Wem gehört Berlin?

Im epochalen Kulturkampf um die Berliner Volksbühne – das wichtigste deutsche Sprechtheater – geht es längst um viel mehr als nur um Kunst: Gerungen wird um die Seele der Stadt.

Berliner Ikone: Die Volksbühne stand für Spintisiererei, für Exzess, Party und Revolution. Foto: Novarc Images (Alamy)

Berliner Ikone: Die Volksbühne stand für Spintisiererei, für Exzess, Party und Revolution. Foto: Novarc Images (Alamy)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ganz zuletzt wird noch um das Rad gestritten, das berühmte Wahrzeichen der Berliner Volksbühne. Das vier Meter hohe eiserne Speichentier mit Füssen, vom legendären Bühnenbildner Bert Neumann Anfang der 90er-Jahre für eine «Räuber»-Aufführung gestaltet, symbolisiert, wofür das wuchtige Theater dahinter stets stand: für die Räuber und Freibeuter, für die Umstürzler und Bombenwerfer der Kunst. Bald prägte es als Logo nicht nur den Spielplan, sondern alle Fanartikel vom T-Shirt bis zur Streichholzschachtel. Die rostige Skulptur am Rosa-Luxemburg-Platz ihrerseits stieg über die Jahre zu einer Art inoffiziellem Einheitsdenkmal auf – und zwar zu einem, in dem Berlins Osten dem Westen sichtbar widerstand.

Frank Castorf, Intendant der Volksbühne und Berlins Theaterkönig seit 25 Jahren, möchte das Rad angeblich entführen und in Frankreich begraben lassen. Mit dem Raub wollen er und seine Getreuen gegen das Ende ihrer Ära an der Volksbühne aufbegehren, das sie als feindliche Übernahme, wenn nicht als Zerstörung ihres Lebenswerks empfinden. Weil sie den Rauswurf nicht verhindern können, wollen sie in einer letzten herrischen Geste wenigstens alles hinter sich niederbrennen, was noch an die alte, linke Volksbühne erinnert. Sie hätten ihr Theater immer als Widerstandsnest verstanden, begründete Castorf einmal. Dass Neumanns Erben sich gegen die Entfernung der Skulptur wehren und diese ohnehin dem Land Berlin gehört, stört ihn wenig.

Die Anti-Konsum-Bastion

Wie ist Berlin eigentlich zur Frontstadt einer kulturpolitischen Schlacht geworden, die seit zwei Jahren mit unverminderter Heftigkeit tobt? Der Anlass hätte banaler kaum sein können. 2015 kündigte die Stadtregierung an, den dannzumal 66-jährigen Castorf 2017 endgültig in Rente zu schicken und durch den renommierten belgischen Museumsmanager Chris Dercon zu ersetzen, der damals noch die Tate Modern in London leitete: kein Theatermann, gewiss, aber ein begabter Netzwerker, dem man einen Neuanfang, wenn nicht gar eine Neuerfindung des Theaters als Ort der Kunst zutrauen konnte.

Die Nachricht spaltete die Stadt augenblicklich in zwei höchst unterschiedlich laute Lager: jener, die einen Neustart unter kosmopolitischer Regie und eine Entgrenzung des Theaters hin zu anderen Künsten leise begrüssten – und jener, die sich fühlten, wie wenn Berlin das Herz aus dem Leib gerissen würde. Wie sehr die Volksbühne nicht nur ein Mythos war, sondern Identität weit über das Theater hinaus stiftete, machte der Dercon-Schock überhaupt erst sichtbar. Umgehend wurde sie von linken Künstlern und Politikern zur Bastion gegen Konsum, Gentrifizierung und Brutal­kapitalismus ausgerufen, als gallisches Dorf der Unbeugsamen glorifiziert, die sich gegen Verflacher, Kommerzialisierer und Touristifizierer zur Wehr setzten. Klassischer Identitätskampf – für einmal von links statt von rechts.

Mit der Volksbühne rebellierte das alte, ostdeutsch geprägte Berlin gegen das neue, hippe, hyperkapitalistische, das Kultur angeblich einzig als Disziplin des Metropolenmarketings betreibt und rigoros auf die Bedürfnisse des internationalen Jetsets ausrichtet. Dercon, der polyglotte Kunstüberflieger, der in London nach eigenen Angaben noch als eine Art Sozialist berüchtigt war, galt in Berlin auf einmal als Repräsentant einer neoliberalen Spektakel- und Mammonkultur. Die unversöhnliche Feindseligkeit, mit dem der laute Teil der Stadt den Belgier von Beginn an ablehnte, löste bei anderen Ärger über die «verspiesserten Antikapitalisten» aus, deren Theater in der Endlosschleife der Provokation längst irrelevant, miefig und langweilig geworden sei. Dercon seinerseits liess sich zur Aussage hinreissen, er habe die Provinzialität Berlins unterschätzt.

