Theater mit Flüchtlingen

Von der Bühne ins Leben und zurück: Entlang Elfriede Jelineks «Die Schutzbefohlenen» tun sich sechs Zürcher Theater zu einer langen Nacht zusammen.

Schauspieler statt Flüchtlinge: Benedict Fellmer (hinten links), Judith Cuénod und Rosario Bona (vorne rechts) mit Regisseur David Kuschewski (vorne links). Foto: Raphael Hadad

Schauspieler statt Flüchtlinge: Benedict Fellmer (hinten links), Judith Cuénod und Rosario Bona (vorne rechts) mit Regisseur David Kuschewski (vorne links). Foto: Raphael Hadad

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Hinten im Fond der Bühne sitzen sie, während vorne das Theater spielt: sie, die Hauptpersonen, die Asylbewerber, die 2014 bei der Uraufführung von Elfriede Jelineks «Die Schutzbefohlenen» mitmachen. Im Lauf des Abends rücken sie näher, reihen sich in den Chor ein, der über sie spricht, der sie spricht; lesen selber vor. Später werden sie wieder aus dem Rampenlicht verschwinden.

So reflektierte Regisseur Nicolas ­Stemann damals direkt auf der Bühne die ethischen Bedenken, die sich beim Herzeigen und Darstellen der Flüchtlinge einstellen. In Zürich tut man dies beim Mammutprojekt «Die Schutzbefohlenen» – an dem sich sechs hiesige Theaterinstitutionen beteiligen – auch; und am Jungen Schauspielhaus kam man zu einer anderen Schlussfolgerung.

«Bei unserer kurzen Probenzeit von wenigen Wochen schien es ethisch unvertretbar und auch legal kaum umsetzbar, direkt die unbegleiteten Minderjährigen – um die es uns ja in unserer Produktion geht – anzusprechen und auf die Bühne zu holen», sagt Petra ­Fischer, Leiterin des Jungen Schauspielhauses, das einen Teil der langen Zürcher Nacht der «Schutzbefohlenen» stemmt. Man hütet sich vor jeder Voyeursmentalität. «Schliesslich versteht sich gerade unser Haus als Anwalt für die Jüngeren, für die Schwächeren. Was würde ihnen so ein kurzer, einmaliger Auftritt bringen? Würden sie sich danach nicht fallen gelassen fühlen?» Man hat sich gegen das Exponieren, aber umso mehr fürs Recherchieren, fürs ­Integrieren und Präsentieren der Erkenntnisse entschieden.

Eine unheimliche Power

Jelineks Partitur selber greift auf das fast 2500 Jahre alte Stück «Die Schutzflehenden» von Aischylos zurück sowie auf die Proteste von Flüchtlingen in der Wiener Votivkirche im Jahr 2012, und es erzählt vom vielfachen Tod vor Lampedusa. Winkelwiese, Gessnerallee, Neumarkt, Rote Fabrik, Schauspielhaus (samt Opernhaus) und «das Junge» nehmen uns nun buchstäblich auf eine Reise durch diesen Text mit, der im deutschsprachigen Raum eine Verbreitung gefunden und eine diskursive Wirkungsmacht gewonnen hat wie kaum ein aktuelles Drama. Mittlerweile hat die österreichische Literaturnobelpreisträgerin schon drei Zusätze dazu verfasst: einen «Appendix», eine «Coda» und einen «Epilog».

«Natürlich verändert die Zuwanderung unsere Gesellschaft. Aber Wandel ist ohnehin ein Naturgesetz.»

«Das Boot kann nicht mehr weiter. Die Menschen, die weiter müssen, können es auch nicht, aber sie brauchen wenigstens keinen Treibstoff, die treibt etwas an, das ich nicht kenne.»

Das ist eine der Passagen aus der «Coda», die für die Projektverantwortlichen am Jungen Schauspielhaus – Fischer, Regisseur Daniel Kuschewski und Ausstatter Thom Unthan – bei ihrer Recherche wie ein Trigger wirkten. Denn sie trifft einen Kern: «Die Jugendlichen, die sich da allein auf den lebensgefährlichen Weg gemacht haben, oft mit der Idee, später vom Exil aus ihre Familien in der Heimat zu unterstützen, haben eine unheimliche Power und Selbstständigkeit», sagt Kuschewski. «Davor ziehe ich den Hut.»

Theaternacht mit fixer Route

Der Lotteriefonds hat dem Schauspielhaus einen Zuschuss gegeben, der unter anderem mit der Vorgabe verknüpft war, mit den anderen Häusern in Zürich zu kooperieren. Daraus erwuchs auch die Idee zu einer langen Nacht der Theater entlang des Textes «Die Schutzbefohlenen» von Elfriede Jelinek. Die einmalige, mehrteilige Aufführung findet am Samstag, dem 21. Mai, statt. Ab 17 Uhr kann man auf einer langen Route alle sechs Stationen sehen. Daneben werden um 18.15 Uhr, 19.30 Uhr und 20.45 Uhr halbe Routen angeboten. Alle Routen beginnen am Pfauen und enden in der Roten Fabrik. (ked)

Schauspielhaus (Pfauen): «Unerhörtes aus der Unterwelt» – Regie: Barbara Frey, ­Musik: Fritz Hauser. Mit Schauspielern sowie Sängern des Internationalen Opernstudios (Opernhaus Zürich).

Junges Schauspielhaus (Pfauenkammer): «Hoffen auf ein Leben im Irgendwo».

