Wird das Geld für die Theater richtig verteilt?

Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach sich am Donnerstag für eine Umverteilung der Subventionen aus: weniger für das Theater am Neumarkt, mehr für die freie Szene. Was meinen die Theaterschaffenden dazu? Drei Repliken auf den Vorschlag.

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Schauspielhaus Zürich
«Wir wollen Zürich als Theaterstadt behaupten»

Die Polemik, die seit mehreren Tagen in verschiedenen Zeitungsbeiträgen auf die Zürcher Theaterszene niederprasselt, erstaunt. Die schwierige vergangene Spielzeit des Theater Neumarkt wird zum Anlass genommen, einen Rundumschlag gegen Zürcher Bühnen vorzunehmen, der eine aggressive Kampagne erahnen lässt. Uns bleibt nur, mit Fakten zu reagieren und einige generelle Fragen zu stellen.

Die «schwindenden Zuschauerzahlen» an den Schweizer Theatern sollten genau betrachtet werden. Studiert man die Veröffentlichungen des Schweizerischen Bühnenverbands, wundert man sich über diesen Befund. Die Zahlen schwanken. Sie sind mal besser, mal schlechter, aber sie gingen in den letzten acht Jahren nicht relevant zurück. Das Schauspielhaus Zürich konnte seine Besucherzahlen im Übrigen auch in der vergangenen Spielzeit steigern.

Das Theater Neumarkt wird angegriffen wegen schlechter Besucherzahlen in der vergangenen Saison. Was in fast ­allen Artikeln unter den Tisch fällt oder nur in versteckten ­Nebensätzen auftaucht: Das Haus ist erfolgreich in die aktuelle Spielzeit gestartet und landete mit den ersten Inszenierungen Besucher- und Kritikerhits. Diese Kehrtwende wurde von der Presse bis dato ignoriert. Warum?

Der Vorwurf der fehlenden Relevanz von Theatern wirft die Frage auf: Was ist eigentlich mit den knapp anderthalb Millionen Zuschauern, die in der Schweiz jährlich ins Theater gingen und weiterhin begeistert gehen?

Weiter zum Vorwurf fehlender Relevanz: Dürfen fortan nur Themen behandelt werden, die den Geschmack unserer «kapitalistischen Gesellschaft» ­(Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom 13. November) bedienen können, also den Gesetzen des Markts entsprechen? Oder könnte Relevanz auch heissen, Themen auf die Bühne zu bringen, die diffizil und komplex sind, aber zwingend und aktuell? Das findet auf allen Zürcher Bühnen statt. Zum Beispiel am kommenden Sonntag im Schiffbau, an dem die neuste Produktion von Kornél Mundruczó im Schiffbau Premiere hat, dessen Arbeit Tagesanzeiger.ch/Newsnet in einem sehr zeitgemässen (sprich: relevanten!) Gespräch vorgestellt hat.

Zuletzt: Immer wieder wird in der Presse eine Front aufgebaut zwischen den «freien Theatern» und den «hoch subventionierten Theatern». «Theaterbeamte» werden gegen die Künstler der freien Szene ausgespielt (Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom 12. 11.). Unsere Vision für die nächsten Jahre in Zürich ist eine andere. In Zürich arbeiten die bedeutendsten Theatermacher des deutschsprachigen Gebiets, gar ­Europas. Höchstqualifizierte Schau­spieler, Regisseure, Bühnenbildner, ­Autoren finden sich in dieser Stadt ein, um an der Gessnerallee, am Theater Neumarkt, am Theater Hora, am Schauspielhaus usw. zu arbeiten. Wir können uns nicht vorstellen, dass sich jemand von ihnen als Beamter versteht. Wir wollen Zürich als Theaterstadt behaupten, Synergien schaffen, gemeinsame Theaterenergie erzeugen. Dazu gehört auch die öffentliche Rezeption. Kampagnenjournalismus dient da nicht. Er entspricht weder der Qualität des Zürcher Bühnengeschehens, noch sollte er den journalistischen Eigenansprüchen der Zürcher Presse genügen.


