Wer oben ist, schimpft nach unten

Die deutsche Autorin Anne Lepper hat es mit ihrem jüngsten Stück auf die Ehrgeizlinge und die Etablierten abgesehen. «La chemise Lacoste» hatte in der Zürcher Winkelwiese Premiere.

Mit sozialdarwinistischen Phrasen versucht das Establishment sich seiner Führungsrolle zu versichern: Szenenbild aus der Zürcher Inszenierung. Foto: Ingo Höhn

Mit sozialdarwinistischen Phrasen versucht das Establishment sich seiner Führungsrolle zu versichern: Szenenbild aus der Zürcher Inszenierung. Foto: Ingo Höhn

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Der Triumphbogen grüsst aus der Ferne – an diesem Abend, an dem Anne Leppers Stück «La chemise Lacoste» am Theater Winkelwiese zur helvetischen Erstaufführung kommt. Das Abbild des L’Arc de Triomphe am Bühnenhorizont ist stimmig, beschwört das Stück doch eine ferne Vergangenheit. Zwar ist diese nicht so weit entfernt wie die Zeit, an die Napoleons Monument des unbedingten Siegeswillens erinnert. Aber immerhin ist die Distanz so gross, dass wir sie als historisch empfinden können: Bei Lepper ist die Rede von den 80er-Jahren, in denen Casio-Uhren unironisch getragen wurden und in denen der «Leimener» ein bewunderter Sportstar war. Dunkel beginnt man sich an jene seltsam ferne Dekade zu erinnern, in der Boris Becker dreimal Wimbledon gewann – und Tennis tatsächlich der Sport war, dem alle Emporkömmlinge oder sonst wie Ehrgeizigen nachgehen mussten.

Die Karrieristen und der Klüngel des Establishments: Sie sind es, die von Anne Lepper ins Visier genommen werden. Dafür topft die deutsche Autorin den Kapitalismus in einen Parteistaat um, der nur jedem Siebten den Zugang zum angenehmen Leben im Reichtum ermöglicht. «Der Staat kann doch nicht jeden aufsteigen lassen», sagt einer der wenigen Glücklichen, der naturgemäss Felix heisst. Er wird von Matthias Rott gespielt – und steigt in weisser Unterwäsche aus einer Luke, damit er auf all die anderen des insgesamt vierköpfigen ­Ensembles herabblicken kann.

Das Logo als Parteiabzeichen

Anne Leppers Stück ist dort am stärksten, wo es auf den vulgärdarwinistischen Kern der sozialen Tektonik von oben und unten verweist – und auch das Türstehersyndrom kenntlich macht, von dem unsere Gegenwartsgesellschaft bestimmt wird. Etwa dann, wenn an Felix’ Lacoste-Hemdchen das notwendige Logo fehlt, das auf der Bühne wie das Parteiabzeichen eines totalitären Staates an der Brust getragen wird. Oder immer dann, wenn Leppers Textträger ihre hohlen Phrasen abfeuern, die vom Hass auf alles bestimmt sind, was die Ordnung infrage stellt, auf welche die Ehrgeizlinge und die Etablierten vertrauen wollen – von den Marginalen («Ich dulde Aussenseiter nur im Film») bis hin zur avancierten Kunst. «Wenn die Avantgarde herumwandern will, soll sies im Gebirge tun. Im ausländischen Gebirge», heisst es da etwa.

Leppers klügster Kniff besteht darin, dass sie auch auf den bildungsbürgerlichen Stolz des Establishments zielt: Ihre Figuren hangeln sich von einem literarischen Zitat zum nächsten – von Horvaths Zeppelin, der in «Kasimir und Karoline» nach Oberammergau fliegt, bis hin zu Büchners «rotem Mond», der «wie ein blutig Eisen» aufsteigt. «War das jetzt Rilke?», fragen Leppers Figuren etwa. Es sind solche Momente der Entlarvung, in denen man das Hütchen vor der Autorin lüpft, deren Name in Theaterkreisen noch nicht zu den meistzitierten gehört. Mit Uraufführungen an grösseren und kleineren Häusern sowie Einladungen an die Mülheimer Autorentage und das Schweizer Theatertreffen hält sich die 1978 geborene Autorin aber schon seit einigen Jahren ziemlich gut auf dem rasend schnell drehenden Karussell des Theaterbetriebs.

Rundum glücklich wird man mit Leppers «Lacoste»-Farce dann aber doch nicht. Und das hat wesentlich mit dem zweiten Teil ihres Stücks zu tun, der eine Party zeigt, auf der die Kohärenz ziemlich bald verschwindet. Der Sinnverlust ist selbstverständlich gewollt, soll damit doch der Orientierungslosigkeit Ausdruck verliehen werden, von der unsere ach so wirre Gegenwart bestimmt ist. Gastgeber von Leppers Konfusionsfeier ist Sebastian, der auf der Party seines Lebens treudoof eine Liste mit Ereignissen und Erfahrungen abarbeitet, auf die er mit Verweis auf die «Menschenrechte» Anspruch erhebt. «Auf der Liste steht, du bist die Schönste heute Abend», sagt Alexander Maria Schmidts Christian einmal zu Jeanne Devos, die hier den weiblichen Part zu mimen hat.

Anne Leppers Party ist ein ziemlicher Downer: Im Partygetümmel verliert die Autorin den Fokus und ihre Schärfe, was auch mit Manuel Bürgin zu tun hat, der erstmals während seiner Winkelwiese-Intendanz als Regisseur in Erscheinung tritt – und dabei das Stück von Lepper unnötig schwer macht: Während die Autorin in ihren Dialogen Karikaturen zeichnet, setzt Bürgin auf Psychologie. Leppers leichtfüssiger Sprachwitz wird im Kellergewölbe der Winkelwiese in symbolschwangere Situationen und andere Bebilderungen übergeführt, die dem Stück etwas Statisches geben. Und anstelle von farcenhafter Schroffheit und Überschwang dominiert bei Bürgin die Genauigkeit im Spiel, dessen heiliger Ernst von einigen Songs unterbrochen wird. Zumindest die sind ganz schön.

Weitere Aufführungen bis 13. Februar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2016, 18:19 Uhr

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