Im Reich der Untoten

Der Regisseur Stefan Pucher und der Autor Dietmar Dath haben am Pfauen eine «Frankenstein»-Version zur – na ja – monströsen Uraufführung gebracht. Überzeugen konnte sie nicht.

Mutig: Julia Kreusch als Doktor Walton. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

Mutig: Julia Kreusch als Doktor Walton. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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Eine Schar Nackter steht im Eiswasser. Die Augen der Gestalten sind tot, ihre leblosen Körper mit Laserstrahlen fixiert: Willkommen im Gruselkabinett von Frau Doktor Walton (Julia Kreusch) – das auf die Pfauenbühne imaginiert ist, als sei es gemalt von einem Hieronymus Bosch des 21. Jahrhunderts.

Der Maler, pardon, Videokünstler heisst zum Glück Chris Kondek. Das Reich der Untoten projiziert Kondek grossartig grauslig auf die kristallartige Bühne, noch bevor es richtig losgeht mit der «Frankenstein»-Version des popkulturellen Diskurspioniers und Schriftstellers Dietmar Dath.

Blondes Gift

Es ist eine dieser angesagten Überschreibungen, die den älteren Text mit viel Trara ins Hier und Jetzt befördern: diesmal Mary Shelleys berühmten Roman von 1818, der das Genre Science-Fiction begründete und mit einer Ausstellung im Zürcher Strauhof bedacht wurde (bis zum 20. Januar). Das Zusammenspiel zweier lokaler Kulturinstitutionen möchte man loben – auch wenn der Theaterabend nicht recht überzeugt.

Zum Auftakt schiebt Inga Busch ihren Kopf ins Bild: ein blondes Gift, das sich an den Eiszombies zu schaffen macht. Dem Zuschauer schwant Böses, derweil Christopher Uhe düstere Theatermusik unken lässt. Dabei sind in der Kältekammer keine Monster in der Mache, sondern Kryonik-Gläubige im Totenschlaf: Irgendwann werde man ihre Leichen wieder auftauen, hofften sie, und alles wäre gut.

Dream on! Viktor Frankenstein hat sich ins Labor eingeschlichen: Mit Plastikschürze, kohleumrandeten Augen und aufgelöster Frisur gibt Edmund Telgenkämper den von Irrsinn und Verzweiflung gezeichneten Forscher, der die idealistische Frau Doktor längst ausgetrickst hat. Sein namenloses Geschöpf hat er mitgebracht, in Frisch­haltefolie, auf «Pause» geschaltet. Total ausschalten geht nicht: Da hat er leider ganze Arbeit geleistet, neurowissenschaftliche Arbeit, versteht sich.

So erzählt es Dath nämlich in seinem Sci-Fi-Drama. Wo die blutjunge, stürmische und wissensdurstige Romancière sich am Unterschied zwischen belebt und unbelebt gerieben hatte, fragt er, wie er vorab in einem Gespräch erläuterte, nach dem «Unterschied zwischen dem, was denkt, und dem, was nicht denkt»; und ob dieser im Zeitalter von künstlicher Intelligenz, von Chatbots, Alexas und Luc Steels’ Robotern, die sich gegenseitig eine Sprache beibringen, noch sinnvoll sei. Viktors wieder erwachtes Ungeheuer mit der neuronalen Schwarmidentität, dem Robert Hunger-Bühler unerwartete Tiefe gibt, stylt sich jedenfalls als Alter Ego seines Schöpfers.

Über solche Themen wurde schon viel Treffliches gesagt, auch in der «Frankenstein»-Ausstellung. Auf den Brettern will Regisseur Stefan Pucher aber auch was zum Inszenieren haben und das Publikum was zum Gucken. Darum hakt das Stück in einer Rückblende legendäre Stationen des Buchs ab: Wiederholung als ein Prinzip, das Technik und Postmoderne verquast und verquasselt kurzschliesst; und teils, hmm, langschliesst.

Über die eigene Leiche

Barbara Ehnes hat für den Showdown im Eis eine grandiose, fliegende Rampe gebaut, die sich symbolschwanger mal zur einen, mal zur anderen Seite neigt wie eine Waage. Lena Schwarz ihrerseits baut die Figur der Braut Viktors zur starken, schrägen Physikerin aus, die um der Erkenntnis willen über ihre eigene Leiche geht, während Fritz Fennes Assistenten-Karikatur vergeblich an der Unantastbarkeit menschlicher Würde festzuhalten versucht. Kondek macht uns mit gewaltigen animierten Bilderströmen kirre, zwischendurch leuchtet Daths Witz auf: brillante Details im knapp zweistündigen Kuddelmuddel.

Erstellt: 12.01.2019, 08:47 Uhr

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