«Wir wollen Libido, wir wollen Revolution»

Das Stadttheater auflösen und das Geld der freien Szene geben – das fordert Samuel Schwarz, Mitgründer und Regisseur der Zürcher Gruppe 400asa.

«Ja, auf die Mittel der Stadttheater sind wir neidisch»: Regisseur Samuel Schwarz von 400asa bei den Proben zum Stück «La cérémonie» am Theater Spektakel in Zürich.

«Ja, auf die Mittel der Stadttheater sind wir neidisch»: Regisseur Samuel Schwarz von 400asa bei den Proben zum Stück «La cérémonie» am Theater Spektakel in Zürich. Bild: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Schwarz, die Theaterlandschaft ist im Umbruch. Die Stadttheater sind unter Druck, das Geld wird knapp. Wie positionieren sich die Freien und damit auch Ihre Gruppe 400asa?
Krise als Chance, sage ich jetzt mal ganz plakativ. Wir werden ja – wie andere Gruppen – an Stadttheater eingeladen, um dort zu produzieren. 400asa zum Beispiel war schon in Bern, Konstanz, Hamburg. Das ist schön, weil es dort jeweils eine tolle Infrastruktur gibt. Aber es hat auch seine Schattenseiten: Am Stadttheater gibt man die Rechte an seinem Werk völlig ab; man kann dann nicht mehr einfach umgestalten, neue Fassungen des Abends entwickeln. Stadttheater können mit der kreativen, effizienten Energie einer freien Gruppe nicht gut umgehen, das liegt in ihrer Struktur; und deshalb haperts auch mit ihrer Kunst. Wenn die derzeitige Krise das Stadttheater zum Umdenken zwingt, ist das für alle ein Gewinn – zuerst fürs Stadttheater selbst und für sein Publikum, aber auch für die Freien, die von den fetteren Subventionen mehr abkriegen würden. Man kann sagen, dass wir auf die finanziellen Mittel und Ressourcen der Stadttheater neidisch sind, nicht aber auf deren Organisationsformen. Bespielen werden wir diese Häuser weiterhin, gerade weil wir Alternativen aufzeigen, wie es auch ginge.

Wie hängt denn die Strukturder Stadttheater mit ihrer Ästhetik zusammen?
Oft reproduziert das Stadttheater den militärisch-hierarchischen Aufbau vergangener Zeit: einen lähmenden Aufbau. Es gibt einen Verwaltungsrat, den Intendanten, den Chefdramaturgen, den normalen Dramaturgen, den Regisseur und zuunterst den entmündigten Schauspieler. Was soll der noch leisten?

Und bei freien Gruppen?
Bei 400asa ist der Schauspieler eine Bühnenbombe und entwickelt selbst unheimlich viel. Ich will einen Schauspieler, vor dem ich Angst habe, keinen Vollzugsbeamten. Zudem ist bei uns jeder in alles verwickelt: Technik, Konzept, Spiel – da gibt es keine klaren Grenzen. Wir wollen Libido, wir wollen Revolution, und wir wollen als Kontrast radikal-meditative Stille. Denn wir wollen nicht nur den Grossbürger, sondern auch den Kleinbürger abholen, gerade bei seinem Zorn und seiner Angst. Wir versuchen, Theater mit sozialer Ausstrahlung zu machen. Dazu gehören Skandal und Eventcharakter ebenso wie die rasche Reflexion aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen. Ein riesiger, bürokratisierter Theaterdampfer kann das so gar nicht leisten. Er ist auch zu elitär, um nah am Kleinbürger zu inszenieren. Das schaffte im Stadttheaterbetrieb höchstens ein Schlingensief als Einzelerscheinung. Und diese Einzelerscheinung sollte dann als «Hofnarr» das andere Mittelmass rechtfertigen.

400asa produziert aber auch nicht einen Reisser nach dem anderen.
Wir haben schon mehrmals Morddrohungen erhalten. Und schon drei Kakteen der «Schweizer Illustrierten». Das macht mich stolz. Im Ernst: Mindestens einmal pro Jahr treffen wir den Nerv der Zeit, und die Reaktionen fallen entsprechend aus. Unsere Auslastung beträgt im Durchschnitt 85 Prozent. Wenn demgegenüber die Auslastung der festen Häuser noch mehr fällt als jetzt schon, wird man sie mit der Zeit in schlichte Spielstätten verwandeln, wo man sich einmieten kann. Leere Häuser kann sich keiner leisten.