Niemand, auch das Dercon-Lager nicht, stellt Castorfs Verdienste um die Volksbühne infrage. Sie war zwei Jahrzehnte lang die wichtigste deutschsprachige Bühne überhaupt. Nicht nur Castorf, sondern ähnlich gesinnte Genies wie Christoph Marthaler, Herbert Fritsch, René Pollesch und Christoph Schlingensief sowie eine ganze Bande fantastischer Schauspieler trugen zu ihrem Spektakel bei. Die Volksbühne stand für Heavy-Metal-Zertrümmerer-Theater, für gnadenlose Zärtlichkeit, für Exzess, Party, Spintisiererei und Revolution. Auch wenn sich mit der Zeit vieles wiederholte und gewisse Reize verflachten, war das Theater in Berlins Mitte doch ein Kraftort allererster Güte.

Berlins langjähriger Bürgermeister Klaus Wowereit hätte Castorf die Volksbühne bestimmt auf Lebzeiten überlassen. Sein Nachfolger indes, Michael Müller, auch er ein Sozialdemokrat, nutzte den Renteneintritt des alten Genies für einen radikalen Bruch. Mit Dercon holte er einen Star des internationalen Kunstbetriebs, der versprach, das Theater von anderen Künsten her neu zu denken. Weder Müller noch sein verantwortlicher Staatssekretär Tim Renner noch Dercon hatten eine Ahnung, worauf sie sich damit einliessen. Alle drei wurden während Monaten übel beschimpft und zuweilen mit Bier überschüttet, wenn Volksbühnen-Verteidiger sie erkannten. Wollte Dercon das Theater besuchen, musste er den Zutritt jedes Mal mithilfe eines Anwalts erzwingen.

Als nach der Landtagswahl vor einem halben Jahr Renner aus der Regierung ausschied und mit Klaus Lederer ein ostdeutscher Linker das Kulturressort übernahm, drohte er Dercon quasi als erste Amtshandlung an, sein Engagement rückgängig zu machen. Aufgrund geltender fünfjähriger Verträge konnte er zwar nichts ausrichten, aber die Stimmung gegenüber den «Neuen» verbesserte sein Misstrauensvotum nicht, im Gegenteil. Dercons Leute sprachen unumwunden von einer «Katastrophe».

Drohender Totalschaden

Vor kurzem stellte der designierte Intendant das Programm für die erste Spielzeit ab September vor. Da Castorf jede Aufführung aus dem Repertoire verunmöglichte, ist es eher dünn ausgefallen, betont international und performancehaft, mit viel «Reenactment und Archivgedanken», wie die «Süddeutsche Zeitung» meinte. Die Kritiker sahen sich in ihren Befürchtungen bestätigt, Dercon beschere «austauschbares, für den globalen Festivalbetrieb koproduziertes Durchreisetheater». Die Entgrenzung des Theaters führe offenkundig vor allem zu dessen Entwurzelung, klagte die «Frankfurter Allgemeine».

Dercon fleht, man möge ihm nach dem feindseligen Empfang nun wenigstens im Betrieb eine Gelegenheit geben, seine Ideen für die neue Volksbühne vor aller Augen zu beweisen. Ob dies nach dem zermürbenden Kleinkrieg überhaupt noch möglich ist, ist zumindest fraglich. Der von Müller und Renner ohne Not forcierte kulturpolitische Einschnitt könnte im schlimmsten Fall zum Totalverlust der Volksbühne führen. Theater gäbe es in Berlin auch dann noch genug, keine deutschsprachige Stadt kennt ein grösseres, vielfältigeres Angebot. Aber ein Stück einmaliger Berliner Kulturgeschichte wäre unwiederbringlich verloren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2017, 18:17 Uhr

Frank Castorf, abtretender Intendant

Chris Dercon, designierter Intendant

Artikel zum Thema

«Das kann wie eine Therapie wirken»

Interview Der belgische Kurator Chris Dercon hat die Tate Modern in London erfolgreich erneuert. Auch als Intendant der Volksbühne Berlin setzt er auf die Vermischung der Künste. Mehr...

Der Kampf um Berlins Volksbühne

Der neue Leiter Chris Dercon ist freundlich. Berlin ist es nicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Lange Nase: Tänzer zeigen eine Episode ihres Stücks vor dem Opernhaus in Sydney. (22. August)
(Bild: EPA/DAVID MOIR ) Mehr...