Michel Schröder, Rote Fabrik
«Das Stadttheater ist angewiesen auf die Freien»

Man kann die Eigenfinanzierung der freien Häuser unmöglich mit derjenigen der Stadttheater vergleichen. Aus dem einfachen Grund: Die Stadttheater müssen mit ihren Subventionen sämtliche Produktionskosten selbst tragen inklusive der Gagen aller Beteiligter, Materialien, Herstellung usw.; die freien Häuser hingegen arbeiten mit Gruppen zusammen, die dieses Geld selbst generieren und mitbringen. Das sind pro Jahr Hunderttausende von Franken, wenn nicht noch mehr, die eigentlich zum Budget der freien Häuser hinzugerechnet werden müssten, wenn die unterschiedlichen Systeme ernsthaft miteinander verglichen werden sollen.

Dieser Betrag taucht in der jetzigen Rechnung von Tagesanzeiger.ch/Newsnet aber nicht auf. Würde man ihn berücksichtigen, dann würde sich der Eigenfinanzierungsgrad der freien Häuser wohl etwa an jenen des Schauspielhauses angleichen. Was wiederum die ganze erhitzte Diskussion ziemlich relativieren würde bzw. in eine neue Richtung lenken – wobei ich aber nicht weiss, ob ich mich über diese Richtung freuen würde. Denn da ginge es darum, ob sich eine Gesellschaft überhaupt grundsätzlich einen Kulturbetrieb leisten will und ob man immaterielle Werte überhaupt subventionieren soll. Womit wir in etwa beim Parteiprogramm der SVP angekommen wären . . .

Jedenfalls: Der Betrag, den die Infografik von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bei den freien Häusern als Subvention anführt, ist lediglich jener, den die Häuser für ­ihren internen Betrieb und für die Koproduktionsbeiträge direkt vom Staat erhalten. Aber damit kann man noch lange kein Theater produzieren. Nicht im Entferntesten!

PS: Noch ein kurzes Votum zur freien Szene, auch als Mitglied der Gruppe Krautproduktion. Wenn schon wirtschaftlich argumentiert wird: Jeder Wirtschaftskonzern sorgt für eine gut ausgestattete und gut funktionierende Forschungsabteilung, denn die ist essenziell für die Zukunft eines jeden Konzerns. Wenn man künftig also innovatives und neuartiges Theater am Schauspielhaus sehen möchte, dann muss man in eine gesunde und starke freie Szene investieren, da das Schauspielhaus, schon von seinen Strukturen und Abhängigkeiten her, selbst gar keine Forschungsarbeit leisten, riskieren kann. Das Stadttheater ist angewiesen auf den Input der freischaffenden Künstler. Mehr Geld für die freie Szene wäre also ein visionärer Schritt – und hätte den angenehmen Nebeneffekt, dass auch der Grad der Selbstausbeutung unter den freien Künstlern etwas zurückginge.


Samuel Schwarz, Gruppe 400 Asa
«Man muss das Neumarkt besetzen!»

Die Analyse von Guido Kalberer deckt sich zu 90 Prozent mit unserer Einschätzung. Nicht ganz bei den Konsequenzen. Das Problem ist, dass die gleiche «Kuration», die das Neumarkt im Moment ­dominiert (sprich: die «Hildesheimer»-Schule, der Spirit der «Dramaturgischen Gesellschaft»), auch bei der freien Szene die Fäden zieht. Man begegnet überall den gleichen Figuren, den gleichen ­Kurationsprinzipien und Leitlinien. Die Richtlinien für die freie Szene wurden zudem just massiv abgeändert. Man kann nur mehr einreichen, wenn man Veranstalter in Partnerstädten vor­weisen kann, was den administrativen Aufwand im Vorfeld extrem erhöht – diesen können sich nur diejenigen leisten, die bereits Teil dieser festen Institutionen sind.

Das heisst: Die nicht subventionierten freien Künstler sind extrem abhängig geworden von den (subventionierten) Kuratoren an den freien Veranstaltungsorten. Und diese Kuratoren wechseln fliegend von Stadttheatern zu freien Institutionen: Ein Matthias Lilienthal – der «Gott» der Kuration in der freien Szene – übernimmt dann die Münchner Kammerspiele; Florian Malzacher kuratierte bei Matthias Hartmann am Burgtheater – und sitzt ausgerechnet in der Theaterkommission für die freie Szene in Zürich und leitet das Impulse Festival.

