Zürcher Theaterspektakel

Theaterglück mit den Gottesamateuren

Zum Finale programmierte das Theaterspektakel eine hochkomische und rasend reflektierende Hymne auf die Bühnenkunst. Das Publikum tobte.

Reines Theaterglück: Vorschau zum Theaterstück «Germinal».


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Es ist das erste Mal, das sie ein «reines Theater» entwickelt haben. Sagen die beiden künstlerischen Köpfe der belgisch-französischen Formation L’ Amicale de Production, Halory Goerger und Antoine Defoort, über ihre Arbeit «Germinal». Reines Theater? Die anderthalbstündige Performance ist eher eine Chose aus Comic-Sprechblasen, Computer-Einsätzen, Gesangseinlagen und Philosophie-Aperçus. Reines Theaterglück? Auf jeden Fall! Zum Finale hat das Zürcher Theaterspektakel diese hochkomische und rasend reflektierende Hymne auf das Wunder des Bühnenwirkens programmiert; und «Germinal» verdiente jeden Klatscher, den es am Freitag einfuhr, vom Szenenapplaus bis zu den stehenden Ovationen am Schluss.

Bis zu den Grenzen der Sprache

Am Anfang ist das Wort, sonst nichts: das vorgeschriebene, quasi-göttliche, das hoch oben in den schwarzen Sprechblasen flimmert, während unten auf den kargen Brettern stumm die vier Performer gestikulieren (Arnaud Boulogne, Ondine Cloez, Halory Goerger, Denis Robert). Wer kriegt welche Sprechblase? Und wie weiss man, wer spricht, wenn man Sprechblasen tauscht? Solche Dinge verhandeln sie basisdemokratisch in ihren Gedankenprotokollen, bis die Frau unter ihnen schliesslich ein Mikro findet: die Geräuschwelt entdeckt, die Atmung, die Kiekser, die Stimme, die Sprache – und die Grenzen der Sprache. Ehe wir’s uns versehen, sind wir mitten in einem Wittgensteinschen Seminar über Sprachphilosophie, streifen Heidegger, kippen schier zu Kierkegaard, nehmen da ein bisschen Einstein mit und dort ein bisschen Heisenberg und bleiben trotzdem immer eingekastelt im Bühnenbau. Auf ein paar Quadratmetern aus Holzbrettern, in die man Löcher hineinhauen kann mit einer Picke; vor der Leichtbauwand im Fond, auf die man einen Bildschirmschoner projizieren kann: Wald, Sumpf, Hügel, wie’s beliebt.

Die vier sind also Akteure, Rechercheure, regelrechte Gottes-Amateure. Sie versuchen ihre Welt erst zu kategorisieren, dann zu chronologisieren. Und sie manövrieren sich so, zu ihrem Schrecken, bei aller mit Verve postulierten «Einheit von Raum und Zeit», in ein Ende hinein: «Ende» steht da unerbittlich auf der Wand. Doch unterwegs dorthin entdecken sie, dass es immerhin eine Gänsehaut beim Singen gibt, Trost beim Suchen und Gestalten des Wegs – und dabei Glück in der Gemeinschaft. Da wird die Ode zur Publikumsorgie.

Bis 31.8 (Sa. 19 Uhr, So. 18 Uhr)

Erstellt: 30.08.2014, 12:09 Uhr

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