Alkohol, Sex und viele, viele bunte Särge

György Ligetis Oper «Le Grand Macabre» ist grandios schrill. Regisseur Herbert Fritsch gibt sich am Luzerner Theater alle Mühe, das noch zu steigern.

Gespiegelte Liebe: Magdalena Risberg und Karin Torbjörnsdóttir in «Le Grand Macabre». Foto: Ingo Höhn

Gespiegelte Liebe: Magdalena Risberg und Karin Torbjörnsdóttir in «Le Grand Macabre». Foto: Ingo Höhn

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Was für ein Riesenbaby dieser Tod doch ist! Einen kuscheligen, blutroten Strampler trägt er, das blasse Gesicht ist rund, der Bauch ebenfalls; nur der Rüschenkragen verströmt ein bisschen Glamour. Dabei möchte er ja hoch hinaus: Er will die Welt vernichten, die hier Breughelland heisst; alle Menschen sollen sterben. Punkt Mitternacht.

Aber dann kommt halt einiges dazwischen. Alkoholhaltiges vor allem. Und dann sind da diese seltsamen Bewohner von Breughelland, die nur an Sex denken und ihn ablenken von seiner grossen Tat. Der «Dreckskomet», der das finale Feuerwerk zünden soll, kommt auch nicht. Verlegenes Grinsen, diskreter Rückzug: Der Tod, der sich hier Nekrotzar nennt und vielleicht doch nur ein Bluffer ist, geht dann lieber mal.

Aber schön, dass er hier war – er ist es selten genug. «Le Grand Macabre» von György Ligeti gilt zwar unbestritten als Meisterwerk, aber auf die Bühnen kommt es eher selten. Der ungarische Komponist hatte es 1978 als Anti-Anti-Oper geschrieben: Als Oper also, die sich schrill und grell und lustig und deftig gegen die blutleere Avantgarde richtete, die ihrerseits die traditionelle Oper angegriffen hatte. Den Stoff dafür hatte er bei Michel de Ghelderode gefunden, einem Meister des absurden Theaters. Auch das Marionettentheater lieferte Inspirationen mit seinen stilisierten, ferngesteuerten Figuren, die zwischendrin gern ein bisschen gewalttätig werden.

Musikalisch ging Ligeti dann aufs Ganze: Mit einer Toccata für Autohupen und Operettenzitaten, mit Lärm und Klangklamauk, mit überkandidelten Koloraturen und manchmal auch mit jenen zauberischen Atmosphären, die er zu gestalten wusste wie kein anderer. So überdreht das Stück ist, es hält eine eigene Balance: Das ist die Kunst daran.

Protest einbauen

Auch Herbert Fritsch beherrscht diese Kunst, oft jedenfalls. Er hatte seine Regiekarriere einst in Luzern gestartet, und natürlich hat es ihn gestochen, als ihm der Intendant Benedikt von Peter «Le Grand Macabre» angeboten hat. Es ist ein Stück ganz nach seinem Gusto. Umgekehrt ist Fritsch ein Glücksfall fürs Luzerner Theater: Zum zweiten Mal nach Nonos «Prometeo» kann von Peter die Saison mit einem Schlüsselstück der letzten Jahrzehnte eröffnen – mit einem Regisseur, der einen vollen Saal garantiert.

Tatsächlich, es läuft wie geschmiert in Luzern, seit die neue Crew übernommen hat. Sogar der Protest gegen die kantonalen Sparvorhaben, an dem sich am Freitag 27 Kulturinstitutionen beteiligt haben, liess sich perfekt in die Aufführung integrieren: Eine Frau wird gewürgt, das Wort «fassungslos» fällt – und dann steht für ein paar Minuten alles still. Selbst Ligeti hätte sich wohl über den Einfall gefreut.

Einfälle hat man auch, wenn es darum geht, das Publikum noch stärker ans Haus zu binden. So gibt es neuerdings für je 120 Franken zwei Plätze im Orchestergraben, um die sich die Opernfans zweifellos reissen werden; auch bei den Proben werden kleine Besuchergruppen zugelassen.

Schimpfen nach Alphabet

Bei den Fritsch-Proben wäre man tatsächlich gern dabeigewesen; dass sie Spass gemacht haben müssen, ist der Aufführung anzusehen. Reizend die Liebenden (Magdalena Risberg und Karin Torbjörnsdóttir), wenn sie nur ihre Köpfe, die sich auf dem glänzenden Boden spiegeln, aus der Gruft strecken. Grandios auch die Minister in Damenkleidern (Remy Burnens und Bernt Ola Volungholen), die sich alphabetisch geordnete Schimpfwörter an den Kopf werfen (nur beim J fällt ihnen keines ein). Claudio Otelli ist ein sympathischer Nekrotzar, und mit Hubert Wild, der als Fürst Go-Go wirklich sehr gaga ist, kommt auch ein Fritsch-Vertrauter wirkungsvoll zum Zug.

Schade nur, dass das Spektakel auf der Bühne oft das Geschehen im Graben übertönt. Das Luzerner Sinfonieorchester unter Clemens Heil hätte Zwischentöne zu bieten, die der Aufführung guttäten. Fritschs Inszenierung legt es darauf an, noch schriller zu sein als Ligeti; aber dafür ist sie weniger gefährlich, weniger böse, weniger liebevoll, als es die Musik ermöglichen würde.

Immerhin, im Unterschied zu Nekrotzar erreicht Fritsch sein Ziel: Am Ende steigen alle kichernd in die vielen, vielen bunten Särge, die hinten bereitstehen. Und das Publikum kichert mit.

Weitere Aufführungen bis 20. Oktober. www.luzernertheater.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2017, 22:09 Uhr

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