Theater

So züchtet man Monster

Die junge Regisseurin sperrt am Berner Stadttheater König Lear und seine Entourage in ein Wohnzimmer, wo jeder den eigenen und den Begehren der anderen ausgesetzt ist.

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Bei Lears lebt es sich gut. Vom Whiskey ist noch genug da, vom Champagner auch, und die Laune könnte nicht besser sein. Gefeiert werden will die Spendierfreudigkeit des Königs. Man ist unter sich, der König, seine drei Töchter und sein bester Freund, der Graf von Kent. Besuch ist noch da: Auch sein Schulterklopf-Kumpel Graf Gloucester ist ein flotter Kerl, der die hohe Kunst der Selbstinszenierung ähnlich lustvoll zelebriert wie Lear. Ein durchaus wohlwollendes Publikum haben diese beiden nicht mehr jungen, aber noch sehr vitalen Macho-Gockel, die man in ihrer satten Aufgeräumtheit durchaus mag. Lears Töchter ist die Grossspurigkeit des Königs vertraut, und auch die beiden Söhne Gloucesters haben das Showgebaren ihres Vaters längst durchschaut.

Im Morgenmantel prostet Lear der kleinen familiären Gesellschaft zu, voll der Vorfreude auf das, was seine Stimmung weiter steigern wird. Seine Töchter will er mit seinen Reichtümern beglücken, um dann – von ihnen gehätschelt – den Rest seines Lebens geniessen. Noch gehen ihn, den Mittfünfziger, aber Alter und Gebrechlichkeit nichts an. In vollem Saft ist dieser Lear, und wenn er davon redet, dass er sich nun in Richtung Friedhof schleppen werde, so ist das charmante Koketterie. Noch nicht ans Vererben denkt Graf Gloucester. Umso obsessiver setzt sich dafür sein illegitimer Sohn mit dem väterlichen Vermögen auseinander, das ihm nicht zusteht. Aber sie alle lächeln noch, sogar dann, als Lear die fatale Frage stellt, welche von seinen Töchtern ihn denn am meisten liebe. Denn gar raffiniert und schmeichelhaft sind die Antworten der beiden älteren Töchter.

Dass ausgerechnet seine Lieblingstochter als Spielverderberin agiert, von der sich der König die prächtigste Liebeserklärung erwartet hat, damit hat allerdings keiner gerechnet. Doch die Party geht weiter, nur wird der Griff zum Glas immer nervöser und häufiger.

Temporeiche Übersetzung

Eingesperrt in einem schicken Wohnzimmer mit offener Küche ist im Stadttheater Bern für einmal das königliche Personal aus Shakespeares Drama «König Lear». Als überaus behaglich legt Lisa Nielebeck diese Huis-Clos-Situation an, aus der nur der Tod die Eingesperrten befreien kann. Auf gerade mal acht Personen hat die junge deutsche Regisseurin Shakespeares über 20-köpfige Lear-Mannschaft reduziert, den Text von allen Nebengeschichten entschlackt und ein überzeugend knappes, 100-minütiges Familiendrama herausgeschnitzt. An ein Laborexperiment mit tödlichem Ausgang erinnert die Versuchsanlage, in der sich alle belauern und umgarnen und dabei den Begehren der anderen und den eigenen schonungslos ausgeliefert sind.

Dass dieser Party-Shakespeare funktioniert, hat viel mit Werner Buhss’ direkter, temporeicher und unverschnörkelter Übersetzung zu tun, die im gestylten Interieur (Bühne Sascha Gross) nie zum Fremdkörper wird und der königlichen Schicksalsgemeinschaft leicht über die Lippen geht. «Wenn Greise zu Kinder werden, muss man sie schlagen», konstatieren die beiden älteren Töchter des Königs. So selbstbewusst wie ihr Auftreten ist auch der Umgang der beiden Schönen mit der Situation. Ein müdes spöttisches Lächeln nur haben sie für die Schrullen ihres Vaters übrig. Mit viel liebenswürdiger Nachsichtigkeit statten Sophie Hottinger und Mona Kloos Gonderil und Regan aus. Komplizenhaft stöckeln sie in ihren eleganten Cocktailkleidern um Lear und Gloucesters flotte Söhne herum und suhlen sich dabei in ihrer Überlegenheit. Doch werden sie von den Ansprüchen des Vaters zunehmend in die Enge getrieben und mutieren dabei zu Monstern, ohne zu merken, wie ihnen geschieht. Es ist die Spannung dieses Prozesses, die während der ganzen Aufführung nie abbricht, die Nielebocks «König Lear» so überzeugend macht. Denn keiner der Familien Lear und Gloucester ist ein Scheusal, und doch entlädt sich ihre fortschreitende Verrohung in immer blutigeren Gewaltexzessen. Mit unterkühlter Zurückhaltung agieren dabei Gloucester und seine Söhne (Jürg Wisbach, Pascal Goffin, Michael von Burg), und noch stärker sichtbar werden so die Zwänge der Lear-Familie, die sich in ihrem Drama spiegeln.

Die Wahrheit im Zwinger

Doch auch jene, die die Situation durchschauen und sich ihr zu entziehen versuchen, sind ihr letztlich ausgeliefert. An seiner Nibelungentreue zugrunde geht der Graf von Kent, den Joey Zimmermann sehr nachvollziehbar zum intellektuellen Verlierer macht. Als munterer pummeliger Teenager im Hip-Hop-Outfit versucht sich Julia Gräfner in der Rolle der Lieblingstochter Cordelia aus dem Konflikt herauszuhalten, indem sie des Vaters Erwartungen mit viel schnoddriger Gleichgültigkeit quittiert. Lisa Nielebock lässt sie auch noch den Part des Narren übernehmen, die grossen Gesten und Worte des Königs persiflieren, und unterstreicht damit Cordelias Aussenseiterposition. Grossartig turnt Julia Gräfner zwischen diesen beiden Rollen hin und her: Mal hellsichtige Kassandra, mal tollpatschiger Narr, bleibt sie doch immer gefangen in ihrer bedingungslosen Liebe zum Vater.

Diesen verblendeten Patriarchen patiniert Stéphane Maeder mit viel jovialem herrischem Grossmut, den er aber so raffiniert dosiert, dass seine Verletzlichkeit genauso durchschimmert wie sein Jähzorn. Ein Vater, der seine Töchter in den Schwitzkasten nimmt: «Die Wahrheit ist ein Hund, der in den Zwinger gehört», sagt Cordelia einmal. Wie man Monster heranzüchtet, wenn man sie dort belässt, führt diese «Lear»-Inszenierung verstörend-exemplarisch vor.

Vorstellungen bis 22. Februar 2014.

(Der Bund)

Erstellt: 14.10.2013, 14:02 Uhr

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