Mit Druck kann sie umgehen

Karin Henkel gelang 2014 am Pfauen mit ihrem «Amphitryon» die «Inszenierung des Jahres». Jetzt untersucht die Theaterforscherin mit Koltès, wie das Böse in die Welt kommt.

«Ich wusste von Anfang an: Ich unten, nicht oben», sagt Karin Henkel über ihr Verhältnis zur Bühne. Foto: Toni Suter und Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

«Ich wusste von Anfang an: Ich unten, nicht oben», sagt Karin Henkel über ihr Verhältnis zur Bühne. Foto: Toni Suter und Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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Karin Henkel tigert vor der Bühne auf und ab. Eben ist die Soundanlage aus­gefallen, die passende Erde fürs Bühnen­bild fehlt noch immer, und das siebenköpfige Ensemble auf der Drehbühne zu arrangieren, ist tricky. Die ­omnipräsente Kaffeetasse in Henkels Hand wird da zum reinen Requisit: Hellwach ist die Regisseurin auch ganz ohne Koffein. Wo sie geht, brennt die Luft; schlafen verschiebt sie auf nach der Premiere. Die ist, als wir uns treffen, in zwei Tagen – also heute Donnerstag.

Der Endprobenstress sei diesmal, auch durch die vielen Feiertage, schon einen Zacken härter als sonst, sagt die 44-Jährige nach der Probe. Dass wir uns ein Stündchen lang auf den Stufen des Pfauenfoyers hockend unterhalten, liegt denn auch daran, dass die Regisseurin sich keinen Meter weiter wegbewegt von ihrer Bühne, wo gerade an Beleuchtung und Tontechnik gefeilt wird. Aber man hätte gern auch zwei, drei Stunden mit ihr auf der Treppe gesessen: Die Frau, deren Vater Betriebswirt und Direktor der Stadtwerke Lübeck war und deren Schwester in einer Bank tätig ist, scheint vor künstlerischer Energie zu bersten. Henkel reisst mit, wenn sie von ihrem Herantasten an das aktuelle Stück erzählt, Bernard-Marie Koltès’ Mörder­studie «Roberto Zucco», oder von ihrem Hineinstürzen in die Theaterwelt.

Zadek als Initialzündung

«Mit Theater konnte ich lange gar nichts anfangen», bekennt sie geradeheraus. «Das war für mich so eine Schönsprech-Veranstaltung – bis ich, gegen Ende des Gymnasiums, Peter Zadeks Deutsches Schauspielhaus in Hamburg entdeckte. So dreckig, so brutal konnte Theater sein!» Henkel hat die Kultstücke gesehen: Zadeks «Lulu» oder sein Musical «Andi» mit den einstürzenden Neubauten. Oder den Kultschauspieler Ulrich Wildgruber: «Er hat gelebt auf der Bühne, nicht Sprache geputzt.» Sie schmiss ihr Germanistik­studium, als das Hessische Staatstheater in Wiesbaden ihr eine Regieassistenz bot. «Ich wusste von Anfang an: ich unten, nicht oben. Für die Bühne wäre ich viel zu schüchtern.»

Die Schüchternheit hat die Regisseurin wohl mit der Zeit bezwungen, denkt man, wenn man sieht, wie zackig sie auf der Probe Entscheidungen fällen kann; fällen muss. Begriffe wie «Herumdrucksen», «Leisetreten» und auch «Bummeln» haben in Henkels Wortschatz definitiv nichts verloren. Und so ging es von Wiesbaden nach dem Regiedebüt 1993 noch im gleichen Jahr an Claus ­Peymanns Wiener Burg. Erst assistierte sie dort George Tabori, und ab 1994 ­inszenierte sie selbst im Olymp des Theaters: Jünger als sie mit ihren damals 24 Jahren gab noch kein Regisseur ­seinen Einstand an der Burg. Genau 20 Jahre später holte Karin Henkel dann den Titel «Inszenierung des Jahres 2014» der Kritikerjury von «Theater heute» – mit ihrer Pfauenarbeit «Amphitryon und sein Doppelgänger» nach Kleist.

Immer wieder anders

Aber es hat nichts Kokettes, wenn sie, halb versteckt hinter ihrem blauen Schal – er ist das einzige Ornament in ihrem No-Nonsense-Look aus schwarzen Stiefeln, Jeans und gelber Jacke –, meint, es sei halt auch viel Glück dabei gewesen. Und man sei damals mit dem Regienachwuchs pfleglicher umgegangen als heute – selbst wenn ein Gerhard Stadelmaier sie in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» gnadenlos verrissen habe. «Ich konnte mich langsamer entwickeln. Heute muss man sofort – bang! – eine Marke sein. Oder man ist weg vom Fenster.»

