Leisten Sie sich ein achtsames Leben?

Das junge, weibliche Leitungstrio des Zürcher Neumarkt-Theaters wollte viel zum Start seiner Intendanz – zu viel.

Jakob Stark (links) und Alireza Bayram buhlen beim Tanzmarathon in der Neumarkt-Inszenierung «They Shoot Horses, Don’t They?» ums Publikum.  Foto: Philip Frowein

Jakob Stark (links) und Alireza Bayram buhlen beim Tanzmarathon in der Neumarkt-Inszenierung «They Shoot Horses, Don’t They?» ums Publikum. Foto: Philip Frowein

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Anna Hofmann und Jeremy Nedd sind die wahren Helden des Abends. 80 Minuten laufen, tanzen, springen sie auf der Stelle, mal schneller, mal langsamer, immer aber energisch: er im rotglitzernden Fummel; sie im schicken Schwarzen über dem Gymnastikdress, am Kleid steckt ein Mercedesstern. Und beide sind dabei völlig ungerührt von allem, was da sonst während «They Shoot Horses, Don’t They?» auf der Bühne des Zürcher Neumarkt-Theaters abgeht, sind versunken in ihr stoisches Auf und Ab.

Schon das Zuschauen erschöpft; aber die zwei neuen Ensemblemitglieder mit Jahrgang 1990 (die Hamburgerin Hofmann) und 1985 (der New Yorker Nedd, der hier mit Mike Bonnano für die Regie verantwortlich zeichnet) sind Kinder des Spätkapitalismus und haben dessen Glaubenssätze mit der Muttermilch aufgesogen: Man muss nur wollen, dranbleiben, durchhalten. Und: Wers nicht schafft, ist selber schuld. Genau von einer solchen Welt erzählt auch Horace McCoys hardboiled Roman von 1935 – dessen Titel darauf anspielt, dass zumindest Pferde schlimmstenfalls einen Gnadenschuss bekommen.

Brutaler Wettbewerb

McCoy schildert die Not während der Weltwirtschaftskrise in seiner Story über einen wochenlangen Marathon, bei dem die Menschen sich für einen Schnipsel Lebensperspektive bis zum Herzinfarkt tanzen. Unvergesslich verfilmt wurde der Stoff 1969 von Sydney Pollack, mit Jane Fonda.

Doch der brutale Wettbewerb, der mit einem grossen Preis winkt – welcher sich als Enttäuschung entpuppt –, lässt auch ans Heute denken, etwa an Castingshows, dieses seltsame Unterhaltungsformat, das mit den Hoffnungen aufs grosse Glück dealt. Es zeugt vom gesellschaftskritischen Impetus und von der Selbstreflexion des jungen Leitungstrios, dass es zum Start seiner Intendanz «They Shoot Horses, Don’t They?» aussuchte.

«Who is weak? Who is likeable?», fragt der Conférencier nach unserer Einschätzung. «Who dies first?»

Wir Zuschauer werden, wie im Pollack-Film, als konsumierende Voyeure rund um die Tanzarena verteilt (Bühne: Laura Knüsel); und der amerikanische Kommunikationsguerillero Mike Bonnano aus der Aktivistengruppe The Yes Men hat sich mit einem kanariengelben Anzug, Cowboyhut und Rollschuhen ausstaffiert, um uns als rasender Conférencier tüchtig einzuheizen. «Who is weak? Who is likeable?», fragt er nach unserer Einschätzung. «Who dies first?»

Giftig aktualisiert

Wohl nicht verkehrt angesichts des jungen Publikums ist die Annahme, dass jeder die Aufführung auch ohne Untertitel versteht, obwohl erst in Minute 60 die ersten deutschen Sätze fallen. «In Bewegung bleiben war alles», berichtet da der Typ mit Nr. 00 auf dem Rücken (Leon Pfannenmüller) vom Überleben während des Marathons. Und er fantasiert sich in eine Zeit, in der es mehr gibt als blosses Sich-Abrackern, Gerade-So-Durchkommen.

Klar, dass die Konzeptverantwortlichen – Bonnano, Ko-Theaterleiterin Hayat Erdogan und Tänzer Jeremy Nedd – die heutige Arbeitswelt im Visier haben. Überhaupt streuselt Bonnano immer wieder giftig Aktuelles dazwischen wie: «Who is part of the 1 percent? Who has health insurance? Who can afford awareness?»

Conférencier Mike Bonnano kennt kein Erbarmen. Foto: Philip Frowein

Jedenfalls nicht die, die um ihr Leben tanzen müssen. Aber wir schon. Und plötzlich packt Bonnano sie aus, die Moralkeule: den Verweis auf die unsichtbaren, tödlichen Kreise, in denen sich die Gesellschaft dreht; auf die Kugeln der schweizerischen Ruag, mit denen auch Diktatoren ausgerüstet werden. Auf den brennenden Amazonas, in dem unsere Zukunft abgefackelt wird: «A murder-suicide of epic proportions.»

Überambitioniert

Bei diesem machen wir mit, auch im kleinen Rahmen: In Spezialwettbewerben dürfen wir so bei «They Shoot Horses, Don’t They?» unsere Stimme abgeben und Leute knallhart abwählen aus dem Ensemble mit der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Soydan, dem iranisch-schweizerischen Schauspieler Alireza Bayram, dem jungen Bayern-Import Leon Pfannenmüller, dem jungen deutschen Schauspieler Jakob Stark, der schon 2010 bis 2013 fix am Neumarkt war, und dem multidisziplinären Gastkünstler Florian Denk.

Sie treten unter ihrem richtigen Namen auf, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion bröckeln – auch durch die Videopassagen, die Momente der ersten Teile des Zürcher Bonnano-Projekts präsentieren. Im Grunde ist die Auftaktsoiree am Neumarkt eine einzige Lecture-Performance – und zugleich Höhepunkt des Projekts, das am Theaterspektakel mit einem echten Tanzmarathon auf der Landiwiese begann und fortgesetzt wurde in einem Glaswürfel am Hauptbahnhof sowie durch eine gefakte Medienkonferenz.

Keine Frage: Die gesamte künstlerische Versuchsanlage ist überambitioniert – und ebenso überdimensioniert wie der Tanzmarathon der Dreissiger. Aber es ist sympathisch, dieses unverdeckte, spürbare Zuvielwollen; dieses unsubtile Ringen mit dem sperrigen Ding Theater, das sich in die Zeit und Zuschauergemeinschaft hineindehnt. Es lässt sich nicht so einfach fürs Gute instrumentalisieren. Dass die Macher von «They Shoot Horses, Don’t They?» keine komplett zuschanden gerittene Theaterleiche zurückliessen: Davor zieh ich den Helm.

Erstellt: 19.09.2019, 16:00 Uhr

Artikel zum Thema

Jung, weiblich, kollegial: Das neue Neumarkt-Theater

Als ein etwas anderes Dreispartenhaus imaginieren die drei neuen Leiterinnen des Neumarkt-Theaters, Hayat Erdogan, Tine Milz und Julia Reichert, die Bühne im Herzen Zürichs. Mehr...

Theater Neumarkt fälscht Pressekonferenz der Ruag

Produziert Ruag grüne Technologien statt Munition? Eine Kunstaktion verbreitet diese «Utopie» – um «Impulse zu setzen». Mehr...

So viel – so wenig – Theater muss möglich sein

Analyse Schon wieder Ärger um einen Fake: Das Zürcher Theater Neumarkt gab sich kurz als Ruag aus. Freuen Sie sich doch mal: Trashquatsch, Nabelschau, alles passé! Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...