Turnen und Turteln in der Affenhand

René Pollesch brachte im Zürcher Pfauen sein neues Stück «Ich weiss nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis » zur Uraufführung. Ablachen, Augenreiben und Applaudieren.

Buchstäblich abgehoben in gemeinsamer Einsamkeit: Marie Rosa Tietjen, Kathi Angerer und Martin Wuttke (v. l.). Foto: Lenore Blievernicht

Buchstäblich abgehoben in gemeinsamer Einsamkeit: Marie Rosa Tietjen, Kathi Angerer und Martin Wuttke (v. l.). Foto: Lenore Blievernicht

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Die drei sind «lebende Anschlussfehler» – stellen sie selbst fest, während sie die Perückenkiste plündern.

Überhaupt: Nichts passt zusammen. Barbara Steiners Bühne mit dem schwarzweissen Vorhang (eine Hommage an Bert Neumann) passt nicht zu Shakespeares «Sommernachtstraum», den das Ensemble angeblich zuvor sechs Stunden lang gespielt hat. Der variétéhafte Glühbirnensaum passt nicht zur grünen Plastikplane am Boden. Die Schauspieler passen nicht zueinander, wie sie konstatieren, und ihre Leben und Lieben nicht zu ihnen. Und, eben, schon gar nicht passen die Schnurrbärte in die Gesichter von Marie Rosa Tietjen und Kathi Angerer oder die wechselnden Walleperücken auf Martin Wuttkes haarlosen Schädel.

Verquer stehen die drei also in der seltsamen Winternachtswirklichkeit. Nur der Schauspieler Otto Sander habe in einen Monolog 150 Schaltungen packen können wie ein Relais, reibt Wuttke der Tietjen unter die Nase, deren Spiel ihm kein bisschen passt. Bei den anderen: null Verbindung zu irgendwas. Wieso die Gestalten im geschniegelt-gebügelten Robin-Hood-Party-Outfit (Kostüme: Sabin Fleck) die «Twin Peaks»-Namen Nadine, Diane und Leland zu tragen haben, weiss auch keiner.

Anfängliche Verkrampftheit

Der «Mangel an Anschlüssen» sei das Phänomen von heute, resümiert Kathi Angerer. Doch da sind wir längst hin und weg: gnadenlos angeschlossen ans erbarmungslose, hart komödiantische Suada-Theater des deutschen Autor-Regisseurs René Pollesch, der uns so mit Verve von den Ich-Verwerfungen der Gegenwart erzählt. Zu Beginn dagegen fühlt sich sein neues Stück «Ich weiss nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini-Studien)» tatsächlich noch ortlos an.

Es ist da, als fremdle das Trio mit dem Text, den der Denkperformance-Master ja stets mit dem Ensemble auf den Proben entwickelt. Die Damen hocken verkrampft an der Rampe, Wuttke tigert nervös hin und her. Sie versuchen, sich an die 6, 8 oder 24 Shakespeare-Stunden vorher zu erinnern. Vorbei, verloren: wie die eigene Lebenszeit.

«Du musst gar nicht danach suchen, wann du mit deiner Selbstzerstörung hättest aufhören können, mit neuer Vitalität von vorne hättest anfangen müssen: Alles Leben ist ja eh ein Prozess des Niedergangs», bitcht Angerers lockenköpfiges Biest. Der «Knacks» lauert erbsündenmässig in uns allen, breitet sich aus bis zum unvermeidlichen finalen Knall. Dieser «Sprung in der Schüssel» sei der eigentliche Elefant im Porzellanladen, nicht der «Terror», mit dem wir Dramaqueens den Alltag aufpeppen.

150-mal gelacht

Wie meist in Polleschs theoretisch und musikalisch aufgerüsteten Diskursschlachten bleibt uns hier bloss ein hilfloses «Treffer, versenkt!» und jenes Gelächter, das verrät, dass wir kalt erwischt wurden. In genau dieses Lachen brach das bestens verschaltete Publikum am Freitag mindestens 150-mal aus, sogar ehe sich der schwarzweisse Vorhang hob. Er eröffnete, zur Bombastik eines frei nach Richard Strauss verpoppten «Also sprach Zarathustra», kurz, ach so kurz, eine perfekte, ironisch-idyllische Wasserfallansicht.

Dann fiel dieser Prospekt des Glücks. Von der Decke senkte sich die Pranke eines Gorillas – riesig wie die von King Kong; abgehackt vom Affenkörper, wie es unsere übermächtigen Affekte von Bewusstsein und Verstand sind. Mäx heisst der Partial-Primat ohne Kopf, Bauch, Beine: nach dem Schimpansen in Nagisa Oshimas Film «Max, mon amour», in dem eine gelangweilte Diplomatenfrau sich das Tier als Lover nimmt.

Soli des Verfehlens

Auf Mäx’ monströser Hand mit den gepolsterten Ballen wird geturnt und geturtelt. Mal debattieren die drei, buchstäblich grandios abgehoben, über die Unmöglichkeiten des Daseins; mal schwitzen sie in akrobatischen Soli des Begehrens und – sowieso – des Verfehlens.

Wie die Tietjen sich sehnsuchtsvoll an die Affenfinger klammert, bis sie festklemmt und verzweifelt zappelt! Wie Wuttke sich in die Riesenhand kuscheln will, aber nur Schlaf findet, als er sich höchst prekär zwischen Daumen und Zeigefinger aufspannt. «Man ist an einem Punkt im Leben, wo Zukunft nur noch so tut, als wäre sie eine, und Möglichkeiten nur so tun, als wären sie welche», sagt er. Dass du selbst fürs Gegenüber am Ende nichts gewesen sein wirst als die Fata Morgana einer Möglichkeit, ein Unort im Sommernachtsalbtraum der Existenz: eh klar.

Bisweilen plaudern sich die angeknacksten Helden während des 100-minütigen disparaten Szenenhaufens ins Leere. Und weil Polleschs Spektakel­maschinerie diesmal so niedertourig wie selten fährt, gleitet man ab und zu ins selige Theaternirwana. 6, 8, 24 Sekunden. Doch dann ist der Anschluss wieder voll da.

Erstellt: 16.12.2018, 19:03 Uhr

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