Theater Neumarkt verlor die Hälfte der Zuschauer

50 Prozent weniger Besucher, nur 40 Prozent der Einnahmen des Vorjahres: Die Bilanz des Hauses im Zürcher Niederdorf ist ernüchternd.

Die Zahlen des Theaters Neumarkt sind katastrophal schlecht: Aufführung von «Karte und Gebiet» im Rahmen der Festspiele Zürich. Foto: Doris Fanconi

Die Zahlen des Theaters Neumarkt sind katastrophal schlecht: Aufführung von «Karte und Gebiet» im Rahmen der Festspiele Zürich. Foto: Doris Fanconi

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Die Zahlen sind katastrophal schlecht. Da redet keiner drumherum, auch Peter Kastenmüller, der Direktor des Theaters Neumarkt seit Sommer 2013, nicht. Dass es nicht so gut läuft, liessen schon Theaterbesuche ahnen, bei denen die Zahl der Zuschauer die Peinlichkeitsgrenze deutlich unterschritten hatte. Jetzt hat die Direktion die Flucht nach vorn angetreten, dem Gemunkel ein Ende gesetzt und den Geschäftsbericht ganz ungewöhnlich früh vorgelegt statt erst zur Generalversammlung der Theater am Neumarkt AG, die in diesem Jahr auf den 18. November anberaumt ist.

In dem Bericht steht es schwarz auf weiss: 10'706 Besucher (exklusive Gastspiele) konnte das neue Team in der Einstandssaison verzeichnen, durchschnittlich 63 pro Vorstellung – das sind knapp 50 Prozent weniger als im Vorjahr. Dieser markante Rückgang schlug sich in den Ticketeinnahmen nieder: Mit rund 210'630 Franken erreichte man nur etwa 40 Prozent der Einnahmen des Vorjahrs. Damit fällt auch das Betriebs­ergebnis tiefer aus als im Vorjahr, trotz Sparbemühungen, trotz Streichungen von Projekten; allerdings lässt sich das Minus von circa 75'000 Franken durch betriebsfremde Buchungen ins Plus hieven, sodass das Theater Neumarkt dennoch mit einem Jahresgewinn von knapp 17'000 Franken in die neue Saison starten konnte – sofern die GV im November den Geschäftsbericht so absegnet.

Heftige Anlaufschwierigkeiten

Dies ist durchaus wahrscheinlich, denn ein Direktionswechsel an Theatern führt oft zu Einbrüchen bei den Zuschauerzahlen; altes Stammpublikum geht verloren, neues muss sich erst konstituieren. Ein Misstrauensvotum nach der ersten Spielzeit ist die Ausnahme, nicht die Regel. Und, wie Kastenmüller auf Anfrage unterstreicht: Man sei im steten und intensiven Kontakt mit Verwaltungsrat und Stadt; der Finanzausschuss trat viermal zusammen. «Wir kommunizieren sehr gut.»

Mit derart heftigen Anlaufschwierigkeiten hatte freilich auch Kastenmüller nicht gerechnet. Immerhin hat der 1970 geborene Münchner dem Stadttheaterwesen 2004 so richtig Feuer unterm Hintern gemacht, als er, mit anderen, das Projekt «Bunnyhill» an den Münchner Kammerspielen ins Leben rief: Die Peripherie bekam ihren Platz im Theater, der soziale Brennpunkt Hasnbergl wurde mit der schicken Mitte Münchens ins Verhältnis gesetzt – und nach dem Wahnsinnserfolg von «Bunnyhill» legte die deutsche Bundeskulturstiftung den gut dotierten «Heimspiel»-Fonds für ähnliche theatrale Versuche auf. Kastenmüller figurierte als einer der Pioniere einer Kunst, die zu den Leuten geht.

Wieso ist sein Theater dann in Zürich nicht angekommen? Woran fehlt es? Jedenfalls nicht am guten Willen. «Wir haben uns extrem in die Stadt hineinbewegt, etwa mit ‹Europaallee›», sagt Kastenmüller – und das stimmt: Von Kastenmüllers «Arrivals», das künstlerisch Richtung Rohrkrepierer ging, bis zu Christoph Fricks gelungenem Cabaret infernal «Europaallee» standen Zürich und seine Menschen im Fokus. Zürich und sein Neumarkttheater seien ein «Superort», meint Kastenmüller, seine zwei Kinder seien hier daheim; und da sei ein grosses Kennenlernenwollen, Ins-Gespräch-kommen-Wollen. Doch das brauche Zeit; in München dauerte die Recherche damals ein paar Jahre.

Fehler habe man bei der Kommunikation gemacht. Das oft zitierte «Plattform»-Konzept mit Einheitsraum und übergreifendem Thema will man nun am Neumarkt nur noch intern hochhalten. «Es ist der einzelne Theaterabend, der zählt. Das Schreckenswort ‹Plattform› hat viel zu viel Gewicht bekommen.» Und auch der Webauftritt trug definitiv nicht zur Zugänglichkeit des Hauses im Niederdorf bei. Trotz Rückschlägen aber haben der Leiter und sein Team immer noch «grossen Spass», wie er sagt. Und in der Tat: Das Ensemble hat Kastenmüller die Stange gehalten. Das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit; man erinnert sich etwa an die Abgänge in der Frühphase der Leitung Weber/Sanchez. Dass es zwischendurch auslastungsmässig Aufschwünge gegeben hat, mag zur Courage beigetragen haben; allein für seine Zähigkeit hat das Team den aktuellen Hit («Ein Teil der Gans im Haus der Lüge») verdient.

Erstellt: 28.10.2014, 21:29 Uhr

Wenig Glanz

Ein Kommentar von Alexandra Kedves

Leitungswechsel an Theatern sind heikel, mit Besucherrückgang ist zu rechnen. Bei Einbrüchen in der Grössenordnung wie in der ersten Saison Peter Kastenmüllers muss man dennoch aufhorchen. Immerhin halten Stadt und Kanton die Aktienmehrheit, und die öffentliche Hand unterstützt. Man macht es sich zu einfach, wenn man den mangelnden Zulauf auf ungeschickte Kommunikationsstrategien schiebt – obwohl die in der Tat teils zum Haareraufen waren. Sondern was zählt, ist das Programm. Und das hatte wenig Glanz. Oft wurde da zu kleinteilig angerichtet; ein theatraler Topdog war nicht dabei. Die Zeiten, in denen das Neumarkt den Zürcher Kunstpreis erhielt (1999), kehren so schnell nicht wieder, klar. Aber man möchte dem Münchner Pionier Kastenmüller gern zurufen: «Mehr Mut zu Pioniertaten!» Und überhaupt: «Mehr Kunst!»

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