Immerhin ein Theatergericht

Der Schweizer Regisseur Milo Rau hat im Ostkongo und in Berlin ein «Congo Tribunal» abgehalten. Was kann Theater leisten angesichts von sechs Millionen Toten?

Im Theatersaal eines alten Jesuitenkollegs in Bukavu verhandelten reale Akteure die Misere des Kongo, für die auch wir verantwortlich sind. Foto: Fruitmarket, Langfilm & IIPM

Im Theatersaal eines alten Jesuitenkollegs in Bukavu verhandelten reale Akteure die Misere des Kongo, für die auch wir verantwortlich sind. Foto: Fruitmarket, Langfilm & IIPM

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«Der tödlichste Krieg der Welt» titelte vor gut zehn Jahren das «Time»-Magazin – und meinte damit die anhaltenden Konflikte im Kongo, diesem Land von der Grösse Westeuropas, das seit dem Erscheinen von Joseph Conrads gleichnamiger Erzählung «Herz der Finsternis» genannt wird. Nicht ohne Grund. Denn seit Jahrzehnten halten Gewalt und Hunger den Kongo im Würgegriff. Menschenrechtsorganisationen gehen inzwischen von insgesamt sechs Millionen Toten aus – seit dem Sturz des Diktators Mobutu im Jahr 1997 bis heute.

Ethnische Konflikte, Unterentwicklung, Korruption: Die Ursachen der kongolesischen Misere sind komplex. Ein wichtiger Faktor ist aber mit Sicherheit auch das Gerangel um den Zugang zu wichtigen Rohstoffen wie Gold, Kupfer, Kobalt und Coltan, die im armen Kongo so reichlich vorhanden sind wie fast nirgendwo sonst auf der Welt. Abgebaut werden sie unter menschenunwürdigen Bedingungen und in einem Verdrängungskampf zwischen lokalen Minen­arbeitern und internationalen Industriefirmen, von denen einige ihren Sitz in der Schweiz haben. Ein Stück des «tödlichsten Kriegs» liegt also in unserer Hand. Nicht zuletzt, weil das Coltan aus dem Kongo eines der wichtigsten Erze ist, ohne das kaum ein Laptop oder ein Smartphone auskommt.

Ruanda, Utoya, Moskau, Kongo

Der Kongo von heute sei «der klarste Fall unserer Schuld», schrieb am vergangenen Wochenende der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, der nicht gerade als Moralist bekannt ist. Die Lage ist also ernst. Gewiss, man hat mit der Monusco im Kongo eine der grössten UNO-Missionen aufgebaut; die Amerikaner haben mit dem Dodd-Frank-Act ein Gesetz geschaffen, das den Handel von Konfliktmineralien aus dem Kongo unterbinden soll. Und der Internationale Straf­gerichtshof in Den Haag hat seit 2012 mit Thomas Lubanga und Germain Katan- ga immerhin zwei kongolesische Mili- zenführer verurteilt, wobei Letzterer für ein Massaker verantwortlich gemacht wurde, dem 200 Menschen zum Opfer fielen – im Jahr 2003. Zwischen der Tat und der Verurteilung im März 2014 vergingen mehr als zehn Jahre. Und die ­Serie der Massaker bricht im Kongo nicht ab. Was tun angesichts dieser Misere? In Ohnmacht fallen? Sich in Zynismus üben, mit dem man sich alles vom Leib halten kann?

Eine mögliche Antwort auf die unhaltbaren Zustände im Kongo bietet das Theater. Zumindest für den Schweizer Regisseur Milo Rau, der sich seit Jahren den harten Realitäten verschrieben hat. Mit «Hate Radio» brachte der heute 38-Jährige den Völkermord von Ruanda auf die Bühne; mit «Breiviks Erklärung» machte er im Theater das Manifest des Attentäters Anders Behring Breivik öffentlich, der auf der Insel Utoya 77 Menschen erschoss. Und vor zwei Jahren mischte sich Rau in eine aktuelle Konfliktlage ein, als er mit seinen «Moskauer Prozessen» das Gerichtsverfahren gegen die Punkband Pussy Riot nochmals im Kunstrahmen verhandelte.

Nun also der Kongo, dessen Misere der Theatermacher in zwei Tribunalen untersuchte. Einmal im Kongo selbst, das andere Mal in Berlin – mit realen Akteuren, darunter ranghohe Regierungsvertreter, Oppositionspolitiker, NGOs, deren Kritiker sowie Rebellen, die ein­gestehen, dass sie vergewaltigt haben.

