Interview

«Verprügelt Griechenland nicht!»

Yannis Houvardas, der Direktor des griechischen Nationaltheaters, sieht die Selbstachtung seiner Landsleute geknickt. In Zürich bringt er jetzt Büchners «Woyzeck» auf die Neumarkt-Bühne.

Bringt Büchners «Woyzeck» auf die Zürcher Theaterbühne: Yannis Houvardas, der Direktor des griechischen Nationaltheaters.

Bringt Büchners «Woyzeck» auf die Zürcher Theaterbühne: Yannis Houvardas, der Direktor des griechischen Nationaltheaters. Bild: Nicola Pitaro

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Bühnenbild steht: eine Kneipe ohne Ausgang. Hier ein Tischchen, da ein paar Stühle, dort die Band und im Fond das Hinterzimmer. Kein Schnickschnack. Das ist die Welt von Woyzeck heute. «Alle sind im gleichen Raum, im gleichen Druck», sagt der Regisseur Yannis Houvardas, der derzeit Georg Büchners Stück in der Fassung von Robert Wilson und mit Songs von Tom Waits und Kathleen Brennan fürs Theater Neumarkt vorbereitet. «So viele sind ohne Einkommen, ohne Zukunft. Und ohne Würde.» Das ist es, was den würdevoll unauffälligen Mann, der das griechische Nationaltheater bislang knapp vor der Schliessung bewahren konnte, umtreibt, was ihn quält. Nicht bloss, wenn er den «Woyzeck» liest, sondern auch, wenn er mit Büchners Stück die griechische und die globale Gegenwart liest.

Wie geht der Sprung vom kleinen, verwirrten Soldaten Franz Woyzeck zur Schuldenkrise eines ganzen Staates oder gar mehrerer Staaten?
Vielen Griechen – und vielen Menschen in anderen Ländern – wurde von der Krise alles genommen: Jobs, Häuser, Ersparnisse. Und damit verloren nicht wenige auch ihre Selbstachtung – als Individuen wie als Bürger einer Nation, die den Karren an die Wand gefahren hat. Besonders in Griechenland, wo das Ringen um die nationale Identität eine lange Geschichte hat, spielt die Scham darüber, einem Versagervolk anzugehören, eine grosse Rolle. Zu viele Okkupationen und eine Diktatur haben den Stolz der Griechen empfindlich geknickt; und die riesigen Geldströme von der EU nach Griechenland sind auch so etwas wie eine Okkupation. Und Büchner schreibt nicht bloss über Armut und Unglück, über Verbrechen und Verantwortung, sondern über die menschliche Würde: Auch in diesem Punkt ist er hochpolitisch – genau wie die antike Tragödie, in der meine Arbeit wurzelt.

Gehen antikes Drama und Vormärz und Krise wirklich zusammen?
Auf jeden Fall: In der klassischen Tragödie regieren gleichfalls Tod und Zerstörung, die Suche nach dem Selbst und die finale Hilflosigkeit. Büchner beschreibt mit scharfem Blick, dass der Totalverlust, der Verlust von materiellen und immateriellen Werten, zu Wut – zu Blindwütigkeit – führt. Dieses Wüten sieht man, auf andere Weise, zum Beispiel bei Ödipus. Oder heute. Man könnte die EU auch mit einem Hochhaus vergleichen, wo oben die guten Mieter wohnen und der schlechte, unzuverlässige Mieter im Keller haust. Und wer weiss: Vielleicht hockt er da unten und bastelt eine Bombe?

Eine Bombe? Was heisst das?
Was passiert, wenn Griechenland abstürzt? Das wäre nicht nur für uns eine kapitale Katastrophe. Zurzeit ist es so, dass die Leute in Griechenland den Tunnel der Schuldgefühle durchlaufen haben und nach vorn, in die Zukunft, schauen wollen: Aber da ist nichts. Sie erleben die Armut auf der Strasse, sie sehen die Obdachlosen, sie müssen sich von ihren Söhnen und Töchtern verabschieden, die zum Auswandern gezwungen sind – und alles scheint immer noch schlimmer zu werden. «Merkozy», das Gespann Merkel und Sarkozy, skizziert keine Zukunft. Wir wissen, dass wir zu viel ausgegeben haben. Und es ist tatsächlich so, dass wir ein Volk der Trickser sind beziehungsweise waren. Alles hat immer mit kleinen Rechtsbeugungen funktioniert – die politische Elite war korrupt, und die kleinen Leute machten es ihr nach. Es braucht die richtigen Techniken und viel Zeit, um das zu ändern. Aber ich appelliere an Europa: Verprügelt Griechenland nicht, sondern ermutigt es und helft! Investiert! Und versteht, dass Zahlen nicht alles sind; nicht alles sein dürfen.

