«Ohne Bösewichte gibt es keine Dramen»

In Moskau hat der Schweizer Theatermacher Milo Rau am letzten Wochenende die Staatsgewalt provoziert: Während seines Show-Prozesses gegen Künstler schritten Beamte ein.

Jekaterina Samuzewitsch von den Pussy Riots sass in Raus Moskauer Projekt im Zeugenstand.

Jekaterina Samuzewitsch von den Pussy Riots sass in Raus Moskauer Projekt im Zeugenstand. Bild: Sergei Ilnitski/Keystone

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Drei Moskauer Prozesse gegen Künstler hat der Berner Theatermann Milo Rau am letzten Wochenende neu aufgerollt. Anders als in Wirklichkeit sind bei ihm am Ende alle freigesprochen worden: die Musikerinnen von Pussy Riot ebenso wie die Kuratoren von «Achtung, Religion!» (2003) und von «Verbotene Kunst 2006». Beide Ausstellungen hatten im Sacharow-Zentrum in Moskau stattgefunden – also dort, wo Rau nun aus den Schauprozessen einen Show-Prozess gemacht hat: mit echten Anwälten, echten Zeugen, echten Angeklagten.

Raus letzte Projekte waren hyperrealistische Reenactments dramatischer historischer Ereignisse («Die letzten Tage der Ceausescus»; «Hate Radio»). 2012 brachte er gar die unter Verschluss gehaltene Gerichtsrede des norwegischen Amokläufers Anders Breivik auf die Bühne («Breiviks Statement»). In den dreitägigen «Moskauer Prozessen» ist er jetzt noch einen Schritt weitergegangen: Er hat die Vergangenheit nicht repliziert, sondern revidiert. Das wollte der russische Staat verhindern und schickte am letzten Tag Beamte, um die Gerichtsverhandlung zu sprengen. Das misslang; Milo Raus Projekt, sein Reality Theatre, wurde ein voller Erfolg.

Herr Rau, der Staat scheint sich vor Ihrem Projekt gefürchtet zu haben.
Das machte mich wirklich fassungslos. Eben hatte unser Staatsanwalt die PussyRiot-Vertreterin nach den Motiven für ihre Performance in der Kirche gefragt, sie sprach von eingeschränkter Kunstfreiheit, und ta-da, marschierten Beamte der Migrationsbehörde herein und behaupteten, ich hätte kein gültiges Visum. Es kam zum Hickhack zwischen meinen Anwälten – die waren ja da – und den Beamten. Ich sah schon meinen engen Terminplan mit Dreharbeiten platzen, aber nach zwei Stunden zogen sie wieder ab.

Das blieb nicht der einzige Zwischenfall. Waren Sie geschockt?
Im Gegenteil: Allein für das, was als Nächstes geschah, haben sich die «Moskauer Prozesse» gelohnt! Da stürmte eine Horde orthodoxer Kosaken vor den Saal, und eine kleine Abordnung kam herein. Sie wollten randalieren, explodierten schier vor Gewaltbereitschaft. Normalerweise kommen sie nur zum Sacharow-Zentrum, um etwas zu demolieren. Und nun sehen sie ihren Helden, den religiösen Rechtsaussen-Journalisten und Fernsehguru Maxim Schewtschenko, in der ersten Reihe mitmachen! Als Staatsanwalt! Sie wirkten, als hätte sie ein Bus gestreift. Schewtschenko beruhigte sie dann. Doch diese tiefe Verwirrung, diese sichtbare Implosion ganzer Weltbilder: Das war völlig irre. Das wünsche ich mir von Kunst.

Trafen Sie in Russland einen Nerv?
Ganz ehrlich? Vermutlich nur bei sehr wenigen. Ich vermute mal: 80 Prozent der Bevölkerung hätten Pussy Riot verurteilt; wer den Glauben oder die Nation beleidigt oder anscheinend beleidigt, begeht eine Straftat, basta. 99,9 Prozent geht es sowieso am Allerwertesten vorbei. Das ist wie bei uns in der Schweiz: Solche Versuche interessieren nur ein paar Politiker und Feuilletonisten.