Und eben das will sie nicht sein: eine Marke. Karin Henkels Theater sieht immer wieder anders aus. Allein schon in Zürich! Anfang 2013 liess sie etwa in ihrer hinreissenden «Elektra»-Interpretation auf zwei Schiffbaubühnen gleichzeitig zwischen Kameras und Liveorchester den Schmerz schwären, die Sprache sprühen. Im Herbst 2013 präsentierte sie am Pfauen den besagten «Amphitryon», ein komödiantisch exakt durchchoreografiertes «Ach», nachtschwarz, und eh schwärzer als der Humor jedes Verwechslungsdramas.

Jetzt hat das Haus, dem sie eng verbunden ist («solche erfahrungs-­gesättigten Vertrauensbeziehungen, wie ich sie hier in Zürich habe, sind die beste Arbeitsvoraussetzung!»), ihr ein Gegenwartsstück vorgeschlagen: das letzte Drama des Franzosen Koltès vor seinem Aidstod 1989. «Ich musste mich da reinpfriemeln, besonders in die Sprache, die mal rotzig daherkommt bis hin zum TV-Banalen und mal lyrisch ist und auch am Rand des Kitschigen entlangschrammt.» Die Szenen seien in dem grossen Stationendrama rund um den Mörder Roberto Zucco, diesen Mörder ohne Motiv, aus der Sprache gebaut. Die Handlung sei quasi ins Off verlegt. «Es geht um das Rätsel, wie das Böse in die Welt kommt – und darauf gibt es keine Antwort». Darum dürfe es auch keine Puderzucker-­Rhetorik drumherum geben und nicht den Hauch einer Verherrlichung der Mörderfigur, die am Schluss den Suizid wählt. Sondern die Sprache müsse als «Werkzeug der Brutalität» kenntlich gemacht werden.

Glasklare Formulierungen

Nein, mit der Phrase vom Geschichten-erzählen-Wollen kann sie nicht dienen; sie will höchstens «Widersprüche erzählen». Denken, Themen von allen Seiten angehen, Experimentieren, Reibung verursachen und nochmals Denken: Das ist es, was die Frau antreibt, die selbst so glasklar formuliert, als müsse Sprache so durchsichtig sein wie die Wasserflasche, die sie immer irgendwo eingesteckt hat. Vor allem freilich dürstet es sie danach, zu suchen, stets weiter zu suchen; der Premierentermin kommt der Theaterforscherin dabei manchmal wie ein Bremsklotz vor. Auch den koltèsschen Furor, den er in seinen letzten Lebenswochen entwickelte, will sie um der Auseinandersetzung willen eher herunterfahren. Der Zuschauer soll nicht einfach mitschwimmen. Ihn einlullen, einspinnen, sich als Regisseurin bequem einrichten in einer Geschichte: Das sind No-gos für Henkel, die als Sehfreuden Körperarbeiten à la Alain Platel oder Peeping Tom nennt.

Ein Kind des Stadttheaters

Theater solle, so sagt sie, überraschend und, ja, auch überfordernd sein – und um das zu erreichen, brauche ein Ensemble Zeit. «Manchmal mehr Zeit, als der überhitzte Betrieb bietet. An mir persönlich zehrt der hohe Stresspegel, andere hingegen können gar nicht ohne den Adrenalinkick.»

Karin Henkel versucht, dagegen zu halten. Sie macht nur drei Inszenierungen pro Jahr und findet doch, der Druck habe spürbar zugenommen. Hätte sie eine Familie, wäre so ein Leben kaum machbar, vermutet sie. «Aber ich will nicht jammern. Ich bin ein Kind des Stadttheaters und habe enorm davon profitiert. Das Stadttheater bekommt von der Gesellschaft grosse Unterstützung – dass es dann auch grosse Ansprüche gibt, ist nur recht und billig.» Und in Zürich herrsche eine Ruhe zum Arbeiten, von der man anderswo nur träumen könne, selbst wenn es jetzt knapp geworden sei mit der Zeit und der Pfauen mit seiner Guckkastenbühne und den reduzierten Sichtachsen eine Herausforderung darstelle. Gegenüber dem Schiffbau sei er fast eine Art Käfig mit einer einzigen Tür. Henkel tigert darin auf und ab – doch ihr Blick ist noch lang nicht müde.

Premiere im Pfauen, am Donnerstag, 15. Januar um 20 Uhr.

Erstellt: 14.01.2015, 18:11 Uhr

Premiere

Roberto Zucco

Premiere im Pfauen, am Donnerstag, 15. Januar um 20 Uhr.

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