Wenn die Zahlen nicht stimmen, scheint doch gar nichts zu stimmen.
Hier irrt die Welt, würde ich am liebsten sagen. Seit ein paar Jahren gilt die Ökonomie als das Mass aller Dinge, überall, sogar in China. Vor der Krise bedeuteten die Wörter «Markt» und «Märkte» für mich etwas völlig anderes als heute. Geld war ein sehr praktisches Mittel des Austauschs, mehr nicht. Heute ist es der Puls des Planeten; die Leute kommunizieren in der Sprache des Geldes, alle unterwerfen sich den Zahlen. Wieso können ein paar wenige Banker über den ganzen Globus herrschen? Warum gibt es keinen Ausgang, keinen archimedischen Punkt jenseits des entmenschlichten Kapitalismus? Wenn so die Zukunft einer Welt ohne Nationen aussieht, will ich kein Teil davon sein. Aber ich konnte es selbst erleben: Die Menschen sind nicht so.

Wo haben Sie das erlebt?
Jeden Tag bei uns im Nationaltheater zum Beispiel. Die Griechen sind zwar in einem Schockzustand, und manche tun alles, um ihre eigene Haut zu retten. Aber wie viele sparen sich das Theaterticket buchstäblich vom Mund ab! Zurzeit bespielen wir drei Bühnen mit sieben verschiedenen Stücken und sind ständig ausverkauft. Den Menschen ist, gerade in der Krise, spirituelle Nahrung sehr viel wert. Ich telefoniere täglich mit meinen Mitarbeitern, und der Trend ist ungebrochen. Wir haben die Spielzeit unter das Motto «Was ist unsere Heimat?» gestellt, zeigen ein Panorama aus antiken und neuen Stücken zum Thema, und die Leute kommen und diskutieren. Und solange man noch diskutiert, kann man sich vom Nullpunkt aus auch wieder aufrappeln. Geld allein lässt eine Nation nicht auf ihren zwei Füssen stehen; dann wären wir nur Geld verschleudernde Zombies wie in den letzten zwei Jahrzehnten.

Wieso ist für Sie die Idee der Nation so wichtig bei der Selbstfindung oder der seelischen Gesundung?
Der Glaube an die Nation ist nicht das Gleiche wie Nationalismus. Die Kultur hat eine einende Kraft, und sie schenkt Menschen das Gefühl, zu Hause zu sein. Griechenland beispielsweise ist dieser faszinierende Kreuzungspunkt zwischen Ost und West – und soll es bleiben! Meine Eltern waren Griechen, die in der Türkei geboren wurden und nach 1922 in die «Heimat» geschickt wurden. Ich liebe östliche Musik und griechisch-türkisches Essen, und ich hasse die Politiker, die Türken und Griechen gegeneinander ausspielen. Schauspiel studiert habe ich in London, inszeniert in Deutschland und Skandinavien: Hat man Wurzeln, kann man auch reisen ... Für mich ist es ein Albtraum, wenn alle die gleichen Sitten haben, das gleiche Essen, die gleiche Sprache. Secondos sollten ihre Herkunftskultur pflegen, finde ich. Das Grosskapital hat keine Wurzeln – die verschieben ihr Geld ohne Rücksicht hierhin und dorthin. Der Mensch aber braucht ein Daheim.

