Militanter lachen mit Hazel B.

Sie ist die böseste Frau der Schweiz: Hazel Brugger, amtierende Schweizer Meisterin im Poetry-Slam. Ihre Mission ist es, den Humor in der Schweiz dunkler zu machen.

«Mit Denken und Staunen beginnt die Komik»: Hazel Brugger nimmt Platz.

«Mit Denken und Staunen beginnt die Komik»: Hazel Brugger nimmt Platz. Bild: Dieter Seeger

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Der Moderator ruft: «Hazel!», das Publikum schreit: «Brugger!!», und auf der Bühne erscheint ein Paar Hängeschultern, das eine schlecht gelaunte junge Frau einmittet. Und die beginnt nun zu sprechen und, ohne die Stimme zu heben, das Publikum dieses Poetry-Slams zu beschimpfen. «Wenn ihr mich nicht weiterkommen lasst, seid ihr nationalistische Sexistenschweine.» Das deutsche Publikum lacht, und die Frau am Mikrofon sagt: «Geil, die Schweizerin hat uns fertiggemacht.»

Man kann es an Poetry-Slams erleben und auf Youtube überprüfen. Nämlich erstens, wie souverän abgelöscht diese Hazel Brugger die Bühnen der Slams besetzt, diese Lesewettbewerbe um eine Flasche Schnaps. Und wie sie dabei zweitens mit den Erwartungen des Publikums spielt, sie von sich abprallen und in den Saal zurückfallen lässt; diese Lust zum Beispiel, es von der krassen Brillenschlange da oben gründlich besorgt zu bekommen. Von der amtierenden Schweizer Meisterin in Poetry-Slam und Misanthropie, die schon als Kind am liebsten Völkermordball spielte.

Hazel Brugger lacht, mit dem Gesicht, tatsächlich. «She’s a lady», das habe die Hebamme gesagt, als sie sie damals in dieses Leben hinauszog, vor zwanzig Jahren in San Diego, wo ihr Vater als Neuropsychologe zu tun hatte. Vielleicht würde sich die Hebamme heute wundern über gewisse Auffälligkeiten und Ausdrucksweisen dieses Menschenkinds; aber vielleicht hatte sie ja gleich erblickt, wie schnell es den Mädchenkram hinter sich lassen und Sinnfragen stellen würde lange vor ihrer Zeit. Sie war siebzehn und hätte keinen Absinth trinken dürfen, als sie an ihrem ersten Slam ihren ersten Schnaps gewann; mit einem Text, der so begann: «Die Zeit ist wie eine ewig lange Nudel, an der man kaut und kaut, bis einem der Mund zu voll wird und man merkt, dass die Sauce langsam austrocknet.»

Der Leguan unter Koalas

Mittlerweile ist Hazel Brugger also zwanzig Jahre alt, hat das Gymi in Bülach abgeschlossen und studiert Philosophie und Literatur, indem sie Vorlesungen in Medizin oder Biologie besucht. Man stellt sie sich vor wie eine dieser Nerds aus amerikanischen Fernsehserien, die in sich gekehrt einen Rucksack voll mit vergrübelten Büchern über den Campus trägt (nur dass das in ihrem Fall die von Markus Werner wären). Aber natürlich gerät der Rückschluss von der slammenden auf die reale Hazel zu kurz. «Ich war immer akzeptiert», sagt sie. «Vielleicht so wie ein Leguan im Koalakäfig, bei dem die Leute denken: Cool, dass er da sitzt, von wegen Artenvielfalt und so. Aber keine Ahnung, was er hinter ­seinem ledrigen Kopf so denkt.»

Hinweise geben ihre Texte. Da geht es also um das Leben als lange Nudel oder um die Liebe, in der ein «feuchtwarmer, postkoitaler Händedruck» schon das Happy End bedeutet. Es geht um den Generationentraum von «äh, sei, bleib, gib niemals auf» und um das Aufprallgeräusch von Pelztieren in den Containern der Kadaversammelstelle. Und es geht um Kleinkinder, denen man als Erstes das Wort «Zitat» beibringt, weil sich das Leben dereinst nur so mit letzten Worten passend runden lässt: «Zitat Ende.» Die Groteske des Todes und die Absurdität des Lebens – sie sind das Yin und Yang in diesen Texten.

Ja, das beschreibe ganz gut ihr Lebensgefühl, sagt Hazel Brugger. Diese grosse, beschwerliche Frage, was zum Teufel wir hier eigentlich machen. «Ich muss mir ja nur diesen Typen im Tram ansehen», sagt sie, «und denken: Hey, du warst mal ein Baby, ein anarchisches Geschöpf. Wie ist das passiert, dass aus dir diese Person geworden ist, die glaubt, hier irrsinnig laut telefonieren zu müssen?» Mit Denken und Staunen, sagt sie, beginne die Komik.

Doch dafür ist der Poetry-Slam bald einmal zu eng. Die Gier des Publikums nach Pointen, dieses rhythmische Ablachen im Takt der Punchlines: Das hat schon manchen Slammer von der Bühne getrieben. Auch Hazel Brugger gibt zu, dass sie seit einiger Zeit eine gute Idee oder einen guten Text schon mal zurückhält, statt ihn an einem Slam zu «verpulvern». Denn ihr wichtigstes Ziel, das ist weder, schnurgerade dem Master in Philosophie nachzustudieren, noch, weitere Jahre von Siegerschnaps zu leben. Das ist vielmehr die Stand-up Comedy, für sie der Königsweg zur Komik.

