Tanzen bis zur Selbstaufgabe

Wie aus einer zappeligen Wirtstochter eine grosse Choreografin wurde: Ein prächtiges Buch würdigt die vor fünf Jahren verstorbene Pina Bausch.

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Pina Bausch geniesst Weltruf. Sie ist eine der bedeutendsten Choreografinnen überhaupt und hat eine ganze Generation von Tanz- und Theaterschaffenden geprägt. Ihr Name ist aufs engste mit dem Tanztheater Wuppertal verbunden, dessen Leitung sie vor genau vierzig Jahren übernommen hat. Damals lag ihr das Publikum noch nicht zu Füssen, ganz im Gegenteil. 1978 kam es bei einer Premiere zu massiven Pöbeleien, und ein Kritiker empfahl den Zuschauern damals: «Die Musik ist sehr schön. Sie können ja die Augen schliessen.» Dies und vieles andere ist in Anne Linsels Buch «Pina Bausch – Bilder eines Lebens» nachzulesen. Die in Wuppertal geborene Autorin hat als Journalistin die Arbeit der Choreografin und des Tanztheaters über Dezennien nah mitverfolgt. Fürs Fernsehen realisierte sie mehrere Filme und führte auch Regie im Dokumentarfilm «Tanzträume. Jugendliche tanzen ‚Kontakthof‘ von Pina Bausch».

In zehn Kapiteln spannt Linsel den Bogen von der Kindheit der charismatischen Künstlerin bis zu deren Tod 2009. Sie schildert die schwierigen Anfangszeiten bis hin zum grossen Durchbruch und Erfolg; hin und wieder erfährt man auch Persönliches. Den Studienjahren bei «Papa» Kurt Jooss und in New York gibt die Autorin grösseres Gewicht. Dem langjährigen Bühnenbildner Peter Pabst und der Kostümbildnerin Marion Cito werden als wichtige Wegbegleiter je ein eigenes Kapitel gewidmet. Es ist ein erster und ein gelungener Versuch post mortem, dieses ungewöhnliche, arbeitsreiche Künstlerleben in der Totale zu fassen. Die eingestreuten Originalzitate machen das Lesen zusätzlich lebendig. Schade nur, dass die Autorin deren Quelle nicht nennt.

Zwischen den Seiten finden sich zahllose Fotos in Farbe und in Schwarz-Weiss. Immer wieder Pina Bausch, als junge ausdrucksstarke Tänzerin oder als gereifte, preisgekrönte Choreografin, in Porträts und Proben – mit ihrem unvergleichlichen geheimnisvollen Lächeln und nie ohne den unverzichtbaren Glimmstengel zwischen den Fingern. Wenige Fotos zeigen Bausch auch abgekämpft und übermüdet – sie pflegte bis zur Selbstaufgabe zu arbeiten. Als junge Frau in New York brachte sie sich in die Nähe der Magersucht, ohne es selbst zu merken. Da sie sparen musste, ernährte sie sich nur von Eis, vermischt mit Buttermilch und Zitrone, und befand: «Eine wunderbare Hauptmahlzeit».

Bewunderung und Distanz

Geboren ist Pina Bausch als Philippine 1940 in Solingen während des Krieges. Ein Rucksack mit weissen Pünktchen, aus dem eine Puppe herausguckte, stand immer griffbereit für den Fall, dass sie im Bunker Schutz vor Bombenangriffen suchen musste. Die Eltern führten ein Gasthaus samt kleinem Hotel. Als Kind liebte es Pina, anstatt ins Bett zu gehen, unter einem der Wirtshaustische unbemerkt den Gesprächen der Erwachsenen zu lauschen oder im verfallenen Garten-Treibhaus Theater zu spielen. Sie war fantasievoll und ein Zappelphilipp; die Gäste rieten den Eltern, sie doch ins Kinderballett zu schicken. Mit zwölf hatte sie bereits Schuhgrösse 42, und Pina fürchtete, ihre Füsse könnten weiter wachsen und das geliebte Tanzen fände ein Ende. Doch es blieb bei 42, und zwei Jahre später ging sie nach Essen an die Folkwangschule, um modernen Tanz zu studieren. Eine spartenübergreifende Ausbildung, über die Bausch einmal sagte: «Wahrscheinlich ist hier der Grundstein für meine Arbeit gelegt worden.»

Damit bezog sie sich auf ihre spezifische Bühnenästhetik, in der je länger desto weniger getanzt wurde. Schauspieler tanzten und Tänzerinnen sangen – die Frauen mit langer Haarmähne, auf Stöckelschuhen und in sinnlich wallenden Kleidern. In assoziativen Bildern und Szenen handelte Bausch komisch wie tragisch ihre grosse Themen ab: die Liebe und die ewige Sehnsucht danach, die konfliktreiche Beziehung zwischen Mann und Frau. «Ihre Stücke quollen über vor Körperlichkeit, Empfindung und einer ungezähmten Sensibilität, zart und originell.» Das schrieb der Filmregisseur Pedro Almodóvar, ein Freund Bauschs, in seinem Nachruf – bei Linsel als Vorwort an den Anfang gestellt. Auch bei der Biografin ist die grosse Bewunderung für diese einzigartige Frau und Künstlerin spürbar; die notwendige Distanz verliert sie dabei glücklicherweise nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2014, 08:12 Uhr

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Pina Bausch – Bilder eines Lebens. Von Anne Linsel, Edel:Books, 2013. 181 Seiten, 45.90 Franken.

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