Kann eine «Woyzeck»-Aufführung zur Geborgenheit beitragen?
Wenn Sie mich fragen: Kann Theater dazu beitragen?, dann antworte ich: ja, absolut. Die Menschen sind sehr berührt von unserer Reihe über die Heimat; wir haben Stücke über die Krise und über die Einwanderungsproblematik in Auftrag gegeben, die den Leuten viel geben. Aber wenn Sie mich fragen: Trägt meine «Woyzeck»-Inszenierung zur Geborgenheit in Griechenland bei, so muss ich sagen: auf keinen Fall! Im Gegenteil: Es wäre suizidal, diese Arbeit jetzt bei uns in Athen zu zeigen. Büchner hat eine extreme, metaphorische Sprache. Er nimmt den Zuschauer mit zu den tiefsten, dunkelsten Abgründen, Woyzeck geht den Weg der totalen Erniedrigung. Und als Zuschauer muss man da durch. Aber: Es ist ein Kunstwerk, und so kann der Besucher ein seltsam masochistisches Vergnügen daran haben und am Schluss geläutert daraus auftauchen – wenn er nicht stecken bleibt. Katharsis ist die Reaktion auf die Dunkelheit. Die Erniedrigung verlangt nach Revolte.

Schaffen die Zürcher das?
Das schaffen sie. Wir haben ja den Gegenpol: Tom Waits Musik. Auf der einen Seite mussten sich die Schauspieler viele Filme des Ungarn Bela Tarr ansehen, damit sie ein Gefühl für Büchners Hoffnungslosigkeit und Dunkelheit bekamen. Auf der andern Seite ist der musikalische Kontrapunkt: Waits’ beinah schon kabarettistischer Pop-Rock-Blues, der eigene Regeln hat, und der formstrenge Bob Wilson sitzt in der Mitte; sein Stilbewusstsein gleicht dem meinen sehr. Ich feile an jeder Handbewegung. Der Stückvorschlag vom Neumarkt kam daher gerade recht: Fun-Theater ist nicht mein Ding, aber ich glaube, dass mein «Woyzeck»in all seiner Dunkelheit und bewusst kruden und essenziellen Einfachheit gut unterhält.

Erstellt: 07.03.2012, 15:56 Uhr

Infobox

Premiere von «Woyzeck» im Theater Neumarkt am Freitag, 9. März.

Yannis Houvardas

Direktor eines bedrohten Hauses
Der 52-jährige Grieche hat an der Royal Academy of Dramatic Art in London studiert. Danach wirkte Yannis Houvardas als Schauspieler. 1977 gründete er in Athen eine eigene Theatergruppe, seit den späten 70er-Jahren arbeitet er als Regisseur in Deutschland, Skandinavien und Griechenland. 2007 übernahm er die künstlerische Leitung des griechischen Nationaltheaters in Athen, und seit der Krise kämpft er ums Überleben der Bühne. 30 Prozent der Subventionen wurden bereits gestrichen, der Umfang der Produktionen und des Personals verkleinert. «Im Moment kommen wir gerade so durch», sagt Houvardas. 2012/13 wird seine letzte Saison an dem Haus sein, um dessen Zukunft er bangt. Der Kontakt zum Theater Neumarkt entstand über Armin Kerber, einen Ex-Direktor des Theaterhauses Gessnerallee. Im Gegenzug zu seinem «Woyzeck» in Zürich wird die Neumarkt-Co-Leiterin Barbara Weber im Herbst «Orpheus in der Unterwelt» in Athen inszenieren. (ked)

Artikel zum Thema

Peter Kastenmüller wird neuer Direktor am Theater Neumarkt

Der Münchner wird in der kommenden Saison 2013/2014 die Geschicke des Theaters leiten. Mehr...

Georg-Büchner-Ausstellung zum Todestag

Seine Werke sind bis heute Pflichtstoff am Gymnasium, vor 175 Jahren verstarb der Schriftsteller in Zürich. Eine Ausstellung in Darmstadt würdigt den Sozialrevolutionär. Mehr...

Schwarze Romantik, glitzernde Steine

Die Stuttgarter Ballettpremiere von «Das Fräulein von S.», choreografiert von Spoerli-Nachfolger Christian Spuck, war raffiniert. Mehr...

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der grosse Sweet-Home-Geschenkeratgeber

Geldblog Medacta enttäuscht die Anleger

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...