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Theaterskandal in Genf ist perfekt

Die Comédie de Genève will Bertrand Cantat, Musiker und Totschläger der Schauspielerin Marie Trintignant, auf die Bühne holen. Dieser kalkulierte Theaterskandal ist kein Einzelfall.

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«Frauenkiller darf in Genf Theater spielen», titelte die Boulevard-Zeitung «Blick». Die Empörung richtet sich gegen den französischen Musiker Bertrand Cantat: Im Juli 2003 hatte er in einem Streit seine Freundin, die Schauspielerin Marie Trintignant, totgeschlagen. 2004 wurde er für die Tat zu acht Jahren Haft verurteilt, kam aber bereits 2007 wegen guter Führung wieder frei.

Letztes Jahr stand der Ex-Sänger der Band Noir Désir wieder als Musiker auf der Bühne, und nun locken ihn auch noch die Bretter des Theaters. Im Herbst soll er für ein paar Szenen der Sophokles-Bearbeitung «Des Femmes – les Trachiniennes, Antigone et Electre» in der Comédie de Genève auftreten. Ausgerechnet: griechische Mythologie, in der es um Totschlag, Trauer und Rache geht.

Von provozierenden Inhalten bis zu nackten Hintern

Cantat hat für die Inszenierung einige Musikstücke komponiert, weil ihn der libanesische Theaterregisseur Wajdi Mouawad für den «grössten Rockstar aller Zeiten» hält. Der Theaterdirektor Hervé Loichemol will nichts von diesem Auftrag an Cantat gewusst haben, will nun aber auch nicht korrigierend eingreifen. «Das Theater ist ein gastfreundlicher Ort – nicht der Zensur», sagte er gegenüber der Westschweizer Zeitung «Le Matin». Der Theaterskandal ist perfekt.

Früher sorgten die Bühnen noch mit provozierenden Inhalten für Aufregung: 1963 führte Rolf Hochhuths Papstkritik in «Der Stellvertreter» zu einem Theaterskandal, Rainer Werner Fassbinder musste 1985 für «Der Müll, die Stadt und der Tod» Antisemitismusvorwürfe einstecken, und Thomas Bernhards Nazi-Vergangenheitsbewältigung in «Heldenplatz» erregte 1988 die Wut vieler Wiener.

Als die Inhalte nicht mehr genug erregten, stellten die Theatermacher das Publikum vor nackte Tatsachen. Christoph Marthalers Aufführungen wurden da und dort als «Füdli-Inszenierungen» gebrandmarkt. Doch heute mit einem blanken Hintern oder einer entblössten Brust die Zuschauer empören? Keine Chance. Die Theatergänger sind toleranter geworden und akzeptieren nackte Darsteller wie zuvor schon Schimpftiraden.

Neuester Trick: Skandalträchtiges Personal

Also greifen Intendanten und Regisseure in die nächste Trickkiste, um die mediale Aufmerksamkeit zu erheischen: Sie holen skandalträchtiges Personal an ihre Häuser. So hatte der kürzlich verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief den medienwirksamen Einfall, für die «Hamlet»-Inszenierung vom Mai 2001 im Zürcher Schauspielhaus aussteigewillige Neo-Nazis auf der Bühne zu präsentieren.

Im Februar 2007 geriet Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles, in die Kritik, weil er dem ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar nach Verbüssung dessen Haftstrafe einen Praktikumsplatz als Bühnentechniker angeboten hatte. Ausgerechnet Rolf Hochhuth, der mit seinem «Stellvertreter» selber schon für einen Theaterskandal gesorgt hatte, forderte daraufhin die Absetzung von Claus Peymann – ohne Erfolg.

Auch der neueste Skandal in Genf wird verebben. Bis dahin sorgen die aufgewirbelten Wellen für einiges Medienecho und Werbung für das Theater. Und wenn die Aufführungen mit Bertrand Cantat ausverkauft sein werden, dann ist für die Comédie de Genève die Rechnung aufgegangen – und der Direktor wird sich ins Fäustchen lachen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.05.2011, 13:09 Uhr

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