Immerhin gab es in Moskau auch Jubel über die Freisprüche.
Dieses Urteil hat auch Schwachpunkte: Hätte man den Fall Pussy Riot beispielsweise nicht mit den anderen beiden Fällen zwangsverknüpft, wären die Sängerinnen wohl nicht freigesprochen worden. Und hätten wir als Schöffen nicht einige aufgeklärte Städter gehabt, Unternehmensberater, Fotografen und dergleichen, hätte die Sache anders ausfallen können. Ausserdem war eine hochkomplexe Frage zu beantworten, nicht bloss «Hat die Kunst Gefühle verletzt und zu Hass aufgerufen?», sondern auch: «Ist das willentlich geschehen?» Das Prinzip der Intentionalität auf die Kunst anzuwenden, geht fast nicht. Was Kunst «will», lässt sich nicht beweisen wie ein Mordplan. Schon weil Kunst gar nichts «will» im engen Sinn.

Dieser Prozess funktionierte fast wie der kaukasische Kreidekreis bei Brecht: als ein Raum ausserhalb der Historie, in dem es nur für eine kurze Phase des Glücks Gerechtigkeit gibt.
Der Leiter des Sacharow-Zentrums, der bei mir den Gerichtsschreiber machte, meinte: «Es ist wie ein Wachtraum.» Statt in einem hyperrealistischen Reenactment bewegten wir uns in einer surrealen Kunstwelt, in der aber das Engagement echt war und nicht «gespielt».

Vor allem wegen der Besetzung.
Absolut. Da standen Akteure von damals vor der Richterin, einer Fernsehmoderatorin: so die Pussy-Riot-Sängerin Jekaterina Samuzewitsch, die auf Bewährung frei ist, der verurteilte Kurator von «Verbotene Kunst», Andrei Jerofeew, und seine Verteidigerin. Auch 18 Zeugen von damals traten auf. Als liberale Experten sprachen etwa die Kulturwissenschaftlerin Elena Wolkowa und der Philosoph Michail Ryklin. Der Orthodoxie-Prophet Dmitri Enteo und der neostalinistische, hochdekorierte Staatskünstler Alexei Beljajew-Gintowt standen aufseiten der Intoleranz-Berserker. Die Spannung war mit Händen zu greifen: Das war schwer auszuhalten. Da wurde erbittert und komplett unironisch gekämpft. Mit Theater hatte das nur wenig zu tun.

Wirklich? Aber das Urteil hat doch keinerlei Konsequenzen.
Schon allein der Prozess hat einen Riesenwirbel ausgelöst! Viele Zeugen konnten erstmals ihre Aussagen so machen, wie sie es für richtig hielten. Und die Verteidigerin sagte, dass sie einen Prozess zum ersten Mal gerade nicht als Theater erlebte. Teilweise schien sie das beinahe zu überfordern; sie trat nicht immer stark auf. Das Urteil selbst fiel auch denkbar knapp aus: Es gab bei den Schöffen drei «schuldig»-Voten, drei «unschuldig» und eine Enthaltung. Da galt «in dubio pro reo». Aber eigentlich interessiert mich das nicht, denn es hat sich ja um keine politische Aktion gehandelt. Politische Kunst gibt es überhaupt nicht.

Es gibt keine politische Kunst?
Ich persönlich habe natürlich eine politische Haltung – eine «neoleninistische» (lacht). Klar, dass ich für die Freisprüche bin. Aber als Moderator bringe ich meine Haltung nicht ein, auch wenn ich dafür scharf kritisiert worden bin: Man muss die Ebenen auseinanderhalten. Ich stelle die Figuren auf die Bühne, den Staatsanwalt, die Richterin, den Fanatiker und so weiter, und räume jeder einen Platz ein. Das ist wie bei Shakespeare: Jede Rolle zählt. Ohne Bösewichte gibt es keine Shakespeare-Dramen. Würde ich eingreifen, wäre es Theaterpädagogik, Therapie oder Politik. Das ist nicht mein Ding. Aber es war schon sehr kräftezehrend, diese Gegner, die einander nicht mal die Hand reichen, gemeinsam auftreten zu lassen. Ich bin erstaunt, dass die alle mitgemacht haben. Und ich korrigiere mich: Das ist doch Theater! Es ist genau das, was Theater kann und soll: diese schillernde Mehrschichtigkeit, wo keiner mehr weiss, was unten und oben ist, und alle sich auf Augenhöhe begegnen. So ein totales und befreiendes Durcheinander schafft nur die Kunst.

