Viel nackte Haut und Gelungenes

Gestern ging die 35. Ausgabe des Theater Spektakels Zürich zu Ende. Immer noch zeigt es sich jung, erfrischend – und verstörend.

Die Nackten ganz nah am Publikum: Marcelo Evelins Soiree «Suddenly Everywhere Is Black With People».

Die Nackten ganz nah am Publikum: Marcelo Evelins Soiree «Suddenly Everywhere Is Black With People».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie ist fetzig, up to date – und komplett angezogen: «Shilpa, The Indian Singer App» aus Deutschland und Indien. Die Jury des Zürcher-Kantonalbank-Förderpreises war vermutlich etwas erschöpft von all den Trips in die Landschaften der nackten Haut mit ihren vielsagenden Öffnungen und Verschlossenheiten: von einer Theater-Spektakel-Ausgabe, der ein Hieronymus Bosch Pate gestanden haben könnte. Jedenfalls haben die Juroren den mit 30'000 Franken dotierten Förderpreis eben «Shilpa» zugesprochen, das im März schon den Preis des Secondofestivals in Aarau geholt hatte. Die Zürcher Laudatio jubelt zu Recht über «MD Pallavis Durchhaltevermögen in dieser virtuosen One-Woman-Show», in der «brisante Themen wie Diskriminierung, sexueller Missbrauch oder die prekäre Situation der Frauen in Indien» mit «lebhafter Energie» gesungen, getanzt und gesoapt werden.

Denn so seismografisch sicher die Programmverantwortlichen des Festivals, allen voran Sandro Lunin, es 2014 mit ihrer rund zweiwöchigen Trendschau auch getüpft haben: Die vielen aktuellen Versuche, in sich zu gehen beim Sich-Entäussern vor allem von Kleidern – sie waren auf Dauer doch ermüdend, egal, ob entblösst ein postmoderner Tschechow geboten wurde oder eine post-postmoderne Krimiobduktion. Ältere Semester unter den Besuchern des Festivals wähnten sich in einer Art technisch und theoretisch aufgerüschter Siebzigerjahre-Retrospektive.

Abschrecken liess sich freilich keiner: Die Auslastung der Vorstellungen lag mit 84 Prozent höher als budgetiert (75 Prozent) und auch als im Vorjahr (80 Prozent). Rund 25'000 Tickets wurden verkauft, 110'000 Besucher zählte man auf der Landiwiese. Das Wetter verregnete jedoch die Gastroergebnisse, die 10 Prozent unter Budget blieben.

Anschwärzen erlaubt

Um die neue Welle der hüllenlosen Kunst zu würdigen, verlieh die Zürcher Kantonalbank den Anerkennungspreis von 5000 Franken an das Mensch-Puppen-Gefinger «CPR Practice» der Koreanerin Geumhyung Jeong. Die spannungsvollste und wirklich radikale Performance im Adamskostüm war aber die, bei der es fast nichts zu sehen gab: Marcelo Evelins (nicht nominierte) Soiree «Suddenly Everywhere Is Black With People». Vor dem Knäuel aus fünf nackten, nachtschwarz geschminkten Menschen, das sich hemmungslos durchs Publikum wälzte, kapitulierten die Zuschauer. Die einen versteckten sich hinterm Vordermann, andere ahmten die Performer nach, wieder andere jagten ihnen hinterher. Schon toll, dass so ein irr-irritierendes Theater die Zürcher buchstäblich anschwärzen darf!

Überhaupt stachen drei, vier Produktionen heraus aus den erwartbaren – und achtbaren – Off-Szene-Ringelreihen, bestehend aus 46 Produktionen aus 24 Ländern, samt seinen Uraufführungen und Europapremieren. Allein schon für diese Highlights hat sich das Zürcher Theater Spektakel 2014 gelohnt. Neben der völlig konkurrenzlosen Seltsamkeit von Evelin waren dies ein Stück Privatpolitik, ein Stück Politentertainment und ein Stück Theatertheologie: Milo Raus «The Civil Wars», «Shilpa» vom Flinntheater und «Germinal» von Halory Goerger & Antoine Defoort. Die drei haben sehr unterschiedliche Themen – aber sie haben welche! Grosse, schwere, über jede Nabelschau hinausreichende. Die drei haben zudem unterschiedliche, jeweils streng durchgeführte Formate – aber nie genieren sie sich, zu unterhalten! Uns anzusprechen und Saiten zum Schwingen zu bringen. Berühren ist erwünscht!

Erstellt: 01.09.2014, 06:36 Uhr

«Shilpa, The Indian Singer App» - Teaser

Video

«Suddenly Everywhere Is Black With People»

Artikel zum Thema

Jede zweite Vorstellung ausverkauft

Die Theater Spektakel hat in diesem Jahr viel zahlendes Publikum angelockt. Die Gastrobetriebe litten jedoch unter dem schlechten Wetter. Mehr...

Das Wort spielt sich direkt ins Herz

Milo Rau, Politperformance-Pionier, wollte wissen, wieso aus hiesigen Jugendlichen Jihadisten werden. Und fand ein neues Theater und ein neues Thema: Europas Untergang und die Heraufkunft des Einzelnen. Mehr...

Ein Orchester, das in einem Kleinbus Platz hat

Das Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp probt und spielt in ganz Europa. Heute tritt es am Theater Spektakel in Zürich auf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Geldblog Solarenergie: So setzen Sie auf den Megatrend

Sweet Home Da werden wir weich

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...