Gessnerallee: «DeutschKURSK», ­«Glückslose für Rechtlose», «Wer befiehlt?» – zwei Projekte und eine Videodokumentation.

Neumarkt: «Die Schutzbefohlenen, in ­Alphabetical Order» – von Marcus Öhrn und Pär Thörn.

Winkelwiese: «Die, should sea be fallen in» – Jelinek in Urdu, Pashto, Arabisch, ­Georgisch, Tuschetisch, Kasachisch und Englisch; mit Flüchtlingen des Refugee Protest Camp Vienna.

Rote Fabrik: «Wir Schutzgebenden», ­«Exodus», Poetry-Slam, Konzerte.

www.schauspielhaus.ch

In der Pfauenkammer entwickeln sie, anhand der «Coda», eine Arbeit über die unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber, welche in den Flüchtlingsheimen des Kantons unterkommen, die auf die Ankunftsgeschichten und die Wünsche der Jugendlichen fokussiert. Sie sprachen dafür mit Sozialarbeitern, Pädagogen und Therapeuten der Asylorganisation Zürich, studierten Biografien.

«Das Tätigsein-Wollen dieser jungen Leute unterscheidet sie von manchem jungen Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft», stellt der 39-jährige Regisseur und Schauspieler fest. «Da regiert nicht die Vorstellung von der Selbstoptimierung und vom persönlichen Traumberuf alle Entscheidungen, sondern sie haben einen Sinn für die ­Gemeinschaft, tun das, was gebraucht wird – auch für ihre Familie daheim.» ­Fischer ergänzt, dass die Thematik der Opferung, die in «Coda» eine wichtige Rolle spiele, mit Blick auf die Einsatz­bereitschaft und Flexibilität der Jugendlichen eine neue Facette bekomme. Diese brennende Energie sei es um­gekehrt auch, welche die Betreuer in Zürich vor Herausforderungen stelle.

«Dort werden wir dann der Heftigkeit unseres Wollens endlich freien Lauf lassen können.»

So fasst Jelineks «Coda» dieses Brennen am Fluchtort, von dem auf ihre Weise auch die Zürcher Betreuer berichten. Die Motivation bei den jungen Menschen aufrechtzuerhalten, während manches Bestreben erst einmal ausgebremst werden müsse, Grenzen aufgezeigt, Voraussetzungen erfüllt werden müssten, sei eine tägliche und durchaus nicht einfache Aufgabe. Zumal, wie Kuschewski betont, diese Asylbewerber ja auch ganz normale Jugendliche seien samt ihrer Ungeduld, ihren ganz individuellen Frustrationen und Unsicherheiten. «Sie wurden da hineingeschmissen, haben furchtbare Situationen durchlebt und wollen endlich loslegen – da ist es schwierig, bürokratische Bremsklötze zu akzeptieren», erläutert Fischer.

Kuschweski, der im Kölner Stadtteil Brück aufwuchs, wo es heute mehrere Unterkünfte für Asylbewerber gibt, beschreibt für seine Heimat ähnliche ­Konflikte. «Die Halteposition ist für alle schwierig.» Trotzdem habe sich auch nach den Geschehnissen in der Kölner Silvesternacht keine Fremdenfeindlichkeit breitgemacht. «Für jede Demonstration von rechts gibts eine grössere von links.» Die Aussage, dass in der Zuwanderung auch eine grosse Chance liege, habe sich – über die letzten Jahre – als richtig erwiesen. «Natürlich verändert sich dadurch unsere Gesellschaft; aber Wandel ist ohnehin ein Naturgesetz», konstatiert Kuschewski. Die damit einhergehenden Ängste – auch die Ängste der Flüchtlinge – könne man nicht verbieten, man müsse damit umgehen. «In Brück hat man mit der Zeit gemerkt: Zusammenleben funktioniert.»

Ein Hort für Visionen

Überfüllte Aufnahmeklassen, überfüllte Häuser: 2014 sei ein Einschnitt gewesen. Aber seither habe sich viel getan. «Man ist dabei, Strukturen aufzubauen, die die Intergration beschleunigen und das Potenzial für die Gesellschaft nutzbar machen», sagt auch Fischer. «Das ist die dringlichste Aufgabe: die Bereicherung für die Einwanderungsgesellschaft deutlich machen.» Das sei relevant für die, die kommen, und die, die aufnehmen. Und das Theater könne dabei eine besondere Rolle spielen: «Es ist der prädestinierte Begegnungsort, ein Hort für gesellschaftliche Visionen.» Geflüchtete Theaterschaffende könnten sich hier einbringen, oder das Theater könnte etwa in bestimmten Zeitfenstern Räumlichkeiten für Deutschkurse bieten. Eigene Strukturen dürften ruhig einmal hinterfragt werden: Die Öffnung im ­Alltag berge die Möglichkeit zur Utopie. «Wo kann das gehen, wenn nicht am Theater?», fragt Fischer.

«Wir schmeissen alles weg, nur uns nicht. Das Wegschmeissen ist jetzt zu Ende, jetzt kommt das Nehmen.»

Dass das Nehmen dieser unserem Schutz Anbefohlenen auch ein Geben ist, hat man am Schauspielhaus erfahren – und wills in der Produktion auch vermitteln. Derzeit experimentiert Kuschewski mit der Einlass-Situation: Ankunft, Öffnung, Eintritt. «Es ist sowieso gar keine Frage, ob man die Menschen aufnimmt, sondern bloss, wie man es am besten tut.»

Erstellt: 17.05.2016, 18:55 Uhr

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