Theaterkritik: Giacobbo auf Dürrenmatts Spuren

Gestern Abend hatte das Satire-Stück «Die Nepotistan-Affäre» im Casinotheater in Winterthur Premiere. Das Publikum spendete tosenden Applaus.

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Ein langer Schrei zu Beginn und einer am Ende – willkommen in der Irrenanstalt von Frau Dr. Neidhart! Doch wer sich da Luft macht, sind nicht etwa die Patienten, sondern die Institutsleiterin selber. Denn die Insassen bringen sie an den Rand des Wahnsinns. Es ist auch nicht ganz einfach, wenn sich einer für Jesus, der andere für General Guisan und der Dritte für einen Schweizer Bundespräsidenten auf Lebzeiten hält.

Drei Irre in einer psychiatrischen Klinik, hatten wir das nicht schon? Genau: In Friedrich Dürrenmatts «Physiker» hielten sich die drei Insassen der Heilanstalt «Les Cerisiers» für Einstein, Newton und Möbius. Haben sich Domenico Blass und Viktor Giacobbo, die Autoren der «Nepotistan-Affäre», also an einem Klassiker vergriffen? Ist ihr Theaterstück nur ein billiger Abklatsch?

Das Tolle ist: Die beiden Satiriker müssen den Vergleich nicht scheuen. Wenn ihr brillantes Stück dereinst nicht zum Klassiker wird, dann hat das primär zwei Gründe: Es ist in Dialekt geschrieben und es hat viele aktuelle Anspielungen, die die Zuschauer in einigen Jahren vermutlich nicht mehr verstehen werden.

Zelten auf dem Rütli

Als Vorlage für den «innenpolitischen Schwank» «Die Nepotistan-Affäre» diente die Libyen-Affäre um die beiden Schweizer Geiseln Max Göldi und Rachid Hamdani, die vor gut drei Jahren vom damaligen Machthaber Muammar al-Ghadhafi gefangen genommen wurden – als Reaktion auf eine vorübergehende Inhaftierung von Ghadhafis Sohn Hannibal in Genf. 2009 reiste der damalige Schweizer Bundespräsident Hans-Rudolf Merz heimlich nach Tripolis und wollte die Geiseln heimholen. Doch er kam nur mit ihrem Gepäck zurück – eine Lachnummer.

Im Theaterstück von Blass und Giacobbo reist Bundespräsident Jenni (hervorragend gespielt von Hanspeter Müller-Drossaart) mit leeren Vogelkäfigen zurück, denn in der «Nepotistan-Affäre» hält der dortige Diktator Karim Amazev (Daniel Ludwig) ein Schweizer Ornithologen-Ehepaar als Geiseln. Nach der missglückten Aktion kommt Jenni ins Irrenhaus – zu seinem eigenen Schutz vor Nepotistans Freiheitskämpfern, wie er meint. In Wahrheit will man ihn von seinem Wahn heilen, immer noch Bundespräsident zu sein.

Doch Jenni ist immer noch der Schlüssel für die Befreiung der Geiseln. Der Bundesrat hat dem Diktator damals nämlich versprochen, dass er auf dem Rütli zelten darf, wenn er die Geiseln freilässt. Und so beschliessen der EDA-Beamte Meersburger (David Bröckelmann) und die Psychiaterin Dr. Neidhardt (eine brillante Esther Gemsch), Jenni im Glauben zu lassen, Bundespräsident zu sein – und den Diktator von Nepotistan für einen Staatsempfang ins Irrenhaus zu beordern.

«Süddütschi Taliban»

«Die Nepotistan-Affäre» ist ein temporeiches Stück, das einerseits von der Spritzigkeit des ausgezeichneten Ensembles lebt, andererseits aber auch von den rhythmisch gesetzten Anspielungen der Schreiber auf aktuelle politische Ereignisse. Die feinsten Anspielungen sind oft die besten: Etwa wenn General Guisan (Rolf Sommer) am anderen Seeufer deutsche Nazis vermutet und der Bundesbeamte abwiegelt: «Das sind nur süddütschi Taliban.» Das sitzt.

Oder wenn Frau Dr. Neidhardt auf der Suche nach einem passenden Bild für den Staatsempfang in der Irrenanstalt bekennt, dass sie immer wieder Geschenke von ehemaligen Patienten bekomme: «Wie wärs mit ämene Albert Anker?» Da bekommt ein ehemaliger Bundesrat sein Fett ab, nicht aber Hans-Rudolf Merz. Der war übrigens trotz Einladung nicht an der Premiere. Doch er hätte sich bestimmt vorzüglich amüsiert wie auch die anderen prominenten Gäste wie etwa UBS-Boss Oswald Grübel, Medienzampano Roger Schawinski oder Polittalker Filippo Leutenegger.

Und für alle, die nicht an der Premiere waren, heisst es hingehen – luege, lose, lache!

Erstellt: 02.09.2011, 10:07 Uhr

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