Theater mit Tequila

Der Monsterroman «Moravagine» ist im Theater Winkelwiese zu besichtigen. Er macht ganz seltsame Geräusche.

Sie basteln sich eine Romanwelt zusammen: Nico Delpy (vorne), Urs Jucker. Foto: Toni Suter (T + T Fotografie)

Sie basteln sich eine Romanwelt zusammen: Nico Delpy (vorne), Urs Jucker. Foto: Toni Suter (T + T Fotografie) Bild: Toni Suter

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Am besten geht man vorher noch aufs WC. «Moravagine», der sehr geräuschvolle Abend mit den Performern Urs Jucker und Nico Delpy, dauert mehr als zwei Stunden ohne Pause. So lange geht dieser Roadtrip durch einen Roman, der keine Grenzen kennt.

Die Vorlage des Schweizers Blaise Cendrars aus dem Jahr 1926 ist auch recht monströs. Erzählt wird von einem Idioten, der mit einem Kollegen die Welt in Stücke haut. Eine irre Geschichte. Mit vielen Verbrechen. Doch wir haben im Theater Winkelwiese eine sehr gute Zeit gehabt, sie geht um wie im Fiebertraum. Ausserdem bekommt das Publikum Brotstücke zugeworfen. Tequila gibt es auch. «Zur Stärkung», wie Jucker und Delpy zwischendurch sagen.

Freundlicherweise ziehen die beiden dann doch noch Unterhosen an.

Der Anfang ist recht nüchtern. In einer Ecke liegt ein Haufen Bücher von Cendrars, der Lautsprecher darüber ist in Stoff gehüllt. Klinisch wirkt die Bühne. Weiss abgedeckt sind die Tische. Alles noch in Ordnung. Ein Draht, der im Raum hängt, beginnt sich zu drehen und reibt sich an einem Eimer. Ein erstes Geräusch, ganz blechern. Dann aber wird die Tür aufgerissen, draussen im Garten balgen sich zwei Irre. Unter dem Krankenhaushemd, hinten offen, tragen sie nichts und schlagen mit Stangensellerie wild auf sich ein. Es ist der halb nackte Wahnsinn.

In diesem Kleid werden die Schauspieler auch durch den Roman gehen, als Monster Moravagine, der Frauen tötet, als sein Begleiter und auch Erzähler. Freundlicherweise ziehen die beiden dann doch noch Unterhosen an. Reste vom Stangensellerie bleiben einige Zeit im Haar. Das macht die erste Textpassage, eine Brandrede gegen die Psychiatrie, auch recht komisch. Hier bekommt auch, zack, ein Zuschauer eins mit dem Bleistift aufs Ohr. Wir beginnen zu hören, welche Gewalt in dieser Geschichte ist. Menschen werden hier ermordet. Bomben gebastelt. Revolutionen angezettelt. Und wir sehen auch, wie der Höllenlärm, der in «Moravagine» ist, gemacht wird: mit dem Milchaufschäumer zum Beispiel.

Resonanz und Nachhall

So gehen Urs Jucker und Nico Delpy, die sich von der Schauspielschule Bern kennen, in ihrem ersten gemeinsamen Projekt «der Faszination des Bösen auf den Grund», wie es im Programm heisst. Sie horchen in die Gegenstände eines Romans hinein, und heraus kommt das seltsamste Geräusch. Mit Tonabnehmern versehen ist der Raum. Hier zirpt das Bett, kracht der Handkarren, splittert der Stuhl. Und wenn der Milchaufschäumer surrend an die PET-Flasche gehalten wird, tönt dieses Geräusch wie der Terror der Zeit, von dem der Roman spricht. Verstärkt ist Krieg und Wahnsinn zu hören – auch mit Hilfe der Tontechniker Susanne Affolter und Martin Hofstetter.

Hier aber wird mit allem gespielt, was im Raum ist, und das auch ganz ernsthaft. 

Resonanz und Nachhall: Das ist die Methode dieser Romanbegehung. Cendrars gibts mit Loop-Gerät. Manchmal tragen Jucker und Delpy auch Pantoffeln aus Brot, die sie sich aus Vierpfündern gebastelt haben. Mit Brot soll man nicht spielen, heisst es. Hier aber wird mit allem gespielt, was im Raum ist, und das auch ganz ernsthaft. Die Reise in das Innerste einer verrückten Romanwelt endet im Geräusch. Irrsinnig, schrecklich und auch irgendwie schön.


Bis 16. November, Theater Winkelwiese

Erstellt: 07.11.2019, 12:54 Uhr

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