Das Stadttheater als freie Bühne: Ist das Ihr Konzept für die Zukunft?
Nicht nur meins. In Luzern wird heftig darüber diskutiert, ob man das Sprechtheater am Stadttheater auflösen und die Gelder an freie Gruppen verteilen soll. Und in Bern wird überlegt, ob in Zukunft vier Gruppen das Haus leiten oder ein kleines Ensemble, das aber offen ist für die lokalen Gruppen. In der Schweiz könnte insgesamt das holländische Modell Vorbild sein: Man unterstützt nicht Häuser, sondern lebendige Teams mit eigenständiger, individueller Organisationsform. Sprich: Der Verteilschlüssel bei den Subventionen muss und wird anders aussehen. Die Gruppenförderung, die wir in Zürich bekommen haben, möchte ich da nicht loben: Was wir betreiben, ist Selbstausbeutung. Wir Kreativen brauchen mehr Geld, und das auf Kosten der kuratierenden Dramaturgen und Intendanten, die ihre ganze Legitimation nur aus Selektionsprozessen ziehen. Und die dann trotz ihrer hohen Löhne Spielpläne zusammenstellen, die wie ein Ei dem anderen gleichen.

Hat das Stadttheater als effizienter Produktionsort nicht auchseine Vorteile für gastierende Freie?
Technisch schon. Aber im Moment ist es meistens eher so, dass die etablierten Theater die kreativen Formationen sprengen, indem sie einzelne Köpfe für sich akquirieren. Sie suchen die korrumpierbaren Seelen innerhalb der Gruppen, die sich kaufen lassen und danach das konservative Lied des Einzelgenies singen. Der Wert der risikobereiten, innovativen Solidargemeinschaft wird von der bürgerlichen Institution Stadttheater – noch – nicht erkannt. Ich musste schon Tricks anwenden, um bei einer Aufführung die für das Projekt nötigen Leute unterzubringen. So kann es nicht funktionieren, denn gerade in den Kreativteams steckt eben die publikumsgenerierende Kraft. Irgendein vereinzelter Regisseur, der in einer fremden Stadt ihm ausgelieferte Schauspieler herumdirigiert, produziert in erster Linie soziale Kälte. Diese will niemand miterleben, was man an den sinkenden Auslastungszahlen sieht. Da gehen die Leute lieber in die qualitativ immer besser werdenden Sommer-Freilichtspiele. Da wird wenigstens schön gesungen.

Haben Schauspieler und Regisseure am Stadttheater nicht auch viele Gestaltungsmöglichkeiten – und dazu noch Planungssicherheit?
Planungssicherheit, dieses Wort ist verräterisch. Natürlich planen auch wir und machen Verträge, aber Unverrückbarkeit und Unbeweglichkeit gibt es bei uns nicht. Echte Freiheit gibt es am grossen, starren Haus nur im Ausnahmefall: bei einem Intendanten wie Christoph Marthaler etwa. Deshalb wurde Marthaler in Zürich auch abgeschossen: Seinen unhierarchischen, gleichzeitig hocheffizienten Stil konnte der bürgerliche Verwaltungsrat schlecht ertragen. In den meisten Stadttheatern regiert ein klammer, militärischer Biedersinn aus den Fünfzigerjahren.

Und was ist mit den unabhängigen Ensembletheatern und den offeneren Häusern, etwa in Zürich?
Selbst das Theater am Neumarkt – das ich im Grunde sehr schätze – ist in einer veralteten Hierarchieform gefangen. Nicht bezüglich der künstlerischen Leitung, aber bezüglich seines Verwaltungsrats aus Credit-Suisse-Anwälten und Multimilliardären, die sich für Theater gar nicht interessieren. Schade ist, wenn die freie Szene die Hierarchiestruktur der Stadttheater kopiert. Warum es etwa an Theaterhäusern, die für die freie Szene geschaffen wurden, Intendanten und Dramaturgen braucht, ist mir und auch vielen anderen Theaterschaffenden nicht klar. Ich bin mir aber sicher, dass bald mehr Geld zu denen fliesst, die tatsächlich produktiv sind. Ist das alte Hierarchiemodell der Stadttheater denn so wahnsinnig schützenswert? Diese Frage wird auch von der Kulturpolitik gestellt werden, wenn sie den grösseren ökonomischen und künstlerischen Erfolg der freien Zellen der künstlerischen Wirkungslosigkeit und den schlechten Auslastungszahlen der altmodisch organisierten Stadttheater gegenüberstellt.

Dennoch gibt es an solchen Häusern wie dem Theaterhaus Gessnerallee und eben am Stadttheater immer wieder bravouröse und innovative Arbeiten zu sehen.
Ja, das aber vor allem in Berlin, wo man viel Konkurrenz hat und sich deshalb am Publikum und am Erfolg orientieren muss. Dort gibt es einen Frank Castorf an der Volksbühne, einen Thomas Ostermeier an der Schaubühne und sogar den etwas peinlich gewordenen Claus Peymann: Starke Künstlerhandschriften, peinlich oder nicht, werden dort getragen, nicht behindert, und das jahrzehntelang. Man motzt zwar auch in Berlin über diese Künstler, schwatzt ihnen Krisen an. Aber wenigstens redet man über sie. Und deshalb finden sie auch grösseren Anklang. Aber ausserhalb Berlins siehts meistens weniger spannend aus.

