Trauer ist etwas Subversives

Die Zürcherin Katja Brunner erhielt 2013 den Mülheimer Dramatikerpreis. Heute hat ihr neues Stück über Trauer Uraufführung in Luzern.

Geschichtentheater ist nicht ihr Ding: Shootingstar Katja Brunner will Phänomene «sinnlich erfahrbar» machen.

Geschichtentheater ist nicht ihr Ding: Shootingstar Katja Brunner will Phänomene «sinnlich erfahrbar» machen. Bild: Tom Kawara

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Ihre Strumpfhosen haben Löcher, ihre Ketten verknäueln sich über der Brust, und das Gewusel ihrer roten Locken erinnert an Lady Godiva, die, nur mit ihrer wallenden Haarpracht bekleidet, durchs Coventry des 11. Jahrhunderts ritt, um ihren Mann zu bezirzen: Tatsächlich soll der tyrannische Earl seinem Volk danach alle Steuern erlassen haben; alle ausser die auf Pferde.

Und es stimmen nicht bloss die Haare: Auch der wilde Ritt würde definitiv zur 22-jährigen Zürcher Dramatikerin Katja Brunner passen, die noch im Privatesten, quasi in der Nacktheit der Seele, eine Art politisches Potenzial entdeckt. Jedenfalls versteht sie ihren neuen Theatertext, der heute am Luzerner Theater zur Uraufführung kommt, auch als ein Stück Widerstand gegen den allgegenwärtigen Konsumismus und Kapitalismus, obwohl darin, vorderhand, von etwas ganz anderem die Rede ist.

Nämlich von jenem Schmerz, für den man kein Pflästerli kaufen kann. «Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg?» lautet der Titel, und die Partitur aus Stimmen ist ein Trauerartenzyklus aus der saturierten Schweiz. «Es geht um das Feinstaubartige der Trauer, das sich dem geltenden Informationsfluss so ganz entzieht», sagt die «Nachwuchsautorin des Jahres 2013», und ihr fröhlicher Ernst hat selber etwas Feinstaubartiges, das durch alle Ritzen unseres Gesprächs dringt. «Trauer ist etwas Subversives in unserer lustigen Schweiz.» Sie hat es in ihrem Umfeld selbst erlebt: Als einer Freundin der Vater starb und einer andern der Ex-Freund, zeigten die Mitmenschen wenig Toleranz gegenüber dem Gefühl, das zentnerschwer machen kann oder so geisterleicht, dass man schier keinen Kontakt mehr hat mit der Alltagsrealität. Rasch sollen die Leidtragenden wieder funktionieren; dabei, so zitiert Brunner den schwedischen Autor Stig Dagerman, «ist unser Verlangen nach Trost unersättlich».

Sprachgewieft, weltwütig

Die Mama, das Kindwesen, die Altgewordene – all die Figuren, «Sprechinstanzen», des Stücks haben keine Routinen, mit denen sich dieser Hunger überdecken liesse. Dem Zuschauer immerhin serviert eine Gegenwelt Galgenhumor: «Schaut wie sie nicht sterben / kaum mehr Kindersterblichkeit / Autos werden ihnen ab 75 untersagt ... und wir warten / der Hunger wartet neben uns», meckern etwa die Maden. Ein so sprachgewiefter und gleichzeitig weltwütiger Text – eine, wie Brunner sagt, «Gratwanderung zwischen aggressiv und depressiv» – aus einer so jungen Feder?

Da kommt die Autorin so frisch hinterm Lochergut – wo sie derzeit daheim ist – hervorgeradelt, als wär sie ein sorgloser Sonnenfleck an einem unserer gloriosen Märzmorgen, und schreibt etwas so Todtrauriges und Bitterböses, dass man beim Lesen weinen muss. Und lachen. Es gehe ihr um die «sinnliche Erfahrbarmachung von Phänomenen». Und nicht weniger ist ihr gelungen. Der Schmerz der Mutter, deren pubertierender Sohn sich getötet hat, die Fantasien der Frau, in deren Armen sich ein Säugling – vielleicht – «selbst aus dem Leben entlässt», die Bemühtheiten der Trauergäste beim Beerdigungsgebastel: Das hat etwas so Sinnlich-Abstraktes, als habe es sich die Dramatikerin erst aus dem eigenen Leib gerissen, dann unters Mikroskop gelegt und schliesslich durch einen irren Versuchsmarathon geschickt.

Kein Wunder, dass Brunners Debüt «Von den Beinen zu kurz», das im Talentprogramm Dramenprozessor entstand, als sie gerade mal 18 Jahre alt war, und 2012 in Zürich uraufgeführt wurde, 2013 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis gewürdigt wurde. Preisträger vorhergehender Jahre waren etwa Elfriede Jelinek, Peter Handke oder René Pollesch. Dann kam der Jungspund aus Zürich mit einem ungeschönten, sprachgewaltigen Stück über Macht in Familien und Ambivalenzen des Missbrauchs; übers Mitmachen der missbrauchten Mädchen, die sich eine Wahlfreiheit vormachen. Ein Kritiker meinte dazu, diese Arbeit wäre erträglich, wenn ein Mann sie geschrieben hätte. Und er verlängerte damit auf seine Weise das böse Spiel. Bis heute und selbst an der Kunsthochschule nehmen Männer viel selbstverständlicher Raum ein als Frauen, hat die Autorin erfahren müssen, die mit ihrem Bruder bei ihrer Mutter aufwuchs. Im Positiven wie im Negativen falle eine Frau, die sich breitmache, auf – sei eine Zumutung.

Aufforderung zur Traurigkeit

Katja Brunner wagt es, Zumutung zu sein. 2009 machte sie die Matura am Literargymnasium Rämibühl, ging 2010 ans Schweizerische Literaturinstitut Biel, studierte auch an der Universität der Künste Berlin – und schrieb stets gegen den Strich. Zürich, die Schweiz überhaupt, sei schon ein attraktiver Arbeitsort für sie, die auch Spass daran hat, als Actrice auf der Bühne zu stehen («solang sie mich nicht fortjagen»). Aber der «emotionale Geiz» der Gesellschaft hier sei schwierig; sie atme Privilegiertheit aus allen Poren. «Dabei sind wir doch alle bloss temporäre Gäste auf dem Erdbällchen, Urrechte gibt es nicht.»

Und alles erklärende Urgeschichten auch nicht. Geschichtentheater und Ideologiekunst sind drum auch nicht das Ding von Katja Brunner. Sie lässt sich als Zuschauerin vom Ungebändigten, Rohen faszinieren, und stürzt sich schreibend in ein offenes Theater der Sehnsucht, die Welt umzudrehen, Bestehendes zu hinterfragen. «‹Ändere den Aggregatszustand› ist eine verdrehte Aufforderung zur absoluten Traurigkeit – weil nur dadurch der Merkantilismus zu stoppen ist», sagt die Zürcher Godiva. Und verdreht uns damit Kopf und Herz.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.03.2014, 14:39 Uhr

Premiere in Luzern

Katja Brunners Stück «Ändere den Aggregatzustand deiner Trauer oder Wer putzt dir die Trauerränder weg?» hat am 21. März Premiere im Luzerner Theater (ausverkauft). Weitere Aufführungstermine finden sich hier.

Video

Trailer: «Von den Beinen zu kurz» am Staatschauspiel Hannover (Regie: Heike Marianne Götze)

Video

Katja Brunner über «Von den Beinen zu kurz»

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