«Sie haben ein Rendezvous mit 18 Individuen»

Nicht angezogen, aber auch nicht anzüglich sind die Tänzer des Stücks «Tragédie», das am Donnerstag am Zürcher Theater Spektakel die Werft zum Beben bringt. Ein Gespräch mit Compagnie-Chef Olivier Dubois.

Die Aufführung, die zum Skandal wurde: «Tragédie» der Olivier Dubois Company. Video: Le Centquatre/Youtube


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Geballte Nacktheit: runde Arme und dünne, ausladende Hinterteile und flache, Behaartes und weniger Haariges, hüpfende kleine Brüste und ekstatisch schwingende grosse. 18 Körper bewegen sich hier zu harten Beats, erst im strengen Gleichschritt, später orgiastisch ­zuckend, übereinander herfallend: 18 Menschen, neun Frauen und neun Männer. Seit der Uraufführung am ­Festival d’Avignon 2012 gehen sie mit­einander auf Tournee, zusammen mit ihrem Choreografen, dem französischen ­Tanz­bilderstürmer Olivier Dubois.

Sie haben Furore gemacht mit ihrem Stampfen, Schwitzen und Tanzen, mit dieser Performance namens «Tragédie». Und sie haben einen Skandal gemacht: Der Front National hat im Februar in der Region Pays de la Loire die Stimmung angeheizt gegen Dubois’ Compagnie, hat versucht, die Aufführung zu verhindern – wegen «Indezenz».

Das betrachtet Dubois seinerseits als Anschlag auf die Kultur. «Tragédie» sei nichts weniger als indezent und sei auch sonst nie so wahrgenommen worden. In der Tat: Der gar nicht mal so athletische Compagnie-Chef, der seine Leidenschaft fürs Tanzen erst mit 23 Jahren ­entdeckte – dann, wenn mancher Berufstänzer seine ersten Zipperlein bekommt –, er hat eine volle Agenda. Allein «Tragédie», der finale Blockbuster seiner Menschheitstrilogie – die anderen Teile titeln «Révolution» und «Rouge» – ist bis 2016 ausgebucht.

Warum die Entblössung?
Die Frage ist falsch: Es ist eben keine Entblössung. Es ist nicht die sensationalisierte Nippelgate-Nacktheit; es geht nicht um so etwas wie voyeuristische Busen-Blitzer-Momente, die zum medialen Event stilisiert werden. Wir zelebrieren keinen Striptease. Sondern die Nacktheit ist die Grundlage, der Schlüssel, das Wesentliche dieses Stücks – und des ungeschönten Menschen – und wird von Anfang bis Ende, anderthalb Stunden lang, durchgehalten. Das ist kein Exhibitionismus, keine billige Schock­ästhetik, in der es sich die französische Performance-Szene der Nullerjahre ja teils gemütlich gemacht hatte.

Was also soll die Nacktheit?
Wenn Sie einen nackten Körper betrachten, betrachten Sie auch sich selbst. Der nackte Körper ist ein sehr intimer Blickfang, der zu sehr grundsätzlichen Fragen über das Menschsein führt. Wir zeigen schwer arbeitende, sich mühende, engagierte Körper – virtuose Tänzerkörper zwar, aber nicht gestylte, perfektionierte Models. Und man braucht Zeit für jeden Einzelnen von ihnen: Sie haben ein Rendezvous mit 18 Individuen, nicht mit einer Masse! Mich interessiert dabei der Beitrag, den der Einzelne im und fürs Kollektiv leistet.

Wieso treffen sich diese Einzelnen in einer Tragödie?
Dass ich mich auf das antike Tragödienspiel beziehe, hat mehrere Gründe. Zuallererst: Die eigentliche Tragik des Menschen ist es, dass ein Mensch zu sein noch lang nicht heisst, dass man auch menschlich ist. Die menschliche DNA ­allein schafft noch keine Humanität. Und der Schmerz über dieses Un­­genügen des Menschen lodert im Kern meiner «Tragédie». In diesem Sinn möchte ich dem Zuschauer eine Ahnung seiner eigenen Humanität geben und ihm ein Gefühl für die Welt vermitteln: eine ­Erfahrung, nicht einen reibungs­losen Tanzkonsum. Mit «Tragödie» meine ich also nicht das Tragische im landläufigen Sinn.

