Mit Mike Müller auf der Autobahn

Die A 1 von St. Margrethen nach Genf gehört zur Schweiz wie Fondue und Cervelat. Die Gebrüder Müller liessen sich von ihr inspirieren und zeigen am Donnerstag ihre ernste Komödie «A 1 – Ein Stück Schweizer Strasse» am Pfauen.

«Fix und foxi»: Mike Müller und sein Bruder Tobi (links) fuhren die Strasse in zweieinhalb Tagen ab. Foto: Sabina Bobst

«Fix und foxi»: Mike Müller und sein Bruder Tobi (links) fuhren die Strasse in zweieinhalb Tagen ab. Foto: Sabina Bobst

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Der anthrazitfarbene Volvo V 70 steht auf dem Parkplatz Markthalle, gleich beim Viadukt: So kommt man rasch aus der Stadt auf die Autobahn Richtung Würenlos. Mike Müller betrachtet noch einmal seinen fahrbaren Untersatz, bevor wir alle einsteigen – und er muss lächeln. Er liebt das Teil.

Lange hatte der Schauspieler ja gar kein Auto. Und es ist auch nicht so, als ob er «verrückti Chläpf» fahren müsse, meint er. Aber das Mobile an und für sich, das sei eben immer sein Ding gewesen, von der allerersten Zugfahrt an. Da wurden die harten Kartonbillette, die es damals als Zugtickets gab, für den kleinen Mike zu einer Art Fetisch. «Und ich hab bis 14 mit diesen Matchbox-Autöli gespielt», erinnert er sich während unserer Fahrt auf der A 1. «Es ist bei uns so weit gewesen, dass mir mein sieben Jahre jüngerer Bruder irgendwann gesagt hat: ‹Weisst, ich bin jetzt halt, glaub ich, etwas zu alt, um noch mit den Autöli zu spielen.›» Das habe ihn als Älteren dann doch «äs bitz» irritiert.

Heute allerdings, heute spielen sie wieder Auto miteinander, der grosse Bruder Mike und sein kleiner Bruder Tobi. Der Schauspieler und Kabarettist mit Jahrgang 1963 und dem ausgiebigen Philosophiestudium – und der Journalist und Dramaturg mit Jahrgang 1970 und dem literaturwissenschaftlichen Studium: der Kinder- und mittlerweile auch Hundelose, der in Zürich lebt – und der engagierte Familienvater mit der Wahlheimat Berlin. Vor ungefähr einem Jahr begannen sie, Material zur Autobahn A 1 zu sammeln, deren erster Streckenabschnitt 1962 mit Pomp eröffnet wurde. Sie führten fast fünfzig Interviews, vom Lastwagenfahrer bis zum Raststättenmanager; sie studierten Daten und Karten, sichteten alte «Tagesschau»-Videos und filterten behutsam ihr Bühnenstück heraus. Am 28. Mai kommt «A 1 – Ein Stück Schweizer Strasse», ein Stück Schweizer Mentalitätsgeschichte, im Pfauen zur Uraufführung.

96 Prozent weggeschmissen

«Zuerst hatte ich ja einen Text über die S-Bahn geschrieben. Ich fand ihn grossartig – die andern weniger», stellt Mike Müller sec fest. Aber das Suchen, Ausprobieren, Verwerfen, dieser ganze langwierige Prozess sei gerade das, was so ein Theaterprojekt ausmache. Damit hat das Brüdergespann Erfahrung: 2011 wurde ihr brillanter «Elternabend» im Theater Neumarkt uraufgeführt, der von einer Recherche am Aemtlerschulhaus in Zürich ausging, und 2013 «Truppenbesuch», eine theatrale Armeeinspektion. Da habe man am Ende jeweils viele Hundert dicht bedruckte Seiten – für die A 1 waren es an die fünfhundert –, mit Interviews, in die man sich teils total verliebt habe; und dann belaufe sich die «Ausschussrate auf 96 Prozent», pointiert Mike Müller.

Macht nichts: Dass das Scheitern am Theater möglich und nicht so eine Katastrophe ist wie bei Film oder Fernsehen, sei ein riesiger Vorteil, urteilt der Starschauspieler, der am Theater gerade die Sichtbarkeit der Fragilität schätzt. Risiko ist erlaubt; erwünscht. Das ist das Richtige für einen wie ihn, der den «Besitzständler» überall – sogar in sich selber – wittert und gegen ihn wütet. Mike Müller ist auch mit seiner Beteiligung am Casinotheater Winterthur, das ohne Subventionen auskommt, seinerzeit, vor zehn, elf Jahren, ein Risiko eingegangen; hat gewagt und gewonnen. Dass er bereits die dritte Staffel der schweizerischen Krimiserie «Der Bestatter» abgedreht hat (sie wurde Anfang Jahr ausgestrahlt) und die vierte in Planung ist, überrascht ihn selbst am meisten. Jahrzehnte mit dem Format schliesst er aus, auch wenn er begeistert auf beiden Hochzeiten tanzt, bei U und bei E.

