Mutter vergnügt sich, Vater arbeitet, Kind verunglückt

Was kann passieren, wenn sich Eltern lieber um ihre eigenen Bedürfnisse als um ihr Kind kümmern? Der Wahnsinn in der modernen Familie steht in Lukas Bärfuss' neuem Stück für den Wahnsinn in der Welt.

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Der moderne Mensch will alles: Karriere, persönliches Vergnügen, eine intakte Familie. Dass dies kaum unter einen Hut zu bringen ist, ist weitherum bekannt. Und doch bleibt es das ungelöste Problem aller Eltern, die sich nicht mit der klassischen Rollenteilung zufrieden geben. Denn heute will man auf nichts verzichten, in keiner Situation, auch nicht, wenn Kinder da sind.

Das kennt Lukas Bärfuss aus eigener Erfahrung. Er ist Vater zweier kleiner Kinder, als international erfolgreicher Autor beruflich sehr engagiert und auch seine Frau arbeitet. «Ich kenne niemanden, der Kind und Karriere unter einen Hut bringt. Es bleiben immer Schuldgefühle», sagt Bärfuss. Sein Stück «Malaga», das am Sonntag im Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde, ist allerdings bloss ansatzweise autobiographisch: Anders als Bärfuss lebt Michael, der Vater im Stück, von seiner Frau getrennt, die fehlende Bereitschaft der Eltern auf Verzicht führt im Stück zur grossen Katastrophe.

Auch Babysitter will sich selbst verwirklichen

Michael ist gemäss «vertraglich festgehaltenen Betreuungspflichten» an der Reihe, am folgenden Wochenende auf die 7-jährige Tochter aufzupassen. Doch Michael muss an einen selten stattfindenden wissenschaftlichen Kongress, von dem er sich seinen beruflichen Durchbruch erhofft. Und Vera, die Mutter, hat bereits ein Wochenende in Malaga mit ihrem neuen Freund gebucht. Der Babysitter ist krank, nun soll ein 19-jähriger Bursche einspringen, ein angehender Filmstudent, der sich um die Tochter kümmert und mit ihr in der Zeit einen Film drehen möchte. Michael meldet seine Zweifel an, findet aber keine bessere Lösung. Als die Eltern zurückkehren, liegt die Tochter mit einer lebensgefährlichen Verletzung im Spital. Was genau passiert ist, erfährt man nicht.

Das Stück dauert bloss 80 Minuten, die Sätze sind kurz, die Dialoge rasant, der Inhalt auf den ersten Blick einfach und stringent. Zudem geht es um ein Thema, das jeden betrifft, der zumindest ansatzweise gewisse berufliche Ambitionen hegt. Die Voraussetzung, dass «Malaga» einen ähnlichen Siegeszug auf den europäischen Bühnen erleben wird wie Yasmina Rezas 2006 auf derselben Bühne uraufgeführte Elterndrama «Gott des Gemetzels», ist also durchaus gegeben. Allerdings vermochte «Malaga» das Premierenpublikum bei weitem nicht dermassen mitzureissen wie damals «Gott des Gemetzels», was aber weniger am Stücktext als an der Regie lag.

Der Wahnsinn der Welt im Mikrokosmos Familie

Regisseurin Barbara Frey lässt die Handlung auf einem kleinen Podest inmitten von Pflanzen stattfinden. Ob Grossstadtdschungel oder vermeintliches Paradies, die Bühne ist hübsch anzusehen, der frische Duft der Grünpflanzen verbreitet sich im gesamten Theater. Doch durch die kleine Fläche sind die Spielmöglichkeiten auf ein Minimum reduziert, das Ganze wirkt dadurch etwas gar statisch, die mit Kriegsrhetorik durchtränkten Dialoge kommen nicht richtig in Schwung.

Dafür sind die Figuren unnötigerweise stark überzeichnet. Vera ist in der Beziehung tonangebend, macht vordergründig einen abgeklärten und selbstsicheren Eindruck, erweist sich aber – oh Wunder – in Wahrheit als tief verunsichert und medikamentensüchtig. Sie sucht nicht nur Zuwendung beim spätpubertierenden Babysitter, nein, sie knutscht absurderweise auch mit dem Burschen, einen Tag vor ihrer Abreise in die Liebesferien. Michael dagegen spricht mit weinerlicher Stimme, wirkt verzweifelt, kann mit seiner Frau auf keiner Weise mithalten, erweist sich aber dann doch als stabilere Person, beruflich erst noch hoch erfolgreich.

Die übermässige Stilisierung der Figuren wirkt bemüht, als ob Frey unter allen Umständen verhindern wollte, dass das Stück als reines Beziehungs-, bzw. Familiendrama verstanden werden könnte. Diese Angst ist jedoch unbegründet. Dass die hier angesprochenen Themen wie Schuld, Abschieben von Verantwortung, freiwilliger Verzicht oder Schicksal auch in anderen Bereichen – zum Beispiel der Wirtschaft – hoch aktuell sind, ist offensichtlich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2010, 09:38 Uhr

Das Stück

Lukas Bärfuss: «Malaga», Regie: Barbara Frey, ca. 80 Min. Schauspielhaus Zürich. Spieldaten: www.schauspielhaus.ch.

Lukas Bärfuss zum Stück

Worum es ihm geht:
«Es geht um eine grundsätzliche Frage. Um die Beziehungen in unserer spätkapitalistischen Gesellschaft. Gerade hier in Zürich herrscht eine übersteigerte Warenlogik. Alles ist handelbar und austauschbar. Gefühle, Menschen, Werte. Ich habe mich gefragt, was geschieht, wenn etwas nicht handelbar ist - wie etwa die Verantwortung.»

Zur Feststellung, dass im Stück nicht viel passiere:
«Es passiert sogar sehr viel, aber die Bühne zeigt nur die Folgen. Das Drama spielt vor oder nach der Schlacht. Der grosse Umsturz, wenn die Komödie in die Tragödie kippt, wird nicht gezeigt.»

Zum richtigen Leben als Autor und Familienvater:
«Das gibt es nicht. Ich kenne niemanden, der Kind und Karriere unter einen Hut bringt. Es bleiben immer Schuldgefühle.»
(Aus einem Interview mit Lukas Bärfuss in der «SonntagsZeitung» vom 2. Mai.)

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