Waltz' Tanz funktioniert nur im Museum

Die gefeierte Berliner Choreografin Sasha Waltz beehrt die Zürcher Festspiele mit einer Uraufführung. «Continu» bietet viel Eleganz – und zu viel Pathos.

4 von 24 in der Blackbox: Tänzer in Sasha Waltz' «Continu».

Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sasha Waltz machts spannend. «Continu» beginnt langsam, steigert sich zu grossen Bildern, zitiert hier und da, und lässt lange offen, wohin der Abend eigentlich zielt. Zuerst herrschen Dunkelheit und Stille, nur allmählich sind drei fast nackte Männerkörper zu erkennen. Sie baumeln an dünnen Seilen von der Decke, bewegen sich in Zeitlupe, liegen wie schwerelos in der Luft. Man sieht Muskeln, Sehnen, Kraft und Verletzlichkeit. Drei Engel.

So karg der erste Eindruck ist – das Setting ist gross. Die Bühne in der grossen Schiffbauhalle ist eine riesige Blackbox, ein metallisch schimmernder schwarzer Würfel. Ebenso eindrücklich ist die Schar von 24 Tänzerinnen und Tänzern (das mag im Ballett normal sein, im zeitgenössischen Tanz ist es leider selten). Und gewaltig ist die Musik: Edgar Varèses «Arcana für grosses Orchester», ein dichtes, expressives Werk.

Dialog mit dem Raum

Sasha Waltz setzt der fordernden Musik eine atemlose Choreografie entgegen, in der die 24 Tanzenden unentwegt neue Konstellationen formen. Mal rennen alle hintereinander, mal tanzen sie chaotisch durcheinander, ziehen sich dann blitzartig zu einem Grüppchen zusammen. Die Frauen bilden einen Kreis, lassen ihre Oberkörper wiegen, derweil die Männer in der Mitte auf den Boden stampfen. Das gemahnt fast ans «Sacre du printemps», das Skandalstück der Tanzmoderne; was interessant ist, weil sich dabei Archaik und Moderne mischen und Sasha Waltz dem mit ihren zeitgenössischen Bewegungen noch eine weitere Zeitebene und Körperästhetik hinzufügt.

«Continu» dürfte die Schweizer Fans von Sasha Waltz erstaunen. Denn die weit gereiste Truppe war in der Schweiz einige Jahre lang nicht mehr zu sehen (was sich nun durch eine lose Kooperation mit dem Schauspielhaus Zürich ändern soll). Mit ihren Stücken der Neunzigerjahre wie «Travelogue» oder «Allee der Kosmonauten» ist sie hierzulande noch in Erinnerung. Das war charmantes Tanztheater, narrativ, witzig und manchmal abgedreht. Es bewies, dass deutscher Tanz nicht ernst sein muss und dass Sasha Waltz ein unnachahmliches Gespür für die Absurditäten des Alltags und deren Einfluss auf die Körper hat.

Räume bespielen

Schon früh zeigte die Tochter eines Architekten zudem ihre Begabung für die Bespielung von Räumen. Das waren erst Off-Häuser, dann der grosse Raum der Berliner Schaubühne und in den letzten Jahren auch spektakuläre Museumsarchitekturen. Sasha Waltz inszenierte ihre Tänzerinnen und Tänzer in Daniel Libeskinds Jüdischem Museum in Berlin, in Zaha Hadids MAXXI in Rom und im von David Chipperfield restaurierten Neuen Museum Berlin.

Choreografisches Material aus diesen beiden letzten Arbeiten hat Waltz nun in «Continu» aufgenommen. Daher die Archaik, die in den Bewegungen aufscheint. Waltz hat sich von der ägyptischen und griechischen Kultur – deren Exponate im Neuen Museum Berlin zu sehen sind – inspirieren lassen. Die Einflüsse sind zurückhaltend eingesetzt, mehr zu erahnen als zu erkennen. Gekonnt ist Waltz’ Umgang mit dem kahlen, viereckigen Raum, den die Gruppe äusserst vielfältig bespielt. Und schön ist das Spiel der Hände und Arme. Wie im Tanztheater nutzt Waltz alltägliche Gesten, die sie hier allerdings durch das Setting und das Kollektiv zu grossen Bildern überhöht.

Ohne Museum funktioniert das Ganze nicht

Und doch: Ohne Museum funktioniert das Ganze nicht. Sasha Waltz’ Stärke ist nicht die abstrakte Choreografie, es sind die Geschichten, die eigenwilligen Typen, und es ist der Dialog – sei es mit Livemusik, mit einem Raum oder mit grossen Objekten. In «Continu» nun fehlt die spektakuläre Architektur als Dialogpartner, dem sie etwas entgegensetzen kann, an dem sich die Bewegungssprache reiben kann. Das Resultat kommt entsprechend eindimensional daher.

Es überwiegt eine ernste, getragene Stimmung. Auch in den assoziationsreichen Gruppenszenen, welche das Kollektiv thematisieren. Man sieht die Gleichschaltung der Masse, das Ausbrechen einzelner, das Gegen-den-Strom-Schwimmen einer Gruppe, schliesslich und deutlich ein Exekutionskommando. In den Solos besessenes Zucken und Zappeln, die Duos fliessend und ernst. Das Ganze wirkt, besonders wenn die Tänzerinnen und Tänzer in getragenen Schritten auf- und abtreten, ungebrochen pathetisch. Man vermisst den trockenen Humor aus früheren Stücken – oder überhaupt eine zweite Ebene, welche das Pathos unterläuft.

Am besten sind die Kostüme

Choreografisch ist wenig Neues zu entdecken, das Material ist bekannt, von Waltz und anderen. Man hat den Eindruck, dass die Company in einer Übergangssituation steckt, was sich auch in ihrer Zusammensetzung spiegelt. Waltz hat ihre kleine Truppe für die Museumsprojekte und nun auch für «Continu» mit vielen jungen Tänzerinnen und Tänzern ergänzt. Es ist eine schöne, interessante Gruppe aus unterschiedlichsten Typen, Altersklassen und verschiedenen Traditionen und Ausbildungen. Doch was den Tanztheaterstücken Charme und Vielfalt gibt, macht in abstrakten Gruppenchoreografien weniger Sinn und führt sogar zu Unpräzision.

Überraschend, was als Eindruck des Abends bleibt: die Kostüme von Bernd Skodzig. Welche Eleganz! Die Frauen in knöchellangen, weich fliessenden Kleidern, die Männer in geraden Hosen und engen Hemden. Plötzlich fällt auf, wie selten man Tänzerinnen in weiten Kleidern sieht, die ihre Körper fast nur erahnen lassen. Die Kleider bestimmen die Szenen massgebend mit – und sie wirken zu den archaischen Bewegungen geradezu unverschämt elegant. Mode statt Zeitlosigkeit! Man hätte sich mehr solcher Kontraste gewünscht.

Weitere Vorstellungen: 23.bis 26. Juni und 25. bis 27. November im Schiffbau.

Erstellt: 21.06.2010, 19:44 Uhr

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Weiss ist heiss

Mamablog Vorgeburtliche Tests testen auch die Eltern

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Aufgeblasen, aber nicht abgehoben: Vor dem Start in Chateau-d'Oex kontrollieren Besatzungsmitglieder die Hülle ihres Heissluftsballons. In der Schweizer Berggemeinde findet bis derzeit die 42. Internationalen Heissluftballonwoche statt. (26. Januar 2020)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...