Ungeniessbares Vanille-Theater

Das neue Stück von Pascal Nater, Michael Glatthard und Oliver Bachmann enttäuscht.

Pascal Nater, Michael Glatthard und Oliver Bachmann mögen mit ihrem neuen Stück «Von der schleichenden Vanillisierung der Gesellschaft» nicht zu überzeugen.

Pascal Nater, Michael Glatthard und Oliver Bachmann mögen mit ihrem neuen Stück «Von der schleichenden Vanillisierung der Gesellschaft» nicht zu überzeugen. Bild: zvg

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Da muss wirklich was dran sein, an der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass Vanilleduft die Sinne vernebelt, Sicherheit gibt und auch mal das Gehirn verkleistern kann. Anders sonst lässt sich kaum erklären, warum Pascal Nater, Michael Glatthard und Oliver Bachmann mit ihrem neuen Stück «Von der schleichenden Vanillisierung der Gesellschaft» so enttäuschen.

Vor drei Jahren hat das Trio aus Bern mit «Die Dällebach-Macher», einem ebenso klugen wie unterhaltsamen Recherchentheater, die Freie Szene aufgemischt, mit dem Samichlaus-Musical nachgedoppelt und die Erwartungen auf weitere Highlights geweckt. Seit letztem Jahr gehören Nater und Bachmann zum Leitungsteam des Aarauer Theater Marie, wo letzte Woche die «Vanillisierung» uraufgeführt worden ist.

Kaum relevant

Eine aufwendige Recherche haben die drei auch diesmal betrieben und viel Fachwissen zusammengetragen: So soll der liebliche Geruch unter anderem die Konsumstimmung steigern, einem das Gefühl geben, berührt zu werden und Sex besser machen. Und süchtig nach ihm hat uns bereits die Muttermilch gemacht. Vanille tut dem Menschen gut, ist in allem drin, das wird einem schnell klar - auch dass sich mit der Vanillisierung der Welt viel Geld machen lässt. Doch kommt in der Verarbeitung der vielen Infos weder der abgründige Witz zum Tragen, der die früheren Produktionen von Nater & Co. geprägt hat, noch schaffen es die drei, die Relevanz der Vanillisierung sichtbar und zu einem spannenden Theaterabend zu machen.

Glatthard versucht mit überdrehtem Dauergrinsen ein paar Lacher zu holen, Nater behält seine ruhige beiläufige Art bei, die aber nur wirkt, wenn sie brisante Aussagen kontrastiert, was hier selten der Fall ist. Wenn man zum Beispiel erfährt, dass der Entscheid von Coca-Cola, die echte Vanille durch synthetische zu ersetzen, zum Zusammenbruch der Wirtschaft auf Madagaskar geführt hat. Zu belehrend und zu ähnlich kommen auch die eingespielten Interviews mit sechs Expertinnen und Experten daher. Gelungen ist zwar die Idee, diese über sechs Lautsprecher so körperlos zu machen wie den untersuchten Stoff und überzeugend das Bühnenbild, das mit viel luftgefüllter Plastikfolie eine sterile entfremdete Welt evoziert.

Kein Mittel gegen Langeweile

Vollends ungeniessbar macht den Vanille-Abend der Bariton Philippe Meyer, der Schumann- und Schubert-Lieder ebenso gestelzt vorsingt wie die abschlägigen Mailantworten der grossen Firmen im Vanille-Business. Da können auch Stanislaw Lems hellsichtige Anmerkungen aus «Der futurologische Prozess» nichts mehr retten, und man fragt sich im Lauf des 90-minütigen Abends, warum die Duftindustrie noch kein Aroma entwickelt hat, das einem die Langeweile verkürzt.

Erstellt: 10.05.2013, 17:30 Uhr

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