Leider ist diese Kuration oft nicht wirklich interessiert an besserer Auslastung: Eine gute «Nachtkritik», die von der Kuratoren-Peergroup gelesen wird, hat mehr Gewicht als, sagen wir mal, 75 Prozent Auslastung. Ein Beispiel dafür ist die Mitwirkung Tomas Schweigens und seiner Gruppe Far A Day Cage am Theater Basel: Schweigen spielte, so heisst es, das Theater «leer», und trotzdem befördert ihn das System jetzt an eine Bühne nach Wien. Gesellschaftskritisch provoziert oder wirkliche Diskussionen ausgelöst hat diese Kunst dann aber nicht.

Damit sei nun nichts gegen Tomas Schweigen gesagt. Man muss als Künstler ja mitspielen, will man überhaupt ­etwas abbekommen vom Kuchen. Schliesslich sitzen in den Findungskommissionen die Systembewahrer, man schützt also die Systemspieler. Carena Schleewitt befördert Ute Haferburg nach Chur, Ute Haferburg befördert ­Andreas Beck nach Basel, Andreas Beck empfiehlt Tomas Schweigen nach Wien. Und so weiter. Logisch, dass bei diesen immer schneller drehenden Prozessen die Theater nicht mehr beim Publikum ankommen.

Wenn man nun das Theater am Neumarkt schliessen würde, ergäbe das nicht mehr Publikum für diese neue «freie Szene». Sie würde dominiert von den genau gleichen Ideen und Protagonisten. Mehr Publikum gäbe es für dieses Theater trotzdem nicht. Langfristig würde man diese Gelder – hier 4 Millionen Franken – verlieren, weil die Gesellschaft dies nicht mehr toleriert. Auch wollen die Filmer grad mehr Geld, was durchaus legitim ist (und hier bin ich mir als Filmemacher auch am Überlegen, wer das Geld mehr verdient hätte – und die Antwort fällt zwiespältig aus).

Auf Zürich bezogen: Es ist also eindeutig das Problem von Peter Haerle (Kulturchef Stadt Zürich) und Plinio Bachmann (Leiter Theaterförderung der Stadt Zürich) und den Verwaltungsräten, dass sie die Zeichen der Zeit trotz deutlicher Warnungen nicht deuteten und dass sie die Theater nicht so besetzten und zusammenstellten, dass sich bessere Profilierungen ergaben. Die Gess­nerallee reagierte fixer: etwa mit Dumpinganreizen – und ein Jahr früher. Sie hat die Tendenzen erkannt und zieht nun einen Teil des Neo-Bürgertums vom Neumarkt ab. Das Theater Neumarkt wiederum hat es verpasst, den bürgerlichen, literarischen Stadttheaterkanon neu zu definieren – was meines Erachtens seine Kernkompetenz sein müsste – und «hoch verdichtetes» Stadttheater anzubieten. Es nun gleich zu schliessen, wäre verfrüht, zumal, wie unsere Vermutung ist, diese Gelder wirkungslos in einer identisch ausgerichteten freien Szene zerfliessen würden.

Das Neumarkt als «Künstlerhaus» andererseits könnte durchaus funktionieren – aber eben nicht mit dieser Hildesheimer-Kuration. Es müsste mehr, wie etwa das Gorki-Theater in Berlin, literarisch und ästhetisch verdichtetes Stadttheater bieten für ein neues, internationales «Bürgertum», zu dem der Netz-affine Google-Mitarbeiter aus XY ebenso gehört wie der indische Student oder der geflüchtete kurdische Intellektuelle. Dabei müsste die Bühne, anders als die Winkelwiese, die ästhetisch kräftige Avantgarde miteinbeziehen. Sie müsste sich aber von diesem in Deutschland entstandenen Kurationsbegriff entfernen und eher amerikanisch/französisch/griechisch/deutsch/helvetisch funktionieren. Also mehr HBO als Schweizer Fernsehen, mehr Netflix als HAU. Konzentriert, nicht schnapsduselig. Farbig, nicht grau.

Dass man das Theater Neumarkt als laue Kopie der Gessnerallee empfindet, ist die Schuld der Kulturpolitik. Deshalb muss man das Neumarkt nun besetzen – wenn nicht real, dann mit einer neuen Kurationsidee! Es braucht eine Gruppe von Experten, die den Leitern helfen muss, eine richtige Taskforce. Aber wenn die Leiter nicht zuhören, müsste man sie wohl auswechseln.

Erstellt: 14.11.2014, 21:00 Uhr

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