Im Antiken sehen Sie die Chance zur neuen Welterfahrung?
Genau. Die griechische Tragödie ist ein Abenteuer des Herzens; das menschliche Herz ist sozusagen der Schnittpunkt von Akteur und Publikum, der Ort, wo sie aufeinandertreffen. Gleichzeitig hat klassische Tragödie eine strenge Form, arbeitet mit poetischen Gesetzen wie ­Assonanz, Alliteration, Reimformen. Und ich habe demgemäss ein choreografisches Gedicht gemacht. In der Form ­eines noblen getanzten Alexandriners versuche ich, nach der Würde und ­Humanität zu tasten, und vollziehe den Sprung von der Anatomie zur Metaphysik. Und vom Intimen zum Universellen. Hier die exakten Schrittmuster, da das Ausgreifen des Menschen nach den ­grossen Fragen. Vielleicht könnte man das auch die lyrische Macht nennen.

Die Musik erinnert aber nicht an Alexandriner. Es sind knallharte Beats, ein Geräuschorkan.
Mit dem Komponisten François Caffennes suchte ich nach einer Art prähistorischem Sound. Dinosaurierschritte, Erdbeben. Dazu setzten wir uns Vorgaben wie Beats pro Minute. Im Beben zeigt sich die Fragilität des Menschen; gegenüber der Natur ist er ein Nichts. Und sein Akt des Tanzens im Beben ist wie sein Akt des Denkens im Wüten des Daseins.

Dieser Tanz steigert sich allmählich zum Taumel, zur Orgie. Bedient das nicht doch die schlichte Schaulust?
Wenn die Orgie zu Beginn käme, wäre es vielleicht so. Aber «Tragédie» hat fünf Akte, es dauert lang, bis die Auflösung kommt. Das ist auch für den Zuschauer ein anspruchsvoller Parcours. Lüsternes Entertainment sieht anders aus. Und mit der Trilogie haben wir sowieso schon ­einen weiten Weg gemacht: von Widerstand und Rebellion in «Révolution» über den Schrei in «Rouge» bis eben zu einer Ahnung von Humanität.

Wie kann man diese Tragödie über Jahre immer noch mal durchlaufen?
Nach der Uraufführung sagte man mir: «Das ist der Hit, das wirst du noch in 30 Jahren spielen!» Ich dachte: Mal sehen. Aber mittlerweile habe ich fest­gestellt: Bei jeder Aufführung eröffnen sich mir nicht neue Türen, sondern neue Tiefen. Untiefen. Die Luft wird immer dünner, das Licht immer schwächer in diesen unerforschlichen Schatten­zonen. Auch meiner Compagnie scheint es so zu gehen: Seit der Uraufführung sind es immer die gleichen Leute; sie sind zusammengewachsen und wieder auseinandergegangen, aber die «Tragédie»-Termine haben bei ihnen stets ­Priorität. Eine wurde schwanger: Sie setzte kurz vor der Geburt aus und zwei Monate danach wieder ein.

Warum fesselt Sie das Tanzen?
Ich habe selbst keine Antwort darauf. Ich studierte, mein Vater ist Architekt, meine Mutter Sekretärin; aber mit 23 wusste ich plötzlich, dass ich das Tanzen versuchen muss. Es gab keinen klaren Auslöser. Seither bin ich auf Forschungsreise mit dem Körper.

www.theaterspektakel.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2014, 18:26 Uhr

Olivier Dubois

Nach dem Orientalistikstudium wandte sich der 1972 geborene Franzose dem Tanz zu. 2007 gründete er seine Compagnie; seit Januar leitet er das Centre choréographique Roubaix. Foto: PD

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