«Lokal verwurzelt, international vernetzt»

Das künftige Intendantenduo will am Schauspielhaus Zürich Utopien wie flache Hierarchien und Partizipation durchspielen.

Die zwei neuen Intendanten sind «voller Zuversicht und Elan»: Benjamin von Blomberg (l.) und Nicolas Stemann. Foto: Reto Oeschger

Die zwei neuen Intendanten sind «voller Zuversicht und Elan»: Benjamin von Blomberg (l.) und Nicolas Stemann. Foto: Reto Oeschger

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Sie sind beide an den Münchner Kammerspielen daheim, als Hausregisseur und Chefdramaturg – was reizt Sie an Zürich?
Stemann: Zürich ist eine Weltstadt. 60 Prozent der Stadtbervölkerung hat eine Migrationsgeschichte, die Internationalität ist Lebensrealität. Und auch das Interesse an Kunst und die Bereitschaft, sie zu fördern, ist ausgeprägt. Zum Theatermachen braucht es nicht vielmehr! Ausser vielleicht dann auch noch ein so gut bestelltes Haus wie das Schauspielhaus. Ich bin schon beeindruckt davon, was Barbara Frey hier in den vergangenen Jahren geleistet hat, künstlerisch und strukturell.
Blomberg: Und dann kam aber ja auch deine Professur an der Zürcher Hochschule der Künste dazu.
Stemann: Das stimmt: ich habe die Stadt schon ein bisschen kennengelernt und bin begeistert, was die ZHdK alles auf die Beine stellt, weswegen wir gewiss auch in Zukunft eng zusammenarbeiten werden. Meine Überzeugungsarbeit bei Benjamin von Blomberg wäre vielleicht nicht gleich so so leidenschaftlich ausgefallen, hätte ich die konkreten Erfahrungen mit den Studentinnen und Studenten hier nicht gemacht.

Kann das an der Spitze eines so grossen Dampfers klappen mit geteilter Verantwortung?
Blomberg: Vielleicht gerade da! Dieser Dampfer ist ja vor allem ein Ort der geballten Kompetenz und Erfahrung. Sie können daher jedem einzelnen Mitarbeiter viel zutrauen. Und eine kooperative Leitungskultur ermöglicht vielleicht genau das: Der Akzent liegt auf dem Dialog und auf dem In-den-Dialogbringen von kompetenten und selbstständigen Kollaborateuren. Diese Prozesse des Miteinanders zu moderieren, das können wir. Und wir haben vor allem genug Erfahrung miteinander gemacht, um zu wissen, wie wir beide uns dabei ergänzen, herausfordern und – aufeinander achtgeben. Unsere Idee ist es ja, eine kleine, hinsichtlich der ästhetischen und kulturellen Verortung maximal heterogene Truppe an Theamtermachern hier in Zürich zu verwurzeln, die sich ganz auf Zürich einlassen und mit einem starken Ensemble ein Programm für die Stadt machen sollen.
Stemann: Es geht uns gerade nicht darum, in der Welt herum zu kuratieren, Produkte einzukaufen. Theater muss der Ort sein, wo gesellschaftliche Realität reflektiert wird – und wo gesellschaftliche Utopien wie flache Hierarchien, Partizipation und Zusammenarbeit konkret und buchstäblich durchgespielt werden können. Wo geht das, wenn nicht im Theater? Wir wollen ein konkretes, praktiziertes Zeichen setzen gegen die Exklusion und das Untersichbleiben, das zur Zeit Konjunktur hat. Theater ist im Kern auch eine soziale, partizipative Kunstform.

Für die Uraufführung von Jelineks «Schutzbefohlenen» holten Sie Flüchtlinge auf die Bühne.
Stemann: Daraufhin wurden Stimmen laut, ob man das dürfe - und überhaupt: würden die Geflohenen danach nicht wieder allein gelassen werden? Was ganz konkret nicht so war: Für die meisten der Beteiligten haben sich die verknüpften Beziehungen nachhaltig ausgewirkt. Aber ganz unabhängig davon: Theater kann und soll nicht Sozialarbeit leisten und Probleme lösen, die die Politik nicht in den Griff bekommt. Wir wollen zunächst Bilder schaffen, Energien und Vorgänge - die gesellschaftspolitische Wirkung davon, auch ganz konkret, darf man nicht unterschätzen.
Blomberg: Das Schauspielhaus, das uns vorschwebt, wird also nicht nur über seine Produktionen sichtbar und kenntlich werden – kommuniziert wird auch der Prozess des Theatermachens selbst. Der Bild einer «Manufaktur» ist uns näher als jenes eines Produktionshauses oder Durchlauferhitzers mit nicht zwangsläufig am Ort erarbeiteren Inszenierungen.

Sie sprechen vom tollen Klima am Haus und in der Stadt; Zürich ist aber mit seinen Intendanten oft nicht pfleglich umgegangen, von Peter Löffler über Achim Benning bis Christoph Marthaler –
Stemann: Ja, die Beziehung der Stadt Zürich zu ihren Intendanten scheint nicht immer eine Erfolgsgeschichte gewesen zu sein. Ich bin trotzdem voller Zuversicht. Bislang waren alle ausgesprochen nett zu uns – der Auswahlprozess und die Verhandlungen waren sehr angenehm und partnerschaftllich. Ich will mich auf die Stadt einlassen: In den ersten Jahren werde ich wohl auch nirgendwo anders inszenieren, mich ganz auf den Aufbruch des Theaters hier konzentrieren.

Gehört zur neuen Öffnung auch ein engerer Kontakt zur freien Szene? Im Juli legt die Stadt ihr Panorama der hiesigen Theaterlandschaft vor. Wird sich da etwas verschieben?
Stemann: Wir kommen ja gerade erst hier an - möchten aber auf die anderen Kulturinstitutionen zugehen und schauen, wie wir sinnvolle Synergien stiften können.

Sie sagen, der Betrieb sei überhitzt, produziere zu schnell zu viel. Wird Zürich weniger Schauspielhausproduktionen sehen?
Stemann: Die Atemlosigkeit der Produktion an vielen Stadttheatern ist eine Reaktion auf einen befürchteten Relevanzverlust. Aber ist Theater als diskursive, kollektive Kunst heute nicht relevanter denn je? In meiner konkreten Arbeit erlebe ich immer wieder, wie dankbar Leute sind für diskursive Räume im Theater.
Blomberg: Wir streben nicht nach Menge, sondern eher nach der identifikationstiftenden Konzentration auf die Arbeiten der hier exklusiv wirkenden Künstler – und wollen diese Arbeiten nachhaltiger und wertvoller verwerten und auch international ausstrahlen lassen. Daher auch unser Motto: «lokal verwurzelt, international vernetzt».
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2017, 01:24 Uhr

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