Vom Kinderzimmer zu Schawinski

Wie aus Ihrem Kind ein richtig guter Theaterprovokateur wird – sicher besser als der Köppel-Exorzist Philipp Ruch.

Der Meisterprovokateur: Christopf Schlingensief bei einer Aktion in Österreich. Foto: Peter Rigaud (Keystone)

Der Meisterprovokateur: Christopf Schlingensief bei einer Aktion in Österreich. Foto: Peter Rigaud (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jetzt haben wohl alle vom Politkünstler Philipp Ruch gehört, der einen Exorzismus an Roger Köppel vollziehen wollte – und wie das Ganze «zum peinlichsten Rohrkrepierer» wurde, wie einer unserer Kollegen urteilte. Vielleicht sind jetzt Eltern besorgt, dass auch aus ihrem Kind ein solcher Provokateur werden könnte. Die Sorge ist berechtigt, denn Kinder wie Theaterprovokateure haben eines gemeinsam: Sie reizen Grenzen aus.

Richtig gefährlich wird es aber erst, wenn Ihr Kind heimlich Perücken trägt. Denn Provokateure sind immer Idealisten, die sich im Vollbesitz der Wahrheit wähnen und an das Gute und Schöne glauben. Wie Schiller, der berühmteste Perückenträger der Theatergeschichte. Im Unterschied zum toten Neckarschwaben fordern Provokateure ihre Ideale mit voller Kraft der Grenzüberschreitung ein: Sie glauben daran, dass eine Wahrheit existiert, die niemand hören will, dass es die Schönheit des Schmutzes gibt – und wahre Freiheit erst dann besteht, wenn alles Gute möglich ist, woran die Provokateure selbst glauben. Wenn Ihr Kind also sehr oft quengelt und alles unfair findet, was Sie ihm verbieten, ist die Chance gross, dass es zu einem Theaterprovokateur wird – und mit 35 Jahren bei Roger Schawinski in der Sendung sitzt.

Die Entwicklung zum Theaterprovokateur scheint nicht verhinderbar zu sein. Aber vielleicht kann man dafür sorgen, dass aus Ihrem Kind ein richtig guter Provokateur wird. Dieser erschöpft sich bei seinen Aktionen nicht in plumpen Grenzüberschreitungen. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er seine Gegner sehr gut studiert: Er kennt seine Institutionen, Strategien und Forderungen und weiss diese für sich zu nutzen. Und zwar so, dass der Gegner sich eine Blösse gibt. Deshalb waren auch die subventionierten Theater immer gute Orte für Provokationen: Sie waren gewohnheitsmässig die Institutionen der politischen Repräsentanten, der Etablierten und der Bürgerlich-Konservativen, die auf dem Spielplatz ihrer Selbstdarstellungen von den Provokateuren herausgefordert werden konnten. Sei es mit der Behauptung, dass die Nazivergangenheit noch nicht bewältigt ist (wie in Thomas Bernhards «Heldenplatz»), oder mit ästhetischen Grenzüberschreitungen (wie in Peter Handkes «Publikumsbeschimpfung»).

Lange ging das gut: Theatertüren wurden zu- geknallt, Misthaufen wurden für Thomas Bernhard vor dem Wiener Burgtheater abgeladen. Aber irgendwann durchschauten die Politiker die Provokationen und fanden das Fernsehen attraktiver für ihre Selbstdarstellung. Die Theatermacher reagierten: Sie wechselten das Terrain und verlagerten sich in Bereiche, wo die Frage «Ist das noch Kunst?» den Rahmen und die nötige Aufmerksamkeit verschafft, die jede gute Provokation braucht.

Am besten beherrschte diesen Terrainwechsel Christoph Schlingensief, der im Jahr 2000 die Forderungen von Jörg Haiders FPÖ ganz wörtlich nahm: Neben der Wiener Staatsoper stellte Schlingensief mehrere Container auf, aus denen man via Telefonabstimmung Ausländer wählen konnte, die aus dem Land abgeschoben werden sollten. «Ausländer raus» hiess das Projekt. Es war in der extremen Rechten nicht so umstritten wie bei Linken, die als Schwarzer Block die Container stürmten. Die Bilder gingen um die Welt.

Der ewige Cliffhanger

In der jüngsten Empörung ging vergessen, dass auch Philipp Ruch ein kluger Provokateur sein kann. 2014 stattete Ruch der Familienministerin Manuela Schwesig einen Besuch ab. Sie lässt normalerweise keine Politkünstler zu sich vor – ausser sie werden von zwei Holocaust-Überlebenden begleitet. So wie Philipp Ruch, der damals mit einer Homepage der Ministerin ein Hilfsprojekt für 55 000 syrische Pflegekinder andichtete. Und diese Aktion traf ins Schwarze: Nichts ist für eine Politikerin so peinlich und schwierig, wie sich von etwas Gutem zu distanzieren.

Es bleibt also die Frage, warum die «Entköppelung» derart misslang, wenn Ruch so gut über die Mechanismen Bescheid weiss. Die Antwort ist einfach: Ruch kennt seinen Gegner schlecht. Roger Köppel ist kein Nazi, er hat nie zum Mord aufgerufen. Er weiss aber, dass er an Aufmerksamkeit und Sympathie gewinnt, wenn man ihn dauernd skandalisiert. Deshalb wendet Köppel seit je die Strategie der Grenzüberschreitung an, der er auch seine Bekanntheit verdankt.

Diese funktioniert wie ein ewiger Cliffhanger: Was getraut er sich als Nächstes, wenn er gerade diese Linie überschreitet? Das macht Köppel und seine «Weltwoche» zu einer permanenten Sensation. Das zu erkennen, ist einfach. Dieser Strategie beizukommen, ist aber schwierig, mit Provokationen sicher unmöglich. Dass er dies nicht sah, war einer von Ruchs gröbsten Fehlern.

Wenn aber Ihr Kind beim nächsten Vorstoss – «Schokolade ist ein Grundnahrungsmittel», «Bär Toto braucht fünfzig Freunde» und «Du bist auch dauernd im Internet» – mit Block und Stift ihre Reaktionen studiert, wissen Sie, dass Ihr Kind mal ein richtig guter Theaterprovokateur wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2016, 22:49 Uhr

Artikel zum Thema

Köppel erhält Gottes Segen

Die Verfluchung Roger Köppels im Neumarkt Theater hat im Zürcher Kantonsrat harsche Kritik ausgelöst. Und überraschende Gegenmassnahmen. Mehr...

Das Köppel-Stück als Stresstest

Ein Foul ist kein Grund, das Spiel abzubrechen. Mehr...

«Man soll dem Neumarkt-Theater die Subventionen streichen»

Andreas Thiel und andere Kulturschaffende verurteilen die Anti-Köppel-Aktion des Theaters am Neumarkt. Die Verantwortlichen werden vor den Verwaltungsrat zitiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...