Ist Milo Rau komplett grössenwahnsinnig geworden? Die Frage ist berechtigt. Und sie stellte sich wiederholt, als ich Ende Mai in den Kongo reiste, um vor Ort für das Schweizer Radio über Milo Raus «Congo Tribunal» zu berichten. Dabei wurden bereits vor Beginn des theatralen Gerichtsprozesses harte Vorwürfe gegen Rau erhoben: Von Kolonialismus, Hybris, Geltungsdrang und fehlender juristischer Legitimität war die Rede. Das sind harte Vorwürfe, die man nicht so rasch erhebt, wenn man die Tradition kennt, in die sich Rau mit seinem «Congo Tribunal» stellt: 1966 rief Jean-Paul Sartre zusammen mit dem Philosophen und Mathematiker Bertrand Russell das «Vietnam-Tribunal» ins Leben, das die Frage klären sollte, ob sich die USA der Kriegsverbrechen schuldig gemacht haben.

Theatertribunale haben keine Macht. Aber sie können alles zur Sprache bringen, was das Gewissen empört.

An einem internationalen Gerichtshof, der von Nationalstaaten getragen wird, wäre gemäss Sartre die Klärung ­einer solchen Frage unmöglich, da die Abhängigkeiten unter den Staaten viel zu stark seien. Deshalb kämen gewisse Vorgänge denn auch nie zur Anklage. Es bräuchte also ein internationales Gericht, das unabhängig von allen Staaten agiert. Und genau hier setzten das «Vietnam-Tribunal» und alle Nachfolgeprozesse an, die man heute als «Russell-­Tribunale» kennt: Sie sind notwendigerweise machtlos im juristischen Sinne, da das Gewaltmonopol, das zur Voll­streckung von Urteilen notwendig ist, beim Staat bleibt. Dafür kann mit den «Russell-Tribunalen» alles zur Verhandlung gebracht werden, was Vernunft und Gewissen empört.

Nichts anderes hatte Milo Rau mit seinem «Congo Tribunal» im Sinn, dessen erster Teil in der Stadt Bukavu an der Grenze zu Ruanda und Burundi stattfand. Die Staatsmacht blieb dabei nicht unbeteiligt. Als die Verhandlungen im alten Theatersaal eines Jesuitenkollegs aus der Kolonialzeit begannen, nutzte der Gouverneur der Provinz Süd-Kivu, zu der Bukavu mit seinen 800 000 Einwohnern gehört, das symbolische Gerichtsverfahren wiederholt für seine Machtdemonstrationen. Seine persönliche Mitarbeiterin verhandelte jeden Tag um mehr Sitzplätze für den Regierungsstatthalter und dessen Entourage; er selbst kam notorisch zu spät, weshalb die Verhandlungen mit Verzögerungen von bis zu einer Stunde stattfanden. Der Gouverneur machte damit deutlich, dass er es war, der Raus «Congo Tribunal» ermöglichte.

Aber auch die politische Opposition wusste den Theaterprozess zu nutzen: Der Präsidentschaftskandidat Vital Kamerhe war mit einer grossen Mannschaft angereist, zu der auch Kameramänner und Fotografen gehörten.

Durch Konfusion zu Erkenntnis

Letztlich waren es aber gerade diese Konkurrenz zwischen Regierung und Opposition und die sich überkreuzenden Interessen von NGOs und UNO-Kritikern, die es möglich machten, dass auf Raus «Congo Tribunal» so viele unterschiedliche Aspekte mit realen Akteuren verhandelt werden konnten. Die juristische Konsequenzlosigkeit der Kunst erlaubte zudem Geständnisse, die in einem regulären Gerichtsverfahren kaum möglich gewesen wären: «Hat Ihre Miliz vergewaltigt?», wurde der Vertreter einer Rebellentruppe gefragt. «Die kongolesische Armee vergewaltigt auch», entgegnete der Befragte, der zwecks Anonymität von Raus Team unter einer braunen Burka verhüllt wurde, die ihn wie einen Imker aussehen liess.

Nicht zuletzt gab es in Raus Theaterprozess auch ein gewisses Mass an Konfusion, das als Erkenntnisbeschleuniger wirkte. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Innenminister der Provinz Süd-Kivu freimütig zugab, dass er nicht wisse, ob die Polizei in jener Nacht im Dienst war, als sich das Massaker ereignete, das Rau mit seinem «Congo Tribunal» untersuchen wollte.