Weg vom Kindertisch

«Im Slam hast du sehr wenig Zeit, aber sehr klare Publikumserwartungen», sagt Hazel Brugger. Umgekehrt auf der Stand-up-Bühne: «Sobald du einen eigenen Abend hast, bist du nicht mehr nur das Snippet eines Formats, sondern kannst deine eigene Stimme durchsetzen.» Wer ihr auf der Bühne zusieht, wird bemerken, wie sie ihre Rolle des bösartigen Weirdos mehr und mehr variiert und unterläuft, etwa in den improvisierten Anmoderationen, die immer mehr Raum ihrer Auftritte einnehmen.

Ihre Vorbilder, die sind englisch und amerikanisch. Sie liebt die verzweifelte Lustigkeit, mit der Mitch Hedberg, der jung verstorbene amerikanische Comedian, ganze Abende mit Ein- und Zweizeilern bestritt. Oder die grimmige, nur noch halbwegs lustige Lakonie seines Landsmanns George Carlin, der den Politikern den Wahlslogan «The public sucks» anempfahl. Dann wieder betört sich Brugger am kreischenden Nonsens von «Noel Fielding’s Luxury Comedy», dem sechsteiligen Kindergeburtstag für ketaminsüchtige Erwachsene, den 2012 der britische Channel 4 ausrichtete. Von ihnen allen hat sie gelernt: «Man kann nichts wirklich Schlimmes sagen, solange es von einem guten Ort kommt.»

Schon als Kind habe sie bemerkt, erzählt Brugger, «wie schön das ist, wenn du etwas Seltsames sagst, und alle hören auf, das zu machen, was sie gerade gemacht haben. Nicht, weil du etwas zerstört hast oder so, sondern nur, weil du etwas gesagt hast. Seit ich reden konnte, bin ich nicht mehr gern am Kindertisch gesessen.» Die Schlagfertigkeit, die sie sich im Umgang mit Eltern, Brüdern und anderen Koalas antrainiert hat, ist ihr geblieben. So trat sie kürzlich im Cabaret Voltaire beim «Icon-Poet» auf, bei dem innert dreier Minuten und zu ausgewürfelten Motiven eine Kurzgeschichte verfertigt und performt wird: Einmal in Fahrt, holte sie sich (gegen Suzanne Zahnd, Viktor Giacobbo und Knackeboul) mühelos den Birnenschnaps.

Und wenn Brugger in den Semesterferien nun in die USA reist, um eine Schule für Improvisationstheater zu besuchen, dann folgt sie auch damit ihrer «geheimen Mission» (die dahin gehend geheim ist, als sie offen darüber redet): Der Humor soll in der Schweiz endlich militanter werden. Von den hiesigen Comedians mag sie nicht viele, gesteht sie, am meisten Gabriel Vetter. «Es ist doch traurig, wenn betont wird, wie mutig seine ‹Güsel›-Soap auf SRF sei. Es sollte doch ganz normal sein, dass man so was machen kann.»

Der Hass des Publikums

Was sich Brugger wünscht, sind britische oder amerikanische Humorzustände: «Dass sich die Comedians und das Publikum mehr getrauen. Dass man die Leute an ganz dunkle Orte stossen und sie dort zum Lachen bringen kann.» An Orte also, wo die Pointe mehr bedeutet als einen Lacher, nämlich einen kurzen Moment der Erlösung. Darum wohl hat Mitch Hedberg einst gesagt: «Bei ­jeder Pointe, bei der die Leute nicht ­lachen, weiss ich, sie hassen mich.»

Nun, man muss ja nicht gleich wie Hedberg wackelnd, nahezu taumelnd auf der Bühne stehen, das Gesicht verborgen hinter langen Haaren und einer Sonnenbrille. Wolle man aber ernsthaft auf einer Bühne erscheinen, sagt Hazel Brugger, müsse man seine Verletzlichkeit mitbringen: «Du kommst nicht weit, wenn du den ganzen Abend als Kunstfigur rumstehst. Du musst behaftbar sein und zumindest durchschimmern lassen, wer du wirklich bist.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.05.2014, 23:58 Uhr

Hazel Brugger live

Nächste Auftritte: 10. Mai, Rote Fabrik, Zürich (Slam); 13. Mai, Casinotheater Winterthur (Crowdtalking); 16. und 17. Mai, Kultur Zoberschtobe, Zürich (Soloauftritte);
29. Mai, Sofakunst, Wetzikon (Slam).

Video

«Mein Motherfucking Frau-sein-Diss». Auftritt in Bayreuth, 2013.

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«Bevor man gezeugt wird, ist das Leben noch in Ordnung»: Auftritt bei Giacobbo/Müller im SRF. 2013.

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«Tiere quälen», Auftritt in Lenzburg 2011.

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Bruggers Inspiration, 1: George Carlin, amerikanischer Comedian.

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Bruggers Inspiration, 2: Mitch Hedberg, amerikanischer Comedian.

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Bruggers Inspiration, 3: «Noel Fielding's Luxury Comedy», sechsteilige britische TV-Comedy, 2012.

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Hazel Brugger interviewt sich selbst für die «Tages Woche»

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