Konzertanter Holzschnitt

«Jakobs Ross» solls richten: Intendant und Regisseur Peter Kastenmüller bringt am Theater Neumarkt den Debütroman der Zürcherin Silvia Tschui auf die Bühne. Und hat sich damit gekonnt vergaloppiert.

Das Ensemble versteht sich auf rustikale Selbstironie: Dominique Jann und Miriam Strübel. Foto: Patrick Hürlimann

Das Ensemble versteht sich auf rustikale Selbstironie: Dominique Jann und Miriam Strübel. Foto: Patrick Hürlimann

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Blutig sind die Hände, die Jakob unter Elsies Rock hervorzieht: Eibe und Salbei, Peterli und Engelwurz haben ganze Arbeit geleistet. «Das Balg, mis Ross!», brüllt der Bauer (Dominique Jann als zartgliedriger Grobian) und schleudert die junge Frau gegen die Wand; doch ­Miriam Strübels ausgefuchstes Geschöpf lässt sich nicht unterkriegen.

Da haben zwei im Dreck für ihre Träume vom Leben an der Sonne knallhart kalkuliert – aber die Frau konnte besser rechnen. Der Mann hatte auf «das Billett in Elsies Bauch» gesetzt. Die war schwanger vom feinen «Fabrikdiräkter» von Wädenswil, der seine hübsche Bohnermagd vergewaltigt hatte. Für die Ehe mit der Gefallenen hat Rossknecht Jakob einen verlotterten Pachthof im Zuger Kaff Finstersee und zwei kümmerliche Kühe erhalten. Schon sieht er sich als Rossbesitzer, Fuhrunternehmer und, endlich!, freier Bürger. Kann man mehr wollen im 19. Jahrhundert? Elsie hat mehr gewollt: nämlich mit der «Fidle» nach «Floränz» an die Musikakademie, von der das Direktorstöchterchen erzählt hatte. Elsie hat ein grosses Talent und eine noch grössere Künstlervision, in der kein Platz ist für ein Kind.

Junger Text, altes Thema

So beginnt der Debütroman der 1974 geborenen Zürcherin Silvia Tschui, mit dem sie im letzten Frühling Furore machte. Die Autorin von «Jakobs Ross» hatte eine Lesung nach der andern, gab ein Interview nach dem andern, gestand freimütig ihre Recherchefaulheit, ihr Andocken an die Welt der Grosseltern und bäuerlicher Verwandter, an das Vokabular der Fünfzigerjahre und an die Bilder des heutigen Zeichentricks (Tschui ist eine erfahrene Animationsfilmkünstlerin). Jetzt hat das Theater bei ihr angedockt: Am Neumarkt, wo man derzeit unterm Motto Alpenwut schwer daran arbeitet, in Zürich zu landen, kam der Roman mit seinem helvetischen Kunstdialekt gerade recht. Junger Schweizer Text, altes Schweizer Thema – hoher Himmel, enges Tal. Sex und Prüderie, Missbrauch und Gewalt, Patriarchat und Klassengesellschaft, Verdingkinderelend, Jenischenschicksal und Fremde-Fötzel-Rhetorik ebenso inbegriffen wie Kunstreligion, Volkssagen-Folk und magischer Realismus. Und wir seufzen mit Elsie: «Jenu».

Es ist nicht so, dass der Münchner Hausherr und Regisseur Peter Kastenmüller das nicht könnte. Im Gegenteil: Er macht es exakt so, wie ein gewiefter Theatermacher das halt macht. Er unterläuft das opulente Erzählen mit einem extremen Minimal Theatre und baut dafür die (Sprach-)Musik zum über anderthalbstündigen Event mit Flügel, Harmonium (Vera Kappeler) und Schlagzeug (Peter Conradin Zumthor), Gesang und Geräuschkulisse aus. Und das alles auf riesiger, aber raffiniert kahler Bühne, die Jo Schramm der Länge nach in den Saal gebaut hat: Die holzgetäferte Wand säumt einen schmalen Bühnenboden von der Farbe morastiges Schwarz wie ein entschieden unfreundlicher Bretterzaun. Der hat kaum sichtbare Drehtüren für die rasche Rein-raus-Dramatik. Alles ist bloss Fragment, Zitat: die Trachten-Versatzstücke (Kostüme: Franziska Born); das Zaumzeug (statt Pferd); der Geigenbogen (statt ganzer Violine).

Das vielköpfige Personal von Herrenhaus, Bauernhof und Dorf entsteht dementsprechend aus nur drei Schauspielern. Die in der Schweiz aufgewachsene Allgäuerin Strübel gibt mal die naive höhere Tochter mit dem «Butterherzen» und der Weltblindheit, mal «das Elsie» mit der goldenen Kehle und der begnadeten Geigenhand, die immerzu melken, jäten und Hohlsäume nähen muss. Jann wiederum, gleichfalls im Kanton Bern gross geworden, ist der Yin-Yang-Mann vom Dienst: hier magischer Jenischer, da verzweifelt-brutaler Jakob. Andreas Matti – genau, Kindheit im Bernischen – kann alles, vom Fabrikdiräkter über den Verdingbub bis zum sehr witzigen Ross (bravo!).

Auch bei den Darstellern also keine Frage: Das Ensemble versteht sich auf rustikale Selbstironie, aufs gebrochene Illustrieren, musikalische Erzählen. Das Bekenntnis zum Träumen kommt, trotz Happy End für Elsie, nicht barock oder vom Sentiment beschickert daher. Reduktion wird im Neumarkt mit viel Aufwand und noch mehr Überzeugung hergestellt. Gemeinsam mit Kappeler und Zumthor veranstalten die Schauspieler eine Art konzertanten Holzschnitt in Grossformat.

Zürich ist anderswo

Im Kleinformat hat man so etwas in der Limmatstadt bereits oft gesehen: «Vrenelis Gärtli» von Tim Krohn beispielsweise, vom Theater Konstellationen mit Kontrabass in die Rote Fabrik hineinkakofont oder vom Puppentheater Roosaroos mit Melkschemeln, Bassklarinette und Ziehharmonika ins Theater Stadelhofen hineinexperimentiert. Da passt sie denn auch wunderbar hin, diese märchentrunkene Form von sozialkritisch-historischer Heimatliteratur.

Zürich heute ist allerdings anderswo. Von einer hochaktuellen und hochagilen Posse wie «Ein Teil der Gans im Haus der Lüge», mit der das Theater Neumarkt im Herbst begeisterte und die in dieses Haus gehört wie der Fisch ins Wasser, ist «Jakobs Ross» meilenweit entfernt. Das Theater, das mit den schlechten Zahlen von Kastenmüllers Einstandssaison 2013/14 unfreiwillig eine Debatte über die Zürcher Kultursubventionen im Allgemeinen lostrat, ist nun – durchaus kraftvoll und mit Karacho – aus jeder theatralen Relevanz hinausgaloppiert.

Erstellt: 19.01.2015, 16:41 Uhr

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