Yippie yah yay, Forellenbäckchen

Das Theater Kanton Zürich setzt der Zürcher Novelle einen Western-Hut auf. Und die Frauen haben jetzt die Hosen an.

Gottfried Kellers Geschichte «Kleider machen Leute» im Western-Fantasy-Saloon. Foto: Judith Schlosser

Gottfried Kellers Geschichte «Kleider machen Leute» im Western-Fantasy-Saloon. Foto: Judith Schlosser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In den Gasthof Zur Waage gehts per Schwingtür, an der Wand hängen Kummet und Wagenrad. Regisseur Elias Perrig lässt Gottfried Kellers Geschichte «Kleider machen Leute» im Western-Fantasy-Saloon spielen: Go West, Zürcher Novelle!, scheint das Theater Kanton Zürich mit seiner aktuellen Freilicht-Produktion zu sagen.

Wir schauen mit Vergnügen dieser kleinen Verschiebung zu. Aber vieles ist da doch sehr schweizerisch geblieben: Auf den Resopal-Tischen steht die Menage mit Maggi-Würze und Fondor. Und manchmal kommt aus den Menschen, die hier im Saloon verkehren, neben dem «Yippie yah yei» auch ein Jodel heraus. Die Laute sind ein Zeichen tiefster Zufriedenheit mit dem Dasein. «Das Leben könnte nicht besser sein als in Goldach», sagen sie dann. Es tönt wie eine Warnung.

Ein Fremder muss sich hier wundern, wenn er zur Drehtür hereinkommt, in welche Gesellschaft er geraten ist. Wie grossspurig tritt dieses Völklein auf! Wie tiefbraun ihre Umgebung! So geht es dem Mann im schwarzgoldenen Mantel, der an einem unfreundlichen Novembertag mit einer vierspännigen Kutsche vorgefahren ist – ihm verschlägt es im Gasthof geradezu die Sprache.

Zeit genug für die anderen, ihn zu mustern und zu schauen, wie er isst, was ihm angeboten wird. Und als der Fremde Beutelsuppe und die nicht mehr sehr frische Forelle ablehnt, dafür aber bei Pastete und Bordeaux zuschlägt, machen sich die Goldacher vom Mann im Mantel schnell ihr Bild: Muss ein vornehmer Mensch sein. Mindestens ein Graf. Vielleicht auch Schriftsteller. Oder ein Flüchtling.

Eine ideale Vorlage für die Schauspieler

Alles fast wie bei Gottfried Keller, könnte man sagen. Der Mann im Mantel, der eigentlich ein armer Schneider ist und Wenzel Strapinski heisst, wird dann auch in diesem Theater seinen Weg zum Glück gehen, wenn auch über Umwege.

Elias Perrig und Dagrun Hintze, die die Novelle für die Bühne bearbeitete, haben aber den Keller’schen Winternachtstraum ein bisschen aufgepeppt: Nichts ist hier, wie es scheint. Nicht mal die Goldacher. Der Wirt ist eigentlich kein Wirt. Die Köchin keine Köchin. Und auch die anderen Figuren haben sich ihre Identität nur aufgesetzt – wie den Western-Hut. Eine ideale Vorlage für die Schauspielerinnen und Schauspieler.

Strapinski ist der Fremde, der Bewegung in die Gesellschaft hineinbringt. Auf einmal wird wieder gespielt, spaziert, auch karessiert. Und so kommen die Goldacher, die sich gerne alte Geschichten aus den Zürcher Novellen erzählen, aus dem Keller’schen Buchstabengebiet heraus. Sie lernen neue Wörter, zum Beispiel: Kutscherin. Und sehen, wie die Frau ihre Geschichte lenkt. So ändern sich die Zeiten.

Nimmt sie das Gewehr in die Hand, dann knallt es richtig.

Überhaupt die Frauen. Annette heisst jetzt Kellers Nettchen, sie will gar nicht nett sein zu Männern, die ihr blöd kommen. Julka Duda spielt die junge Frau mit Drive – und diese bekommt dann auch alles, was sie will: den Wenzel, das Geld, vor allem ein eigenes Leben. Und nimmt sie das Gewehr in die Hand, dann knallt es auch richtig, während die Männer in dieser Hinsicht keinen Pfupf haben.

Am Schluss stehen alle als andere da. Wenzel (Michael von Burg) hat den Mantel abgelegt – und verliert so alle Farbe. In Unterwäsche macht kein Mann eine gute Figur. Die Frauen haben jetzt die Hosen an.

In Winterthur noch bis Dienstag, weitere Spielorte: www.theaterkantonzuerich.ch

Erstellt: 03.06.2019, 13:43 Uhr

Artikel zum Thema

Jung, weiblich, kollegial: Das neue Neumarkt-Theater

Als ein etwas anderes Dreispartenhaus imaginieren die drei neuen Leiterinnen des Neumarkt-Theaters, Hayat Erdogan, Tine Milz und Julia Reichert, die Bühne im Herzen Zürichs. Mehr...

Ab ins Theater – aber wohin mit den Kindern?

Das Theater Winkelwiese bietet aktuell eine Kinderbetreuung während den Vorstellungen an. Wie halten es die anderen Theater mit den Kleinen? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Chinas Aufstieg zur digitalen Macht

Geldblog Wann sich eine Lohnausfallversicherung lohnt

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...