Mordlustig bis zuletzt

Maria Becker war eine der letzten grossen Tragödinnen des Theaters, jetzt ist sie im Alter von 92 Jahren gestorben. Sieben Jahrzehnte lang war sie dem Zürcher Schauspielhaus verbunden – allerdings nicht nur in Frieden.

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Noch im Frühling 2010 stand Maria Becker auf der Bühne. In der Pfauenkammer, zusammen mit ihrem Sohn, dem Schauspieler Benedict Freitag. «Ich spiele sehr gern, und in letzter Zeit habe ich auch grosse Freude daran, Lesungen zu machen», hatte sie vor der Premiere, zu ihrem 90. Geburtstag, in dieser Zeitung gesagt. «Ich hasse den Titel ‹Grande Dame des Theaters›: Ich will nicht wie eine Statue stillstehen und in die Vergangenheit zurückblicken. Ich bin eine Charakterschauspielerin und schaue nach vorne, zum nächsten Auftritt.» Und das tat sie, mit Verve, mit Liebe, solange sie konnte. Am Mittwoch, dem 5. September, ist die Frau, in deren Adern die Theaterzaubersäfte zu fliessen schienen, in Uster mit 92 Jahren gestorben.

Mit Haut und Haaren

Man wird sie nicht vergessen, schon gar nicht in Zürich: Die kleine Stadt war 1939 für sie nur eine «Notlösung» (Becker) gewesen, doch dann wurde sie ihr zum «Hafen» und das Schauspielhaus zum «Anker» in ihrem unsteten Künstlerdasein. Und auch Becker war für die Stadt und ihre Bühne ein Geschenk, ein Ereignis; selbst dann noch, als sie kritisierte und sich ereiferte über das neue Theater, das ihres nicht war.

Denn sie war ein Theatertier. Das ist nicht despektierlich gemeint, im Gegenteil. Im Bühnenjargon bedeutet «Theatertier» höchste Anerkennung: Das Wort bezeichnet eine, die mit Haut und Haaren dem Theater verfallen ist und ohne dieses nicht leben kann. Bis ins höchste Alter trat «die Becker», wie man sie überall respektvoll nannte, auf grossen und kleinsten Bühnen auf, tourte unermüdlich durchs Land, spielte Haupt- und zuletzt auch Nebenrollen, stand vor Kameras oder las in Studios Texte für Hörbücher.

Nichts bremste sie

Ruhestand? Maria Becker zerquetschte den Begriff in ihrem ausdrucksstarken Mund, bis er Schrott war. Selbst an ihrem 80. Geburtstag, am 28. Januar 2000, stand sie wie an den meisten Abenden ihrer langen Karriere auf der Bühne. In Aarau war es, als amerikanische Päpstin von Esther Vilar, eine Paraderolle, welche die Becker ein Vierteljahrhundert lang spielte. Dass das Gehen schwerer fiel, besonders nach einem Bruch des Steissbeins; dass das Gedächtnis nachliess, das Textlernen manchmal zur Qual wurde: Nichts konnte die Becker bremsen.

Im Theater Stadelhofen gab sie noch im Rollstuhl eine Persiflage auf Dürrenmatts mordlustige Greisinnen. Und im Bernhard-Theater produzierte sie mit ihren zwei Söhnen Strindbergs Ehehölle «Der Vater» und gab die greise Amme. Im Herbst 2007 kam es zum ersten Comeback am Schauspielhaus (als Madame Pernelle in Molières «Tartuffe»), im Frühling 2010 zum letzten. Es waren mehr als 70 Jahre vergangen seit ihrem ersten Auftritt auf der Pfauenbühne.

1938 war Maria Becker mit ihrer Mutter, der Schauspielerin Maria Fein, nach Zürich gekommen. Der «Anschluss» Österreichs an Nazi-Deutschland hatte die beiden zur Flucht gezwungen. Als 18-Jährige erhielt Becker am Schauspielhaus ihr erstes Engagement. «Sie war noch bestückt mit Jugendspeck, der ihr aber keinen Kummer bereitete», erinnerte sich der Kollege Erwin Parker, «Maria hatte ein breitflächiges Gesicht, aus dem grosse Augen voller Staunen und Erwartung in die Welt hinausschauten, und einen grossen, schön geschwungenen Mund.»

Diesem Mund entströmten bald die grossen Verse der Weltliteratur. Johanna (Schiller), Antigone (Sophokles), Penthesilea (Kleist), Iphigenie (Goethe) spielte die Becker, und spät nochmals, 1986 im sensationellen Duell mit Agnes Fink, die Königin Elisabeth in Schillers «Maria Stuart» – bis weit auf die Rämistrasse hinaus reichte die Schlange vor der Schauspielhaus-Kasse.

Wirkung bis in die hinterste Reihe

Imposant, raumgreifend trat die Becker auf, mit aufgerissenen Augen und dramatisch gespreizten Fingern, erdig dunkel konnte ihre Stimme tönen oder auch metallen hell wie eine Trompete, Pathos war dabei und manchmal auch bloss Gips. Die «letzte Tragödin» hat man sie genannt, nicht zur Freude der Schauspielerin.

Denn neben klassischen hat sie schliesslich unzählige moderne und auch komische Rollen gespielt. Unvergesslich bleiben die bösen alten Damen von Dürrenmatt, die steinreiche Claire Zachanassian, die Güllen heimsucht, und die irre Irrenärztin Mathilde von Zahnd in den «Physikern». Wie sie raunzte und flötete, wie sie japste und säuselte, honigsüss lächelte und dann unversehens zubiss – das wirkte bis in die hinterste Reihe.

Kritik am neuen Theater

Als versteinerte Gutsbesitzerin in Ostrowskis Komödie «Wölfe und Schafe» hatte Maria Becker 1997 ihre vorerst letzten Auftritte auf der Pfauenbühne. Seit sechs Jahrzehnten war sie damals dem Zürcher Schauspielhaus schon verbunden, nicht immer in Harmonie. Schon 1953 kritisierte sie den Zerfall des Ensembles: «Ich bin kein Star. Und ich will auch keiner werden.» Aus Protest gegen die subventionierte Routine auf der Schauspielhausbühne gründete sie 1956 mit ihrem damaligen Mann Robert Freitag und mit Will Quadflieg die Schauspieltruppe, ein Tourneetheater, das sie noch im hohen Alter mit ihren Söhnen weiterbetrieb.

Ihren Sitz hatte die Firma in der Villa am Zollikerberg, die sich das Ehepaar Freitag-Becker 1956 kaufen konnte. Und da, unterm Dach, umgeben von vielen alten Fotos, wohnte Maria Becker, lernte ihre Rollen, machte die geheiligte Siesta, empfing Besuche, schaute Fernsehnachrichten, schrieb ihre Kolumnen für die «Coop-Zeitung». Und haderte mit dem Theater, das sich so gar nicht nach ihrem Gusto entwickelte.

Anders als die praktisch gleichaltrige Anne-Marie Blanc, mit der sie am Schauspielhaus unzählige Male zusammen gespielt hatte, fand die Becker den Draht zu den Jungen nicht. Fast überall sah sie Verfall, vor allem des theatralen Handwerks. «Heute heisst Theater, was den Leuten an Ideen ins Hirn schiesst», stellte sie kategorisch fest und wollte rundum bloss noch «Spielräume für Unbildung und Willkür» erblicken. Maria Becker, das Theatertier, war nicht nur eine grosse Tragödin, sie hatte selbst ihre tragischen Seiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2012, 09:43 Uhr

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