Die meisten westlichen und westlich ausgerichteten Medien sehen Ihr Theaterprojekt als Befreiungsschlag, derweil die gleichgeschalteten Medien in Russland Sie als Agent provocateur und Brecher von Migrationsgesetzen darstellen.
Beides ist falsch. Gegen die Migrationsbehörde erwäge ich, eine Klage einzureichen. Und ich mache auch keine «Pro Pussy Riot»-Kunst, auch wenn Jekaterina eine sehr gute Freundin von mir ist. Ich bin allen freundlich begegnet, und das hat man mir auch angekreidet. Gintowt beispielsweise ist nett und ein toller Künstler, aber eben auch ein StalinFan und Faschist. Man muss für so ein Projekt ein weites Herz haben und vor allem trennen können. Ich wurde als «reaktionärer Schlingensief» bezeichnet, was Quatsch ist. Er überschritt auch die Grenzen der bürgerlichen Moral, arbeitete mit Neonazis, hielt Schilder hoch, auf denen «Ausländer raus!» stand – und übte sich in der Moral der Kunst. Das ist die Moral, an die ich glaube.

Was kann eine solche Moral in der Schweiz ausrichten? Im Mai machen Sie «Zürcher Prozesse» im Theater Neumarkt – mit Roger Köppel von der «Weltwoche».
Vielleicht wars falsch, «Zürcher Prozesse» zu planen. Die russische Erfahrung wird kaum zu toppen sein. In Russland wird immer gleich die juristische Karte gezogen, ob du ein Ölmagnat bist oder eine Sängerin. Da heisst es: «Ab ins Lager.» Das helvetische Spannungsfeld sieht anders aus. Schlingensief etwa ist mit seinem «Hamlet» 2001 an der falschen Ernsthaftigkeit gescheitert, die in der Schweiz herrscht. Meine Kunst befasst sich obsessiv mit unerfreulichen Ereignissen und ist subversiv komisch. Der Sinn für diese Art von Komik fehlt in der Schweiz ebenso wie die Härte.

Die Härte?
Die Schweizer Linke ist soft, elitär, nicht tough genug. Dieses Phänomen habe ich sogar in Russland beobachtet. Die führende liberale Expertin im Prozess wollte sich «nicht auf das Niveau der Gegner herablassen». Mit solchen Empfindlichkeiten säuft man ab. All die Herren Hinsichtl und Damen Rücksichtl verändern kein Mü an unserer Welt – und überlassen das Feld den Brachialpopulisten. Dabei kann man mehr erreichen. Das habe ich bei «City of Change» in St. Gallen gesehen, wo wir eine Petition fürs Ausländerwahlrecht innerhalb eines Monats ins Kantonsparlament boxten.

Was für eine Form von Kunst können Sie nach diesem surrealen Ritt noch in Angriff nehmen?
Ich mache einen Rückschritt; es geht aufs Alter zu: Ich will unbedingt Gorkis «Sommergäste» in Köln inszenieren, total naturalistisch. Wie Peter Stein. Schon meine Reenactments waren im Grunde Kostümdramen, voller Spannung zwischen damals und heute. Und ehrlich gesagt: Vor einem Jahr sind wir von Berlin nach Köln gezogen, damit meine Schwiegereltern meine Freundin bei der Betreuung unserer Töchter unterstützen können. Sie sind fünf und zwei, und ich habe sie ewig nicht gesehen. Und ich bin erschöpft. Es ist Zeit heimzukehren.

Erstellt: 07.03.2013, 08:20 Uhr

Milo Rau, 1977 in Bern geboren, studierte Germanistik, Romanistik und Soziologie und verfügt über einige Russischkenntnisse. Er arbeitete als Journalist, langweilte sich bei Luc Bondys Inszenierungen und gründete 2007 das International Institute of Political Murder, wo er als Regisseur und Autor wirkt. Seine Produktionen sorgen international für Aufsehen. (Bild: Reuters )

Info

Die Videoinstallation der «Moskauer Prozesse» wird in der Zürcher Gessnerallee an der Tagung «Kunsturteile & Urteilskünste» gezeigt: 14. bis 16. 3.

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