unstoffliche hat die Regisseurin im vergangenen Jahrzehnt immer wieder spielen lassen. Und was wäre eine bessere Vorlage dafür als die Schlusserzählung des Bandes «Dubliners»?

Joyce’ Protagonist geht mit seiner Frau Gretta stets am 6. Ja­nuar ans opulente Fest seiner zwei alten Tanten und seiner Cousine. Man tanzt und singt, isst und trinkt, gedenkt der Toten und beobachtet einander beim Älterwerden; der Literaturprofessor hält jeweils eine literarisch aufpolierte Dankesrede an die Damen des Hauses. Das wars. The same procedure as every year, James; Pardon, Gabriel. Und doch ist es diesmal anders.

Eine wahre, tote Liebe

Auf einmal spürt der Mann in den besten Jahren, dass er ei­gentlich nichts spürt. Dass die vertrauten Rituale die Fremdheit nur übertünchen, die zwischen allen herrscht und die man sogar sich selbst gegenüber empfindet, wenn man genau hinfühlt.

So bricht es im Laufe des Abends unvermutet aus Michael Maertens’ Gabriel heraus: «Das Irische ist nicht meine Sprache! ‹Wollen Sie nicht mit Ihrer eigenen Sprache in Berührung bleiben?› Nein, ich möchte nicht mit meiner eigenen Sprache in Berührung bleiben. Ich habe mein eigenes Land so satt!» In einer anderen Sprache, einer anderen Welt, lägen vielleicht Geborgenheit und Offenheit – in einer musikalischen, unverbrauchten.

Sie könnte so klingen wie Kienberger, Maertens, Körber, Benito Bause, Lisa-Katrina Mayer und Elisa Plüss, wenn sie sich an die lange, leere Tafel setzen und im Chor rezitieren: «Er ruht. Er ist gereist. Mit? Sindbad dem Seefahrer und Tindbad dem Teefahrer und Findbad dem Feefahrer und Rindbad dem Rehfahrer und Windbad dem Wehfahrer.» Oder wie Plüss, die das irisch rot gefärbte Haar zum mädchenhaften Zopf geflochten hat und mit einem derart süssen, zerbrechlichen Sopran eine dieser harmonisch schrägen keltischen Weisen singt, dass man erschauert.

Es ist ein Song über eine wahre, eine tote Liebe, die sich im Traum zurückmeldet und an die verpasste Chance erinnert. Später wird sich Gabriels Frau, ihrerseits angestossen durch ein irisches Lied, an ihren eigenen toten Jugendschwarm erinnern: Lisa Mayers Gretta schaut ins Nichts und sieht doch die braunen Augen des Verstorbenen deutlicher vor sich als ihren Mann. Der wiederum wird seiner eigenen Distanz gewahr. Wann kam ihm das Lieben abhanden? Kannte er es je?

Überhaupt gehören sie halb dem Totenreich an, diese sechs Jedermenschen in den schwarzen Fräcken, mit den Trauerblümchen am Revers. Auch das Abendkleid, das Gretta später anzieht, ist von der Trauerfarbe Lila durchzogen. Die Gestalten bewegen sich im Gleichschritt und in langsamen Walzern durch die Kammern, die dicke, verblichen graue Mauern unterteilen und die bloss mit ein paar Stühlen, einem Tisch und Instrumenten ausgestattet sind.

Ein Flöckchen Versöhnung

Das nach oben offene Schneckenhaus aus Beton, das Martin Zehetgruber in den Pfauen gehievt hat: Es ist ein Mausoleum. Rainer Küng leuchtet es entsprechend dramatisch aus: nämlich kaum. Sowieso: Im Dunkeln hört es sich besser. Nur gelegentlich fällt ein hartes, grelles Licht auf ein starres Gesicht.

Aber der irische Autor wollte seinen entfremdeten Antihelden nicht ohne ein Flöckchen Versöhnung entlassen. Ein Schneeflöckchen: «Langsam schwand seine Seele, während er den Schnee still durchs All fallen hörte; still fallen, der Herabkunft der letzten Stunde gleich, auf alle Lebenden und Toten», lautet der berühmte Schluss. Und laut liess das Publikum den verdienten Applaus auf Barbara Freys leise Abschiedsarbeit regnen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.05.2019, 19:41 Uhr

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