Wie sich die Schulen spielend retten könnten

Die Schule im Druck hat das Theater neu entdeckt, in Deutschland ist es da und dort gar Maturfach. Zürcher Theaterdozenten zeigen schon seit 20 Jahren, dass Theater an der Schule mehr ist als Klassikeraufsagen.

Die Gesichter der jungen Frauen sind versteinert, später schreit eine E-Gitarre der Toten Hosen durch den Raum, und die Körper der Teenager brüllen dazu «Krieg»: Als Soldaten fallen sie übereinander her in dieser Szene des Schultheaterprojekts «Wir weinen nicht» nach dem Roman «Das grosse Heft» von Agota Kristof. Die ambitionierte Inszenierung von Kira van Eijsden an der Kantonsschule Zürich-Nord wurde mit fünf anderen aus der Schweiz und dem Ausland als herausragende Jugendproduktion im September an die diesjährige Ausgabe des schweizerischen Jugendtheaterfestivals eingeladen.

«Wir weinen nicht» ist ein typisches Produkt des boomenden Schultheaters. Seit der Entdeckung neuer Formen fürs Theater ist eine Menge passiert an den Schulen: Es werden dort nicht einfach Geschichten nacherzählt, Redetechniken geübt oder das kulturelle Erbe nahegebracht. Im Theater erkennt man vielmehr einen grossen pädagogischen Mehrwert. Es arbeitet sich oft in Projekten an die Lebenswelt der Jugendlichen heran und übt das Nachdenken über die eigene Identität. So ist das Theater als Pflichtfach von Primarschule bis Matura keine verrückte Idee von ein paar Fantasten mehr, sondern in Hamburg etwa seit fünf Jahren Realität. Man nennt das Fach auch «Darstellendes Spiel»; es ist als Wahlfach weit verbreitet und in Deutschland zumindest auch als Schwerpunktfach für die Matura zugelassen.

Für Einfühlung, gegen Druck

Die Erwartungen an die Schule als Integrations- und Sozialisierungsinstrument sind in unserer Wettbewerbsgesellschaft gross. Die Pädagogik verspricht sich vom Fach Theater die Förderung des Einfühlungsvermögens, der emotionalen Intelligenz und der Fähigkeit, mit fremden Identitäten umzugehen. Theater mache Begegnungen mit anderen als gestaltetes Ereignis begreifbar und stärke über die Gruppentätigkeit das Miteinander. Man lerne dabei, auch bei unterschiedlichen Wertvorstellungen zusammenzuarbeiten, Regeln zu verabreden und einzuhalten, erklären Pädagogen. Schultheater hat eine doppelte Funktion: gesellschaftliche Normen auf spielerische Weise ebenso zu vermitteln wie zu brechen. So befreit die Bühne etwas vom Druck der Leistungsgesellschaft und schafft Raum fürs Sich-Ausprobieren und Grenzenüberschreiten – alles mit ­Sicherheitsnetz.

Und dies alles schon seit den Lateinschulen im Mittelalter, wo Farcen neben Bibelstücken Platz fanden, über die Reformation und die gegenreformatorischen, emotional gestrickten Theaterstücke der Jesuiten. Im 21. Jahrhundert hat sich das Theater an den Schulen stark professionalisiert. Auch in Zürich gibt es ein reges Schultheaterwesen: An den meisten Schulen wird Theater gespielt – im Freifach oder bisweilen als Teil des Sprachunterrichts. Erfahrene Leiter des Freifachs Theater überzeugen regelmässig mit geglückten Inszenierungen. Drei von ihnen kommen hier zu Wort.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2016, 16:05 Uhr

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