Heisst das, dass wir das Stadttheater abschaffen müssen oder dass es besser werden sollte?
Machen wir uns nichts vor: Der gesellschaftliche Konsens, dass Theater ein Wert an sich ist, existiert in vielen Gemeinden nicht mehr. Deshalb wird auf lange Sicht jenes Theater überleben, das intelligentes Sprechtheater mit Eventcharakter bietet und das seine gesellschaftliche Anbindung nicht verloren hat. Wir müssen relevanter werden – und dazu braucht es Chaos-Power wie zu Shakespeares Zeiten, mehr freie Köpfe und weniger Betriebsnudeln. Auch Theaterstudios – wie wir sie in China gerade kennen gelernt haben –, geleitet von starken Regisseuren, ein Gemisch aus Theaterproduktion und -schule, sind eine spannende Form. Mit den vorhandenen Subventionen wäre im deutschsprachigen Raum mehr Vielfalt möglich. Die Häuser fressen zu viel Geld.

Wenn sich die Idee frei bespielbarer Häuser durchsetzen würde – wer sollte dort das Programm koordinieren?
Reicht es nicht, wenn jemand für die Vermietung zuständig ist? Man darf die freie Szene nicht als einen Haufen wildgewordener Rivalen betrachten. Im Gegenteil: Der Trend geht zu mehr Netzwerken und Kooperationen, auch wegen der Finanzierung. 400asa zum Beispiel hat jetzt mit dem neu gegründeten Churer Ensemble eine Vernetzung nach Graubünden und hat zudem mit der Berliner «Sektion Nord» und der «Sektion Bern» zwei Hauptstadtzellen ins Leben gerufen. Auch mit tollen Gruppen wie Faraday Cage, Rimini Protokoll, Schauplatz International und She She Pop vernetzen wir uns gerne. Egal, wo in der Welt diese sich gerade herumtreiben. Ein positives Signal ist auch, dass mit Michel Schröder nun ein Künstler das Fabriktheater in Zürich mitleitet. Das ist der Beginn eines Paradigmenwechsels. In Zukunft werden die Gruppen die Häuser besetzen, und durchsetzen wird sich das, was das Publikum sehen will: Im 21. Jahrhundert kehrt das Theater in die Gesellschaft zurück.

Erstellt: 08.09.2010, 14:01 Uhr

Debatte

Die einen tuns auf der Heubühne, die anderen zwischen Plüsch und Samt: Das Theater in der Schweiz kennt viele Orte und Formen. Das grosse «Volkstheater am Pfauen» in Zürich etwa wurde 1892 errichtet und ist mittlerweile ein Riesenbetrieb mit verschiedenen Spielstätten und Subventionen der öffentlichen Hand in Millionenhöhe. Dann gibts die sogenannte freie Szene, die sich immer wieder neu erfindet: Da lernen sich Schauspielstudenten kennen, entwickeln Projekte und starten als neue Theatergruppe ins Berufsleben. Es entstehen Netzwerke, die «Freien» haben ihre Festivals wie das Zürcher Theater Spektakel, die Szene ist in Bewegung und hat gleichzeitig ihr Urgestein. Christoph Marthaler experimentierte seinerzeit mit der Gruppe Tarot, und Barbara Frey begann in einer Rockband. Beide haben es, bekanntlich, an die Spitze des Zürcher Schauspielhauses geschafft.

Noch vor 30 Jahren wären solche Grenzüberschreitungen undenkbar gewesen. Die Empörung über die hohen Subventionen für das Opernhaus führte schliesslich zur Gründung von Häusern für die Freien wie in Zürich die Rote Fabrik oder das Theaterhaus Gessnerallee. Die Kreativität «von unten» hatte nun ihre Räume; aber längst haben die Protagonisten der Off-Szene mit ihrer Kunst auch die etablierten Bühnen erobert. Heute sieht man Experimentelles, Videolastiges und Nacktes, Tanztheaterndes und Texttrunkenes hüben wie drüben. Rebellion und Schock lässt sich da nicht mehr so leicht produzieren; doch in Zeiten knapper Kassen brechen die Verteilungskämpfe zwischen «frei» und «etabliert» erneut aus.

Und damit ist auch die Diskussion (wieder) eröffnet, wohin die Subventionen fliessen sollen, welches das bessere Theater ist. Wir haben zwei Protagonisten der Diskussion zum Gespräch getroffen. Samuel Schwarz von 400asa (siehe Interview nebenan), einer der profiliertesten freien Gruppen des Landes, und Dominique Mentha, Direktor des Luzerner Theaters, über dessen Zukunft derzeit diskutiert wird (Text folgt morgen). Sie beantworten Fragen wie: Woher kommt die Kreativität? Sind die Stadttheater und Schauspielhäuser verschnarcht, die kleinen Freien sektiererisch? Schöpfen die etablierten Bühnen die Genies der freien Szene ab – und produzieren dann doch nur massentaugliches Mittelmass? Und gibt es diese Genies in der freien Szene überhaupt noch?

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...