Kasperli meucheln

Für das neue Stück über eine Südpol-Expedition spannt das Luzerner Splätterlitheater mit Matto Kämpf zusammen. Dieser gibt sich alle Mühe, die nötige Menge Personal ableben zu lassen.

Haben sich auf unzimperliches Puppentheater spezialisiert: Jürg Plüss, Nina Steinemann und Patric Gehrig.

Haben sich auf unzimperliches Puppentheater spezialisiert: Jürg Plüss, Nina Steinemann und Patric Gehrig. Bild: zvg

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Die Aufführung der allerersten Splätterlitheater-Produktion, «Prinzessin Fu im Zombiewahn», fand 2005 im Restaurant Metzgerhalle in Luzern statt. Es lief prächtig: Das Publikum johlte, wenn einer der Protagonisten gemeuchelt wurde, und störte sich nicht daran, dass die Bühne aus Karton gebastelt war. Kasperlitheater für Erwachsene, ein voller Erfolg.

Die Überraschung kam hinterher: Das Kunstblut, das bei jedem Todesfall fröhlich durch den Zuschauerraum gespritzt war, hatten die noch unerfahrenen Splätterlitheater-Macher aus Wasser, Maizena und Lebensmittelfarbe angerührt. Das Maizena muss mit der Farbe irgendwie reagiert haben, jedenfalls erzählt man sich, dass die Blutflecken in der Metzgerhalle noch immer sichtbar seien. Das selbst gemachte Blut hat inzwischen dem hochwertigen Theaterblut der Marke Kryolan Platz gemacht. Jenes gibt es in der praktischen 5-Liter-Flasche zu kaufen.

Pudding und Gin

Das ist kein Kindertheater. Die Luzerner Handpuppenspieler, inzwischen bei ihrer fünften Produktion angelangt, orientieren sich am klassischen Kasperltheater, das im 16. Jahrhundert fusst. «Ursprünglich richtete sich das Genre an Erwachsene. Es durfte alles: derb sein und die Obrigkeit aufs Korn nehmen», sagt Schauspieler Patric Gehrig. Beide Aspekte erfüllt das Splätterlitheater – ein Zusammenzug aus dem Horrorgenre Splattermovie und Kasplerlitheater – spielend. Das Plakat zum Stück «Em Schnäuzli sine letschti Kampf» – es handelt von Freud und Leid eines halb lobotomierten Nazis – wurde in St. Gallen von der Polizei entfernt, weil sie es pietätlos fand. Nur den Werkbeitrag von Stadt und Kanton Luzern, den gabs trotz aller Subversion.

Bereits vor zwei Jahren kehrte das Splätterlitheater-Team, bestehend aus Patric Gehrig, Nina Steinemann und Jürg Plüss, in Bern ein, damals mit dem «Schnäuzli»-Stück. Nun ist das Ensemble wieder im Schlachthaus zu Gast, und zwar verstärkt: Den Text zu «Schlachthuus Südpol» hat der Berner Autor und Filmemacher Matto Kämpf geschrieben. Es handelt von einem Wettrennen zum Südpol, das vier Parteien bestreiten: einmal ein Paar englische Lords, bis oben hin voll mit Gin und Nationalstolz, die schon an der Schiffsdiät aus Pudding beinahe zugrunde gehen. Zweitens zwei Outdoorfanatiker, die ihre Grenzen ausloten wollen, stilecht angetan mit Goretex-Gear, Faserpelz und «Challenger»-Schlauchboot. Die Gruppe der Nihilisten will zum Südpol, weil sie sich von der dortigen Leere Linderung ihrer Sinnlosigkeit verspricht. Und schliesslich macht sich auch ein Naturforscher auf den Weg, der hier und da «ein Pinguingägeli in ein Plastiksäckli tun» will. «Eine Südpol-Expeditions-Parodie schwebte mir schon länger vor», sagt Kämpf, «über diese abstruse Idee, am Südpol irgendwo im Nichts als Erster ein Fähnchen einzustecken.» Er hatte sich in Büchern über die Geschichten von Glücksrittern wie Amundsen oder Scott längst kundig gemacht und brauchte nur noch einen Rahmen, um die Geschichte zu spinnen. Als er 2010 im Schlachthaus unter einer der verteilten Regenparkas (als Schutz vor Blutspritzern) sitzt und Zeuge des «Schnäuzlis» wird, ist er angetan von der Darbietung. Und fragt die Luzerner Gruppe um eine Zusammenarbeit an.

«Jä so, jä so, klar wie Haferstroh»

In Luzern war man sich zunächst nicht einig, ob man sich diesen Autor ins Boot holen sollte, schliesslich hatten die drei Puppenspieler ihre Stücke immer selbst improvisiert, verbessert und irgendwann geschrieben. «Wer ist Matto Kämpf?», fragte sich Patric Gehrig ganz grundsätzlich. Denn Kämpf, der in Bern lebende und schaffende Macher der «Tiergeschichten», der liebevoll verfilmten Chanson-Preziosen («Leider ohni Chleider»), war ihnen unbekannt. Einige Recherchearbeit später – die Truppe besah sich etwa anonym Kämpfs «Bluetsuuger – ein Vampirschwank» im Zürcher Theater Winkelwiese – hatten sie den Entschluss gefasst: Matto passt in den Splätterli-Kosmos.

«Sie machten mir lediglich drei Anweisungen», erinnert sich Kämpf. «Erstens sollte die Geschichte nicht von Nazis oder Zombies handeln, weil sie die bereits hatten.» Zweitens müssten zum Ende des Stücks mindestens zehn Figuren ihr vorzeitiges Ende gefunden haben. «Und Regel 3: Kasperli muss in den ersten zehn Minuten sterben», sagt Kämpf. Letzteres fiel ihm leicht. «Mein Kasperli ist ein penetranter Reimer», sagt Kämpf. «Die Hoffnung ist, dass die Zuschauer vor lauter ‹Jä so, jä so, klar wie Haferstroh› oder ‹Läck Bobbi, verzeu das am Globi› von dieser Figur bald so genervt sind, dass sie erleichtert aufatmen, wenn er endlich stirbt.» Er wird dann, anders als die unglücklichen Forscher, die durch Eisbären, Seeungeheuer, Trennscheiben und die Niedertracht der Mitstreiter den Tod finden, rechtzeitig zum Ende wieder auferstehen, schliesslich hält er den Schlussmonolog.

Der kindliche Hang zur Drastik

An der «Schlachthuus-Südpol»-Uraufführung in Bern findet das Splätterlitheater erstmals nicht auf einer 2 Meter breiten Kasperlibühne statt: Die Mimen haben sich aus dem Kasten befreit und bringen sich nun selbst in Lebensgrösse ins Geschehen ein – zusätzlich zu den Puppen an ihren Händen. «Wir wollen uns weiterentwickeln», sind sie sich einig. Eine weitere Premiere schwebt ihnen bereits vor: Dereinst soll es ein Splätterlitheater-Stück für Kinder geben. «Wir müssten unseren Stil vermutlich nur leicht anpassen», sagt Nina Steinemann, «Kinder haben ja einen Hang zur Drastik.»

(Der Bund)

Erstellt: 11.10.2012, 10:05 Uhr

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Premiere im Berner Schlachthaus-Theater: Freitag, 12. Oktober, 20.30 Uhr. Das Stück ist bis Samstag, 27. Oktober, zu sehen.

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