Svenjas Weltverbesserung fällt aus

Im Theater Neumarkt zieht uns Nora Abdel-Maksoud mit der Uraufführung von «Café Populaire» gnadenlos durch den Kakao.

Marie Bonnet, Maximilian Kraus und Eva Bay in «Café Populaire». Foto: Doris Fanconi

Marie Bonnet, Maximilian Kraus und Eva Bay in «Café Populaire». Foto: Doris Fanconi

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Die vier tun nicht mal so, als sei es ein Stück. Für «Café Populaire» von Nora Abdel-Maksoud reihen sich Eva Bay, Marie Bonnet, Simon Brusis und Maximilian Kraus in ironischen Outfits an der Rampe auf und lassen den Text knallen, als wärs ein pointengespicktes Politkabarett.

Stopp: Es ist ein pointengespicktes Politkabarett! Ein satirischer Szenenreigen über die mittlere Armut und den Durchschnittsreichtum in Deutschland; und Europa. «Obwohl die Schweiz keine Hartz-IV-Empfänger kennt, der Sozialhilfeempfänger hier daherkommt wie ein deutscher Grundschullehrer. Aber immerhin gibts Sozialdetektive.» Vielleicht sässen ja auch ein paar Peilsender mit im Parkett.

Die scharfe Chose der 35-jährigen gebürtigen Münchnerin Abdel-Maksoud, die ihren Text nun selbst urinszeniert hat, ist verkleidet als Story über Svenja, eine weltverbesserungssüchtige Sterbehospiz-Clownin, und Aram, einen wohnungssuchenden Arbeiter mit Migrationshintergrund. Und ist derzeit etwas vom Witzigsten, was auf hiesigen Bühnen läuft.

Ein Hort neuer Komödiantik

Das ist durchaus eine Ansage: Denn gerade das Theater Neumarkt hat sich letzthin als Hort neuer Komödiantik etabliert, vom grossartig brachialen «Biedermann und die Brandstifter» Heike Goetzes über die gewagten Albernheiten in Pinar Karabuluts neu-feministischem «The Great Tragedy of Female Power» bis hin zu diesem «Café».

Jetzt gehts also um die kitzlige Sache mit der sozialen Gerechtigkeit in Zeiten wachsender Ungleichheit und Verlustangst. Da ackerte sich Kleinbürgertochter Svenja via Kunststudium ins bildungs­bürgerliche Besserwissen samt Linksdrall hoch. Und fährt mit ihren Kabarett-Versuchen im Kaff Güllen, Pardon: Blinden, gegen die Wand. Wohingegen die 1983 geborene Hamburgerin Bay fast im Meer des (Publikums-)Lachens ersäuft, als sie ebendieses Jammerbild unserer eigenen mittelschichtigen Erwartungen und Befürchtungen, Ehrlichkeiten und Heucheleien gibt.

Noch hats die propere Svenja in beiger Hose und dezenter Rüschenbluse nicht aufs begehrte Brettl des Gasthauses zur Goldenen Möwe geschafft. So betreibt sie einen Vlog (mit acht Followern!) und arbeitet als Hospiz-Clown. «Sekunde. Eigentlich heisst es Clownin. Ich habe mich entschlossen, den Anglizismus ‹Clown› als geschlechtsabstrakte Personenbezeichnung gelten zu lassen.» Svenja hinterfragt alles, gönnt sich trotzdem eine unterbezahlte Putzfrau und schielt darauf, ihren Fan Püppi – Hospizbewohnerin und Besitzerin der Möwe – dereinst zu beerben.

Püppi aber – umwerfend komisch: Simon Brusis im Alte-Damen-Kleid – hat genug vom «zynischen Oberschicht-Zirkus». Via Inserat sucht sie einen «bolschewistischen Stahlarbeiter, wehrhaft, mit hoher Streikneigung». Auftritt Aram. Er ist «Blindens Dienstleistungsproletariat» und -prekariat und tut, was anfällt: massieren, putzen, Pizza liefern. Und Borschtsch.

Raffinierte Gemeinheiten

Eigentlich super. Aber der Typ – Kraus wirft weitere Highlights in die bitterbös-brillante Sause – trägt Schnurrbart und eine Hotelpagenuniform. «Es gibt unterschied­liche Stufen kultureller Wertigkeit. Da sind wir uns wohl einig, immerhin sitzen Sie im Theater», konstatiert dazu Don: die verborgene neoliberale Seite Svenjas, die sich in den fabelhaft frechen Einwürfen Bonnets selbstständig macht. Dass sie Don heisst nach Trump, dessen ordinärem Kapitalismus aber intellektuell glitzernde Schubkraft verleiht, ist eine der raffinierten Gemein­heiten von «Café Populaire».

«Es gibt Hochkultur und Tiefkultur. Guter Geschmack grenzt sich ab von dem, was Bourdieu barbarischen Geschmack nennt. Die populären Klassen lieben das Vulgäre: Boulevard, Shakira, Richard David Precht. Und obwohl Abgrenzung nach unten den Kern kleinbürgerlicher Existenz ausmacht, verweigerte sich Svenja dieser Tatsache hartnäckig.» Bis sich alles noch mal überraschend dreht. Die «Beste Nachwuchsregisseurin 2017» und Kurt-Hübner-Preisträgerin Nora Abdel-Maksoud zieht uns mit ihem «Café» gnadenlos durch den Kakao. Lecker.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2018, 21:53 Uhr

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