Lehmpampe und Theaterblut

«Genesis»: Stefan Bachmann hat Grosses in die Schiffbauhalle gebaut – den Berg Sinai und das ganze 1. Buch Mose. Er fordert den Zuschauer gehörig, bietet ihm aber auch allerhand komische Abwechslung.

Die Bibel ist voll von Gräueln und Grausamkeiten, und auch Gott macht nicht immer eine sympathische Figur: Szene aus «Genesis».

Die Bibel ist voll von Gräueln und Grausamkeiten, und auch Gott macht nicht immer eine sympathische Figur: Szene aus «Genesis». Bild: Toni Suter (T+T Fotografie)

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Der Berg ruft. Laut und deutlich und unwiderstehlich und für einmal mitten in Zürich: im Kreis 4, in der Schiffbauhalle. Da nämlich ragt riesig der rotbraune Sinai empor, jener Berg, wo Gott einst zu Moses sprach, wo er ihm Gesetze und Tora offenbarte – also auch die «Genesis», das 1. Buch Mose, das auf Hebräisch Bereschit heisst, «im Anfang». Und nun wird dieses Buch aufs Neue auf dem Berg erzählt, und zwar uns, von allem Anfang an.

Der Gott, der jetzt hinter dem Ganzen steht, heisst Stefan Bachmann: ein Regisseur mit Löwenmut und Engelsgeduld. Der 46-jährige Zürcher hat sich auf eine künstlerische Gratwanderung eingelassen: Er hat den Text, in der Fassung der katholischen Einheitsübersetzung der Bibel, integral und ungekürzt auf den Lehmgipfel gehoben, den der Bühnenbildner Simeon Meier in die

Halle hineingebaut hat. «Genesis, die Bibel, Teil 1» ist ein Brocken wie das Bergungetüm selber: fast fünf Stunden biblischer O-Ton, ergänzt um manchen Zwischenton, Unterton und Oberton.

Da fehlen kein Kapitel und kein Vers, keine Aufzählung und keine Wiederholung; da wird kein Widerspruch getilgt und keine Gottesschwäche beschönigt. Bachmann behandelt die Genesis, diese heilige Schrift der drei grossen monotheistischen Weltreligionen, wie Milo Rau die historischen Dokumente in seinem kritischen Polittheater: nicht als Steinbruch, nicht als beliebige Stoffansammlung, sondern als Ausstellungsstück, als etwas, das ganz von selbst spricht, für sich oder gegen sich, wenn man es nur lässt; als etwas zum Anschauen, nicht zum Abschleifen. Und wie bei Rau löst auch bei Bachmann gerade diese Unberührtheit der Vorlage ein Unbehagen (an ihr) aus. Vielleicht ist der Regisseur doch eher ein Satansbraten als ein Gottesmann.

Es ist beinah so, als ob man mit dem US-Comedian Bill Maher in den amerikanischen Bible Belt fährt und die Leute dort so hemmungslos ins Mikro plappern, wie sie es in seinem Dokfilm «Religulous» taten – über die Wunder, die Gott getan hat, von der Erschaffung der Welt bis zur Erschaffung von George W. Bush, über die Strafen, die er verhängen, und die Versprechen, die er erfüllen wird.

Aber eben nur beinah: Denn Bühne bedeutet grundsätzlich Brechung, egal, wie wortgetreu man agiert. Das weiss auch Bachmann; darum ist sein Erzähler Michael Neuenschwander, der mit der Lektüre von Gen 1,1. anhebt, ein irrer Mix aus Chassid, Hells Angel und Cowboy mit seinem langen, schwarzen Ledermantel, dem schwarzen Hut und den schwarzen Boots.

In denen wandelt der Bärtige gemessenen Schrittes mehrmals rund um den Berg und bringt jeweils ein Requisit für die Fiktionsproduktion mit, einen Notenständer, einen Mikroständer, eine Wasserflasche. Der Trockeneisnebel wabert über dem Lehm wie der Geist Gottes über den Wassern, im Subtext scheint Goethes «Faust» zu sirren («So schreitet in dem engen Bretterhaus / Den ganzen Kreis der Schöpfung aus»), und dann ist es so weit: «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.» Und wir erleben, wie erst quälend behutsam und später geradezu brutal karnal aus dem Wort Fleisch wird, aus der Lektüre Vision.

