Vom Hamlet zum Dienstmädchen

Der Wunsch von Tausenden, der Weg von wenigen: Wir blicken auf vier Stationen des Schauspielerberufs, vom Vorsprechen bis zur letzten Rolle.

Mit Selbstdarstellung zum Erfolg: Das Vorsprechen ist für die Schauspieler die Bewerbung für einen Job. Foto: Judith Buss

Mit Selbstdarstellung zum Erfolg: Das Vorsprechen ist für die Schauspieler die Bewerbung für einen Job. Foto: Judith Buss

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Der Raum ist vollgepumpt mit Träumen – an diesem Abend, an dem wir eine Serie scheinbar banaler Theatermomente zu sehen bekommen: Einzeln treten junge Menschen auf die nackte Bühne, um sich uns mit dem vorzustellen, was sie können. Einer bedankt sich bei seinem verstorbenen Papa, um dann gleich in Shakespeares «Hamlet» überzugehen; eine zweite zeigt die Nina aus Tschechows «Möwe».

Sich vorstellen, singen, performen. So geht das diesen Abend lang, der sich «Das Vorsprechen» nennt und nichts anderes zeigt als das sogenannte Intendantenvorsprechen: ein real existierendes Bühnenformat, das von Insidern neckisch IVO genannt wird. Mit ihm können sich die Absolventen der deutschsprachigen Schauspielschulen ihren potenziellen Arbeitgebern vorstellen. Die einzelnen Vorsprechen sind kurz – gerade mal 10 Minuten, in denen sich entscheiden kann, wo man anfängt und ob man überhaupt einen Job kriegt. In einem Markt, der völlig übersättigt ist. «Ich habe es mir immer ganz anders vorgestellt», hat die Schauspielerin Laura Tonke mal gesagt, die mit 17 vor der Kamera debütierte und heute zwischen Kino, Fernsehen und Theater pendelt. «Na ja, dass ich mit 18 praktisch schon ein Superstar bin und mit 20 schon gar nicht mehr weiss, wohin mit dem Geld.»

«Das Vorsprechen – Münchner Kammerspiele»

Die Realität war freilich eine andere. «Mit 21 musste ich feststellen, dass ich über ein Jahr nichts mehr gearbeitet habe.» So hat es Tonke in «Mädchen am Sonntag» formuliert, RP Kahls filmische Hommage an vier junge Schauspielerinnen, die zwischen gelebtem Traum und den Realitäten des Marktes schlingern.

Die Absolventen der Münchner Otto-Falckenberg-Schule, die wir im «Vorsprechen» zu sehen bekommen, wissen um diese Realitäten.«0,4 Prozent werden Stars, 23 Prozent arbeiten mehr recht als schlecht, 23 mehr schlecht als recht, 25 dümpeln so rum, und der Rest macht etwas anderes», erklärt eine von ihnen. Schwierig wird es aber erst, wenn man nicht mehr zu den ganz Jungen zählt, für die es noch immer einen grossen Bedarf gibt: Von den Absolventen der staatlichen Schulen in München, Bern und Zürich – jährlich jeweils 10 bis 20 (die Studienbewerberzahl geht in die Hunderte) – finden rund 90 Prozent ein erstes Engagement in einem Theater­ensemble. Wenn man Glück hat, sogar in einem der grossen wie am Zürcher Schauspielhaus, das pro Jahr ein bis zwei Absolventen aufnimmt.

«Die Spielwütigen»

Das Intendantenvorsprechen war während Jahren der Branche vorbehalten, bis der Basler Regisseur Boris Nikitin beschloss, dieses Format mal einem breiten Publikum zugänglich zu machen – als Theaterproduktion, die ab morgen in Basel gastiert. Als Zuschauer erlebt man dieses Vorsprechen mit gemischten Gefühlen. Weil man um die Realität des Marktes weiss – und sich selbst dabei beobachtet, wie man die Fähigkeiten, die Körper und die Chancen der Schauspieleleven zu beurteilen beginnt. «Es ist auch ein Stück Verachtung. Eben weil es so eine Fleischbeschau ist», hat die Schauspielerin Constanze Becker mal gesagt, als sie für den Film «Die Spielwütigen» befragt wurde, mit dem Andreas Veiel vier Absolventen verfolgte, von der Aufnahmeprüfung bis zum IVO.

