Im Theater will die Popmusik kein Pop mehr sein

Theatermann René Pollesch und Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow haben sich an einer «Oper» versucht.

Wie einst Jona: Der Haiwal spuckt Schauspieler aus. Foto: Lenore Blievernicht (LSD-Berlin)

Wie einst Jona: Der Haiwal spuckt Schauspieler aus. Foto: Lenore Blievernicht (LSD-Berlin)

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Das Theater hat schon manchen Musiker verdorben. Denken wir an Tom Waits oder an Lou Reed, die nach ihrer Zusammenarbeit mit dem Regisseur Robert Wilson vor allem Kunstquark produziert haben. Vor ihren Bühnenmusiken spielten Reed und Waits in einem Grenzbereich zwischen Künstlichkeit und Reportage aus der Nacht der Städte. Im Theater Wilsons hat die Künstlichkeit alles kassiert. Das Resultat war Kitsch, von dem sich beide nie erholten. Bei «Lulu», Reeds spätem Album mit der Metalband Metallica, blieb nur noch die Banalität übrig von Frank Wedekinds Stück. Schlimm.

Es gibt also einen Grund, hellhörig zu werden, wenn Dirk von Lowtzow von der Band Tocotronic mit dem Diskurstheatermann René Pollesch eine Oper schreiben will. Lowtzow ist so was wie ein politisch korrektes Sexsymbol des deutschsprachigen Indie-Rock. Das passt zu Pollesch, der seit 20 Jahren als Ideologie entlarven will, was man mit geschlechterpolitischem Mainstream so verbindet: Liebe, Ehe, Gefühle. Beide wohnen in Berlin-Prenzlauer Berg, wo Journalisten seit Jahren eine neue Bürgerlichkeit entdecken wollen. Beide stehen für das Gegenteil dieses unterstellten Biedermeiers, der angeblich Bildungsdünkel, Biodinkel und Basteleien in die Innenstadt bringt.

Mit den Armen fuchteln

Es passt fast zu gut, wenn die erste Arbeit von Pollesch und Lowtzow heisst wie die Debatte über Wohnraum: «Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte». Allein, der Titel ist nicht mehr als ein Lockstoff, etwa so, als würden wir behaupten, Theaterkritiken seien erotische Literatur mit Schlagseite zum Abstrafen (obwohl . . .). Der Abend handelt nicht von der Mietbremse. Und Oper? Zwar beginnt das Filmorchester Babelsberg mit einer Ouvertüre, dazwischen gibt es zweimal einen Kinderchor, und am Schluss singt der Bariton Martin Gerke zwei kurze Lieder. Dirk von Lowtzow hat dem Arrangeur Thomas Meadowcroft auf der Gitarre vorgesungen.

Das Werk erinnert an rhythmisch einfach gehaltene, eingängige Filmmusik.Parodistisch an der Oper angelehnt sind die Gesten der drei Schauspieler: Martin Wuttke, Franz Beil und Lilith Stangenberg fuchteln mit den Armen. So wie Sänger, die von der Regie alleingelassen wurden. Das ist dann lustig, wenn auch die Texte hauen und stechen. Etwa wenn Lilith Stangenberg das eigentliche Thema des Abends referiert: «Bringe ich mich selbst hervor? Oder nur Babys? Sie hören sicher schon heraus: Ich bin Biologin. Und hier sind wir auch bei dem, was ich betreiben möchte: eine neue Urgeschichte, eine neue Genesis.»

Zum Zweck der zweiten Geburt spielt ein Wal allmählich die Hauptrolle. Die Schauspieler verschwinden in ihm und werden später mit Schleim wieder ausgespuckt. Wie bei Jona in der Bibel, dessen Geschichte an die Auferstehung Jesu und somit an die Stärke des Glaubens erinnert. Aber Pollesch ist nicht Kirchgänger geworden, die Gotteshäuser in Prenzlauer Berg sind auch ohne ihn wieder gut besucht. Die Schauspieler sprechen den Wal auch als Killerwal an, und ein bisschen Hai wurde dem Tier auch ins Erbgut gemischt, als Echo auf Damien Hirsts Hai in Formaldehyd, eine Ikone des kapitalistischen Exzesses im Kunstmarkt. Pollesch ist schlau genug, dass er in jeder Geschichte der Neuerfindung auch neue Ideologien sieht.

Und doch enttäuscht es, dass das Potenzial einer hoch dotierten Zusammenarbeit einzig vom Text ausgeht. Pollesch hat seinen Stiefel durchgezogen. Wir hoffen auf Selbstdistanz, wenn Franz Beil sagt: «Genau das waren meine Fragen damals», denn abseits der Schöpfungsgeschichten wiederholt der Abend tatsächlich die Fragen aus dem Frühwerk von Pollesch. Wer Mitte der 90er-Jahre im geisteswissenschaftlichen ­Seminar sass, dämmert weg.

Doch seit die Einstürzenden Neubauten 1986 für Peter Zadek etwas Lärm auf der Bühne machten, gibt es viele Wege, die Popmusiker ins Theater führen. Die Hamburger Band Kante etwa arbeitet seit fast zehn Jahren fürs Theater, bleibt aber auf der Bühne sichtbar. Ihr neues Album heisst «In der Zuckerfabrik», es sind Neuaufnahmen ihrer Theatermusiken. Und es ist beeindruckend, wie sie im Titelsong Voltaires «Candide» in einen Delta-Blues überführen. Rührend, weil ganz nah bei der Sache, und doch noch als Popmusik gedacht.

Denkt man, wenn man Kante im Theater sieht. Kaum aber spielen sie dieselben Songs auf einer Konzertbühne, wünscht man sich den Bildungsballast wieder weg. Theater und Pop, das bleibt vorerst eine schwierige Beziehung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2015, 18:59 Uhr

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