Meist im Adamskostüm

Bachmanns «Genesis» ist eine Art Castorf-Theater ohne Collage und mit mehr Humor. Mann trägt oft Lendenschurz, öfter noch Lehmpampe («denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück») und am allerhäufigsten das Adamskostüm (Kostüme: Anabelle Witt). Das kommt besonders effektvoll zur Geltung, als Gen 17,10–14 gegeben wird: «Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden», fordert Gott von Abraham als Zeichen ihres Bundes. Der greift zum Messer und beschneidet eine Reihe nackter Männer im Akkord. So viel Theaterblut hat man schon lang nicht mehr gesehen! Die herumfliegenden Vorhautfetzen sind Trashtheater pur.

Es wurde viel gelacht während dieses Fünfstünders; die Regie hat versucht, den Respekt vorm starken Text mit dem Respekt vorm schwachen Zuschauer zu verbinden, der sich von all den ellenlangen Stammbäumen und all den altbekannten Storys (Eden, Arche, Babel) und anstrengenden Rachegottgeschichten bisweilen erholen muss. Man nennt es «Comic Relief», und Bachmann hat dafür eine Menge Tricks in Anschlag gebracht, vom verrückten PanflötenKaraoke übers Cartoon-Zitat bis zur Stummfilm-Persiflage; vom SaddamErdloch bis zum Da-Vinci-Abendmahl, das er mit Westernfiguren besetzt. Anders formuliert: Für bibeltreue Christen ist dieser bibeltreue Schöpfungsmarathon vermutlich nichts. Aber – und das ist buchstäblich die Gretchenfrage dieses Abends – für wen ist er etwas? Für Bibelschüler? Für Bibelkritiker?

Keine Frage, dass da ein tolles, 10-köpfiges Ensemble alles tut, um seinen wechselnden Rollen Profil zu geben und den wechselnden Erzählsträngen Fluss und Form; Julia Kreuschs Sara etwa bleibt uns genauso in Erinnerung wie Susanne-Marie Wrages Rebekka oder Marek Harloffs Joseph. Ganz zu schweigen von der fantastischen Leistung, so ein Werk zu stemmen, wenn zwei Schauspieler kurzfristig ausfallen: Chapeau für Ersatzmann Niklas Kohrt und Lukas Bärfuss, der umständehalber in «Genesis» sein Debüt als Schauspieler hatte! Keine Frage auch, dass uns die Wort-fürWort-Inszenierung dieses Urtexts unserer Kultur nicht nur in Erinnerung ruft, sondern seine Absurditäten und Gewalttaten nochmals in aller Schärfe vor Augen führt.

In hässlicher Regelmässigkeit bieten da Männer ihre Frauen irgendwelchen Potentaten an, indem sie sie als ihre Schwester verkaufen – um ihre eigene Haut zu retten. Sklavenhaltung versteht sich von selbst; und ein Gott, der über Jahrhunderte Dinge verspricht, die er erst nach langem Zögern und unter verschärften Bedingungen einlöst, ist auch nicht gerade sympathisch. Dass das wichtigste Versprechen ausgerechnet darin besteht, Land in Aussicht zu stellen, das andere Völker bereits besiedeln, ist gleichfalls nicht ganz einfach.

Striche wären gut gewesen

Das ist alles überhaupt nicht neu, wird durch die rhythmisch-musikalische Inszenierung aber frisch akzentuiert (Musik: Max Küng). Und noch ein Bund, noch ein Bruderzwist, noch eine Benennungsorgie: Erst in dieser Verdichtung wird glasklar, wie und warum Verträge bis heute den Grundpfeiler unserer Gesellschaft ausmachen.

Trotzdem hätte sich der schwache Zuschauer Striche gewünscht. Und trotzdem wars teils fragwürdig, wie die Regie heiligen Eifer, religiösen Ernst und bissige Karikatur zusammenführte, so unentschieden, so schwankend, wie es säkulare Agnostiker – also wir, das typische Theaterpublikum – es eben sind. «Genesis, Die Bibel, Teil 1» war ein wenig wie der geografisch korrekte Kichererbseneintopf in der Pause: gar nicht schlecht. Aber ein Nachschlag muss nicht sein. "Der Trockeneisnebel wabert über dem Lehm wie der Geist Gottes über den Wassern, aus dem Wort wird Fleisch. Die Regie rührt heiligen Eifer, religiösen Ernst und bissige Karikatur zusammen: mit teils fragwürdigem Ergebnis."

Erstellt: 17.09.2012, 07:44 Uhr

Info

Am Sonntag, 23. September, 16 Uhr, Podiumsdiskussion zu «Genesis» mit Sadaqat Ahmed (Imam Ahmadiyya Bewegung Zürich), Rabbi Marcel Yair Ebel (Israelitische Cultusgemeinde Zürich) und Niklaus Peter (Pfarrer Fraumünstergemeinde).

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