Mit der Opiumkönigin durch die Nacht taumeln

Am Theater Spektakel gibts 2019 keine Schonung. Man kann auch eine Art künstlerischen Drogentrip erleben – und dabei ein Stück Geschichte mitnehmen.

Mitten im hytmoptischen Farbentanz von «Queen Zomia» nimmt der Kopf von Royce Ng Konturen an. Foto: ZTS/Christian Altorfer

Mitten im hytmoptischen Farbentanz von «Queen Zomia» nimmt der Kopf von Royce Ng Konturen an. Foto: ZTS/Christian Altorfer

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Der Mensch erscheint im Hologramm. Da ist ein Körper und doch keiner. Echt und fake. Schubladisierungsresistent wie am Ende wir alle.

In der Pyramide, die vor uns aufgebaut ist im Werftfoyer, flackern bunte Lichtsplitter auf, arrangieren sich zu Mustern wie in einem Kaleidoskop, explodieren, organisieren sich neu; und mitten im hypnotischen Farbentanz nimmt ein Kopf Konturen an: der Kopf von Royce Ng.

Der 36-jährige, in der Schweiz bestens eingeführte Künstler mit Wahlheimat Hongkong katapultiert in «Queen Zomia» quasi einen Opiumrausch von innen nach aussen: hinaus aus einem schlafmohnbesoffenen Nervensystem, hinein in die spiegelnde Pyramide, die er mit Illusionstechniken aus dem 19. Jahrhundert und 3-D-Animationen aus dem 21. Jahrhundert bespielt. Die kurzen Clips zwischen den Stroboskop-Blitzen und Farbwolkengüssen zeigen Schnappschüsse aus dem Leben der Opiumkönigin Olive Yang (1927–2017), das Royce Ng als fast körperlose Stimme nacherzählt.

Miss Hairy Legs

Die Gender-fluide Frau hatte sich nicht auf die Rolle als brave Gattin und Adlige zurückbinden lassen. Buchstäblich nicht: «Miss Hairy Legs» lehnte es ab, sich die Füsse winzig und kaputt zu binden. Nach dem 2. Weltkrieg zog sie, mithilfe der CIA, im Goldenen Dreieck zwischen Myanmar, Laos und Thailand einen florierenden Opium- und Heroinhandel auf und wurde Chefin einer antikommunistischen Miliz. In den 60ern und 70ern überflutete ihr «Reich» die ganze Welt mit Drogen; auch junge Menschen im Westen starben en masse.

Eine Story wie geschaffen für die Regenbogenpresse. Aber der Multimediaperformer Royce Ng verweigert sich der leichten Lesbarkeit, der simplen Narration. Klar, war an seinem Künstlerstammtisch die Situation in Hongkong Thema und die Notwendigkeit internationaler Solidarität. In der Werft aber zersetzt er die hochpolitische Historie von Geschlechteridentität, von skrupellosen Grossmachtstrategien und Warlord-Intrigen in einen verwirrenden Trip.

Unter der gläsernen Pyramide tobt die Geschichte und versinkt doch vor unseren Augen in Lichterseen und Dunkelheiten. Der Effekt auf den Zuschauer? Narkotisierend. «Queen Zomia» regiert auch uns, wir vollziehen nicht nach, sondern taumeln mit.

Körperarchitektur

Das künstlerische Terrain ist also verschlingend und vage zugleich, wenn man so will. Und einer, der so will, ist Philip Ursprung, seit 2011 Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich. Am Symposium des Theater Spektakel mit dem Titel «An Architecture of Bodies» machte er sich stark für ein «terrain vague», einen Raum – auch Kunstraum –, der noch nicht kolonisiert und kartografiert sei. In dem Veränderungspotenzial stecke und strukturelle Offenheit. Es sei an der Zeit, fixfertigen Convenience-Food in Architektur und Theater abzuservieren.

Ursprung liess das Publikum darum eine Übung des Happening-Pioniers Allan Kaprow (1927–2006) durchführen. Bei Kaprow gabs irgendwann keine Kunst für unbeteiligte Zuschauer mehr, sondern nur Drehbücher für Mitspieler. Man schüttelte einander etwa die Hand, fragte nach dem Wärmeempfinden, löste sich. «Das Leben performen» nannte Kaprow dies.

Genau das tun hier auch die Künstler auf modifizierte Weise, wenn sie ihren Körper aussetzen, ihn, in aller Künstlichkeit, brutal exponieren und uns mit dem Anblick traktieren – wie die Südkoreanerin Geumhyung Jeong in ihrem drastischen «Rehab Training» oder eben, ganz anders, Royce Ng im halluzinatorischen «Queen Zomia». Wenn sie in uns erbarmungslos Hilflosigkeit und Unverständnis hochkommen lassen statt Zustimmung ohne Zweifel. Und wir unverhofft und durchaus angestrengt, passagenweise auch entnervt mitgehen. Das soll exakt so sein.

In der Erde graben

Der Tänzer Boris Charmatz setzt da als Artist-in-Residence gleich aufs direkte und indirekte Mitmachen der Besucherkörper, vom täglichen Warm-up bis zur offenen Rasenbühne, in die Passanten hineinflanieren und wieder hinaus. Françoise Crémel wiederum, Landschaftsarchitektin und Dozentin an der Ecole Nationale Supérieure de Paysage, legte sich im Symposium gar bäuchlings auf die Wiese, grub mit blossen Händen in der Erde, auf der Suche nach Rissen – und inspirierenden Grenzgängen.

Nein, die Performer sind nicht zurückgekurvt zum Glauben an eine ungebrochene Direktheit, zu einer Metaphysik der Präsenz, zur Baum-Umarmerei. Ihre Auftritte reflektieren stets den künstlerischen Kantengang zwischen echt und fake, Unmittelbarkeit und Gemachtheit. Und, im Subtext, die ganz und gar nicht gefakten Nöte der Gesellschaft, die nicht auf die Bühne polemisiert werden sollen. Aber das spontane Erleben des aufführenden und des zuschauenden Individuums erhält 2019 am Theaterspektakel einen neuen Stellenwert.

Erstellt: 25.08.2019, 15:10 Uhr

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