Die Newcomerin

Aber was geschieht eigentlich, wenn man den Sprung ins Ensemble eines Theaters geschafft hat, was immer noch die meisten Absolventen wollen? Man ist wahrscheinlich so begeistert wie die 27-jährige Lisa-Katrina Mayer, die nun bereits in der zweiten Saison zum Ensemble des Zürcher Schauspielhauses gehört. Die erfahrenen Kollegen, die unterschiedlichen Regisseure, das alles sei grossartig, sagt Mayer, auch wenn man nochmals bei null beginne. «Die Situation ist ja eine ganz andere als an der Schule, wo man gleich die fetten Rollen spielen konnte, weil man die grossen Stoffe unter sich aufteilen musste.» Im täglichen Betrieb habe man auch nicht mehr die «überbordende Zeit und die Rundumbetreuung» durch die Sprech- und Körperlehrer, mit denen man ­während des Studiums über Wochen an ­einem Monolog arbeiten kann. «Am Theater stehen unter Umständen nur zwei bis drei Probentage zur Verfügung, dann muss die Szene sitzen.»

«Mädchen am Sonntag»

Letztes Jahr hat Mayer hundert Vorstellungen gespielt – in sieben unterschiedlichen Produktionen. Das ist viel und hatte zur Folge, dass Mayer manchmal nur einen Tag im Monat frei hatte, vermutlich zum Theater-Mindestlohn. Aber Mayer mag nicht jammern. Im Gegenteil. «Das ist ja genau das, wovon man die ganze Zeit geträumt hat: Man will raus, man will spielen!» Das macht sie nun – und versucht, sich zugleich zu positionieren. Nicht nur im Ensemble und auf dem Markt, indem sie sich ganz in die Produktionen hineingibt, um die Ästhetiken von so unterschiedlichen Regisseuren wie Kornél Mundruczó oder Herbert Fritsch kennen zu lernen. Und indem sie beobachtet und fragt, wie ihre erfahreneren Kollegen eine Szene angehen. Das sei wichtig, um weiter an ihrem «Material feilen zu können», als das die junge Schauspielerin sich selbst bezeichnet. Die Positionierung hat für Mayer auch etwas mit unserer Gesellschaft zu tun, die noch immer patriarchal dominiert ist. Die Frau als Opfer, Objekt oder Liebende – mehr scheint es auf der Bühne des psychologischen Realismus für weibliche Schauspielerinnen oft nicht zu geben.

Ein Riesenthema war dies insbesondere bei der Arbeit an Mundruczós «Hotel Lucky Hole», einem knüppelharten Stück zum Thema Prostitution, in dem Mayer während knapp zwanzig Minuten nackt auf der Bühne war. «Als Schauspielerin ist man immer den taxierenden Blicken ausgesetzt. Nicht nur, wenn man nackt ist.» Das gehöre zum Job. «Im besten Fall mag man sich», sagt Mayer.

Der Star

Einigen genügt das nicht: Sie brechen mit dem Betrieb und den Hierarchien des Stadttheaters. Selbstverständlich auch an Frank Castorfs Berliner Volksbühne, wo der Schauspieler Fabian Hinrichs mehrere Jahre lang Ensemblemitglied war. «Als ich anfing am Theater, hatte ich 24 Vorstellungen im Monat – an der Volksbühne, wo es eine gewisse Art gibt, zu spielen». Er sei völlig erledigt gewesen und habe dem Geschäftsführer den Vorwurf gemacht, dieser habe «seinen Job» und die Einbauküche, die er sich gerade angeschafft hatte, «nur durch mich». Hinrichs wurde rausgeworfen. So hat er es zumindest kürzlich für eine DVD-Edition namens «Spielweisen» erzählt, in der prominente Schauspieler wie Sandra Hüller oder Jens Harzer zu ihrem Beruf befragt wurden.

Für den heute 42-jährigen Hinrichs ging die Rechnung auf: Er gehört zu den 0,4 Prozent, zu den Stars des deutschsprachigen Theaters. Als solcher arbeitet Hinrichs im Theater nur noch mit René Pollesch zusammen, um als Solist in Stücken wie «Kill Your Darlings!» die grossen Fragen nach der verlorenen Gemeinschaft zu stellen – inzwischen seit vier Jahren vor immer vollem Haus.