Das Schwimmen im Materialmeer ist also Gefahr und Lust. Es gebe ja wahnsinnig viele Ebenen beim Thema A 1, erläutert Mike Müller: die historische, etwa mit Blick auf den Autobahnbauer Hitler; oder die geografische: den Zoom auf Verkehrsknotenpunkte, auf Landesgrenzen oder Brücken und Tunnel. Es stapelt sich auch statistisches Material, das Geschichten erzählt: so die Entwicklung der Zahlen bei den Unfalltoten. Man könne die Warenmengen recherchieren, die befördert wurden. Oder welche Konsequenzen der Ausbau für die Landschaft hat und hatte. Darüber habe etwa der streitbare Architekturjournalist Benedikt Loderer eine Menge verfasst. Und, nicht zuletzt, stelle sich die Frage nach der Zukunft der Autobahn und unseres Verkehrs überhaupt. Sie öffne den Raum fürs Fiktionale; ­Tagesaktualität habe in so einem Projekt dagegen grundsätzlich nichts verloren.

Gaudi mit dem Zöllner

Am Ende muss ein Theaterabend herausschauen, der an den Pfauen passt. Müller weiss, was das bedeutet. Der in Grenchen geborene Künstler gründete mit zwanzig in Olten eine Theatergruppe. In den Neunzigern wurde er an der Zürcher Gessnerallee gross. Er trat mit der Off-Off-Bühne oder Mass & Fieber auf, wirkte in Barbara Webers «Unplugged»-Formaten mit. Er war im Theater Neumarkt daheim, als Barbara Weber und Rafael Sanchez dort die Leitung innehatten, stand aber auch auf der Pfauen-Bühne, etwa in Werner Düggelins «Der Geizige» und in «Geri» von Martin Suter und Stephan Eicher. Er kennt den Guckkasten an der Rämi­strasse genau. Doch egal, ob Neumarkt, Casino oder Pfauen: Nicht der journalistische, sondern der performative Gehalt trage eine Theatersoiree. «Man darf auf keinen Fall dem Vollständigkeitswahn erliegen.» Sonst werde kein Stück draus. Auf die Recherche folgt scharfes Nachdenken und gnadenloses Ausmisten:«Bschiisse» bei der Dramaturgie gilt nicht.

Ein Highlight der Recherche sei gewesen, die rund 400 Kilometer lange A 1 in zweieinhalb Tagen komplett abzufahren, diese Ost-West-Achse der Schweiz – obwohl sie danach «fix und foxi» gewesen seien. «Am Grenzübergang St. Mar­grethen hatten wir ein flottes Interview mit einem Grenzwächter.» Aber das Gespräch nach dem Interview, das sei erst der wahre Jackpot gewesen.

«My truck is my prison»

Wenn Mike Müller die Szene schildert, bricht der «Impersonator» durch, und er zeichnet sie so lebhaft in den Volvo hinein, dass es sich anfühlt, als sässe man mit dabei. Das Lenkrad liegt dabei locker zwischen Zeigefinger und Mittelfinger seiner linken Hand. Trotzdem hat Müller alles im Griff, reisst etwas später, bei der Einfahrt in die Stadt, zum Beispiel Knall auf Fall einen Stopp, dreht sich zu mir um und feixt: «Du siehst, ich halte auch für Kinder.»

Item, zurück zum performativen Knüller: Der besagte Zollbeamte schlug vor, eine Personenkontrolle zu simulieren. «Ich fuhr also nach Österreich, wendete, kam an den Zoll. Er: ‹Händ Si Ware derbi?› Ich: ‹Äh, nei›.» Daraufhin sollte Müller den Kofferraum öffnen – wo das neue Kameramikro lag («Da münd Sie verzolle!»). Er musste ins Zollhäuschen kommen, auf den Strich stehen, einen Drogentest machen («Sie, Herr Müller, das gseet gar nöd guet uus») und landete in der Arrestzelle. Und der kleine Bruder, der mit der Kamerafrau das ganze Gaudi aufnahm, wäre fast geplatzt vor Lachen. Doch der Grenzwächter war ein genauer Beobachter und bemerkte nach dieser Übung scharfsichtig: «Gell, ein wenig Angst haben Sie schon gehabt?» Ein anderes eindrückliches Erlebnis auf der A 1 sei das Gespräch mit einem polnischen Lastwagenfahrer auf der Raststätte Grauholz gewesen. Der Mann musste dort 44 Stunden ausharren, verdiente gerade mal 1000 Euro und konnte es sich nicht leisten, essen zu gehen. «My truck is my prison», klagte er, sein LKW sei sein Gefängnis: ein trauriges Beispiel für die Arbeitsmigration innerhalb der EU, die wohl, so Müller, etwas ziemlich Schreckliches sei.