Auch die kongolesische Zivilbevölkerung nahm Raus Tribunal an: Während drei Tagen harrten jeweils mehr als 500 Personen im Saal aus, um die Verhandlungen zu verfolgen, die bis zu fünf Stunden dauern konnten – ohne eine Pause. Offensichtlich gab es in Bukavu für die Anwesenden eine grosse Dringlichkeit, dabei zu sein und damit eine Öffentlichkeit für die verhandelten Fälle zu schaffen.

Die Stärken der Konfrontationsanstalt Theater liegen in ihrer bewusstseinsbildenden Kraft.

Mit seinem Theatergericht, das sich aus nationalen und internationalen Juristen zusammensetzte, war Raus «Congo Tribunal» denn auch ein Beispiel für die «chambre mixte», mit denen Juristen wie der Kongolese Sylvestre Bisimwa vor Ort die Verbrechen untersuchen wollen und der in Raus Gerichtsprozessen den Untersuchungsleiter gab. Und wenn gegen Ende der Sitzungen das Mikrofon im Saal herumgereicht wurde, erfüllte Raus Theaterprozess die Funktion eines Volkstribunals, von dem Jean-Paul Sartre träumte.

Für die Afrika-Korrespondentin Simone Schlindwein, die seit sieben Jahren aus Ostafrika berichtet, war das «Congo Tribunal» denn auch mehr als nur Theater: «In Ermangelung eines funktionierenden Justizsystems im Kongo» habe Raus Projekt «zum ersten Mal in der Geschichte die Frage nach der Verantwortung für die Verbrechen gestellt», schrieb sie in der TAZ. Das genügt selbstverständlich nicht: Am letzten Prozesstag versammelte sich vor dem Collège eine Gruppe Protestierender, die ein richtiges Tribunal forderten, mit Bestrafung der Täter und Entschädigungen für die Opfer.

Beides kann die Kunst nicht leisten. Die Stärken der Konfrontationsanstalt Theater liegen in ihrer bewusstseinsbildenden Kraft, die sich bei Milo Rau wesentlich aus der Unmittelbarkeit der Begegnungen mit realen Personen speist. Das zeigte sich auch beim «Congo Tribunal» in Berlin, wo man sich am vergangenen Wochenende nochmals für drei Sitzungen in einem Theatersaal versammelte, um die Ergebnisse aus Bukavu mithilfe von Experten durchzuarbeiten.

Die amerikanische Soziologin Saskia Sassen machte in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass wir ein starkes internationales Wirtschaftsrecht haben – aber weit weniger Möglichkeiten, Menschenrechtsverletzungen zu ahnden, weshalb die Richter quasi gezwungenermassen zu Anwälten von Unternehmen wie den grossen Minen­firmen werden.

Recht nicht nur für Juristen

Das muss sich ändern – und kann auch geändert werden. Das war das Anliegen von Wolfgang Kaleck, einem der Anwälte des Whistleblowers Edward Snowden: Er stand auf Raus Meinungstribunal dafür ein, das Recht als etwas zu verstehen, das auch von der Zivilgesellschaft eingefordert werden muss, wenn Wahrheit und Gerechtigkeit in die Welt kommen sollen. Die Verantwortung dafür lasse sich nicht delegieren. Das war auch das Plädoyer des Soziologen Harald Welzer: Die kongolesische Tragödie mache deutlich, dass es eine Staffelung der Verantwortung gebe, die all jene zu übernehmen hätten, die nicht zu den Opfern gehörten. Also auch wir.

Man muss sich also als Teil des Problems verstehen, das auf Milo Raus ­Tribunal skandalisiert wurde – und das nicht zuletzt in Gestalt der Bootsflüchtlinge zu uns dringt. Man kann das nun alles unglaublich pathetisch finden, als linkes Gutmenschentum oder gar als falsche Aktivität abtun, weil damit keine unmittelbare Änderung in die Welt kommt, die souveräne Checker wohl einfordern werden.

Aber angesichts von Millionen Toten ändern all diese Einwände nichts daran, dass Milo Rau mit seinem «Congo Tribunal» in Bukavu bewiesen hat, was engagierte Kunst im besten Fall kann: Bewusstsein bilden und politische Aktivität auslösen.


Radio SRF 2 Kultur sendet am Freitag, 3. Juli, um 9 Uhr einen Schwerpunkt zum «Congo Tribunal». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2015, 19:06 Uhr

Video

Das «Congo Tribunal». Quelle: Youtube

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