Der Teamplayer

In der Karriere von Hinrichs kann man durchaus etwas Symptomatisches erkennen. Nicht nur bezüglich der Hierarchien, die viele anprangern, die den Betrieb kennen. «Heute gibt es im Theater und unserer Gesellschaft einen viel offeneren Markt für Prominenz», sagt der Schauspieler Vincent Leittersdorf, der inzwischen seit bald 18 Jahren dem Ensemble des Theaters Basels angehört. Als mehrfacher Vater ist der gebürtige Hamburger inzwischen fest in Basel verwurzelt. Seine Familie war für Leittersdorf aber nicht der einzige Grund, warum er nun schon so lange am Rheinknie spielt. «Ich hätte mehrere Abzweigungen nehmen können, zum Film, zum Fernsehen oder an andere Häusern», sagt er. «Aber mich hat immer mehr die Möglichkeit gereizt, gemeinsam mit einem Ensemble am Theater etwas hervorzubringen und so das Publikum zu berühren.» Sei es emotional oder gedanklich.

«Spielweisen. Videogespräche mit Schauspielern»

Leittersdorfs Insistieren auf dem Ensemblegeist hat wohl auch damit zu tun, dass er diesen in geradezu idealer Form erlebte: Als er nach Basel kam, waren alle hungrig, aber noch keiner wirklich bekannt, weder Stefan Bachmann noch Michael Thalheimer oder Stefan Pucher, die damals dort inszenierten. Bachmanns Schauspielintendanz war aber zugleich auch eine der letzten, in der es noch gemischte Ensembles gab mit sehr jungen, aber auch mit sehr erfahrenen Schauspielern, von denen viele über sechzig waren. Heute sind insbesondere die älteren Frauen aus den grossen Theaterensembles verschwunden. Am Schauspielhaus Zürich ist Friederike Wagner inzwischen die Älteste mit einem festen Vertrag. Mit gerade mal 53 Jahren.

Die Nischenkönigin

Bedauert wird diese Entwicklung von allen, mit denen man spricht. «Es ist für alle Generationen wichtig, dass man sich beim Spielen an anderen orientieren kann», sagt der 58-jährige Leittersdorf. «Nicht zuletzt, wenn man für das Publikum ein lebendiges Gedankenspiel sein will.» Begründet wird der Abbau mit den fehlenden Spielmöglichkeiten für die Älteren. «Es gibt leider zu wenig grosse Rollen für Darstellerinnen über 60», erklärt das Schauspielhaus Zürich. «Daher ist es auch bei uns schwierig, einer Frau in diesem Alter über eine komplette Spielzeit genügend Bühnen- präsenz zu garantieren.» In Zürich arbeitet man daher mit Gästen wie der 75-jährigen Nikola Weisse, die sich im Gespräch als repräsentativ für eine Entwicklung bezeichnet, die nicht falsch sei: Früher habe es in den Ensembles ältere Schauspieler gegeben, die mit Rente und dem üblichen Monatslohn hohe Einkünfte erzielten, die gegenüber den jüngeren kaum zu rechtfertigen waren. Es gehe immer auch darum, Platz für die nachrückende Generation zu schaffen.

Aber ist es überhaupt interessant, für kleinere Rollen engagiert zu werden? Ja, sagt Weisse, «man muss sich eben auf der Bühne den Platz für die Anforderungen der Rolle schaffen». Oder gar darüber hinausgehen, wie Weisse es regelmässig tut. 2011 am Theater Basel in «Die Unterrichtsstunde» von Werner Düggelin etwa, in der sie die scheinbar undankbare Rolle des Dienstmädchens als Nischenkönigin zur Solonummer ausspielte. Mit Schwung pfefferte Weisse die Taschen der Schülerinnen, die Leittersdorfs Professor gerade ermordet hatte, auf einen Haufen.

Auch dieser bestätigt, dass der Beruf interessant bleibt, obwohl man irgendwann nur noch Väter und Täter zu spielen bekommt: «Während der Berufsjahre habe ich bei mir weit mehr Qualitäten und Talente entdeckt, als ich es als junger Schauspieler vermutet habe.» Auf diese Talente muss man vertrauen, wenn man mit Facetten spielt, wie es Leittersdorf tut, und die Aufgaben nicht nur mit Routine bewältigen will, die in diesen Beruf auf einen zukommen.

Boris Nikitins «Das Vorsprechen» gastiert Freitag/Samstag an der Kaserne Basel.

Erstellt: 10.02.2016, 21:28 Uhr

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