Solchen Menschen soll das Stück ein Gesicht geben. «Nicht in einem satirischen Zusammenhang, wie ich das sonst mache», unterstreicht Müller. Daher findet er das englische Wort «Impersonation» für seine Methode viel passender als den Begriff «Parodie». «Elternabend», «Truppenbesuch» und jetzt «A 1» sind eher eine Art ernste Komödie oder, frei nach dem bekannten Fernsehformat mit der Maus: ein Lach- und Sachstück. Selbiges ist die Pionier-und Paradeform der Brüder.

Die A 1 ist «brätschhagelvoll»

Die Theatermacher – die Müllers sowie als Regisseur Mike Müllers bester Freund, der ehemalige Neumarkt-Co-Chef Sanchez – wollen die «Dringlichkeit» zeigen, die das Thema Autobahn für all die Menschen hat, die «auf dieser gruusigen, grauen, langweiligen Autobahn» unterwegs sind. Dort, «wos alle immer anscheisst, wenn sie drauf sind, aber offenbar sind trotzdem immer alle drauf, sonst wärs ja nicht so brätsch­hagelvoll.» Die A 1, anfangs so gefeiert, löst Schrecken aus, ist ein Ballungsraum der Nervosität und Aggression.

Wo es in der Zukunft hingeht mit ihr? Einen Masterplan, eine Antwort haben die Theatermacher nicht. Einfach weiter so liege jedenfalls nicht drin. Das hatte schon Müllers Physiklehrer am Gymnasium in Olten gepredigt, wo der Schüler gern mit seiner 125er-Enduromaschine herumfuhr. «Der Verbrennungsmotor ist eine der schlechtesten Erfindungen der Physikgeschichte», sagte der Lehrer. Und keine Frage: Das stimme.

Dennoch und wider besseres Wissen liebt Mike Müller sie: die neuen, schnellen Züge, die irre viel Strom fressen und gar nicht grün sind oder die neuen Flugzeuge. «Wenn der A380 startet und am Fernsehgebäude vorbeibrettert, unterbrechen Viktor Giacobbo und ich die Sitzung, weil das ist eigentlich wichtiger und sieht hammermässig aus.» Die Technikfaszination dürfe man sich nicht vergällen lassen – auch wenn es ein «beschissenes Gefühl» sei, «mit offenem Visier ins Elend», hineinzulaufen; zu fahren. Das Wort «Nachhaltigkeit», das habe dort nichts mehr zu suchen, wo man sehenden Auges ungebremst auf chinesische Verhältnisse zusteuere.

Lust am Spass

«Aber wir sind Theatermacher und nicht Zukunftsforscher oder Politiker», und darum möchte Mike Müller als Allererstes gut unterhalten. «Das kann auch mal ganz unangenehm sein zwischendurch», sagt er lachend; Unterhaltung bedeute nicht Halligalli – Spass hingegen durchaus. «Theater in politischen Zusammenhängen interessiert mich», sagt der Schauspieler, der dem Museums- und Klassikertheater jedoch auch Raum lassen möchte. Es sei ein Privileg, dass er seinem – aus der «Bubigkeit» geborenen – Interesse an Mobilität berufsmässig nachgehen könne.

Dieses Nachgehen, es ist ein reflektiertes und zugleich spielerisches Eintauchen in den Stoff; es ist wie das Blättern in einem Daumenkino mit Motorengebrumm. Denn die Geschichte der A 1 ist auch eine Geschichte der Bilder und des Fernsehens. Sie beginnt an einem Regentag im Mai 1962 mit der Eröffnungsrede von Bundesrat Hans Peter Tschudi: Die Autobahn sei eine hervorragendes Werk moderner Technik und füge sich «uusgezeichnet i die herrliche bernische Landschaft i». Andere Bilder, solche von Militärjets auf der Autobahn, von Unfällen, von Staus: Sie haben sich gleichfalls ins Kollektivgedächtnis eingebrannt. Darum schreit ein Stück über die A 1 nach ihnen.

Mike Müller rezitiert einen Journalisten, der in einem alten TV-Interview einen Bundesbeamten nach der Richt­geschwindigkeit befragt – die Höchstgeschwindigkeit ist zu jener Zeit noch in weiter Ferne: ob sie nicht eine Vergewaltigung des Autofahrers sei. Die Weise, wie so einer frage und wie sich der Bundesbeamte seinerseits präsentiere – der eine devot, der andere selbstherrlich –, das gehöre als Bild zur Geschichte der Autobahn. Wie ab jetzt, zweifellos, jenes von Mike Müller, am Steuer seines dunklen Volvos.

Erstellt: 21.05.2015, 19:24 Uhr

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