«Alles ist transparent!»

Regisseur Stefan Pucher eröffnete die Schauspielhaus-Saison im Zürcher Pfauen mit Ibsens «Volksfeind». Keine theaterfreundliche Sache.

Ibsens verwirrte Gesellschaft glänzt in Pink, Türkis, Abricot und leichter Science-Fiction-Anmutung. Foto: Tanja Dorendorf

Ibsens verwirrte Gesellschaft glänzt in Pink, Türkis, Abricot und leichter Science-Fiction-Anmutung. Foto: Tanja Dorendorf

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In unsern Beinen zuckt es, aber das Tohuwabohu auf der Bühne fesselt uns auf unsern Sitz: Der vierte Akt von Ibsens «Ein Volksfeind» ist legendär – und auch in Stefan Puchers Inszenierung, mit der die Schauspielhaus-Saison am Donnerstag im Pfauen eröffnete, hat er es in sich. «Es», jenes gewisse Etwas, das den Theater-Thrill ausmacht.

In dem Akt denunziert Ibsen das Volk als manipulierbaren Mob: Kurarzt Stockmann kann seine Wahrheit über das durch Gift verseuchte Grundwasser an der hitzigen Volksversammlung kaum loswerden; auch seine Predigt über die durch Korruption verseuchte Gesellschaft will keiner hören, obwohl es sich ums «Städtchen mit der fortschrittlichsten Kommunalverwaltung aller Zeiten» handelt. Stockmanns eigener Bruder, der als Stadtvorsteher amtet, sowie der KMU-Vertreter stilisieren den Arzt, mithilfe der opportunistischen Presse, als «Volksfeind».

Den Nazis hat diese Stossrichtung des Stücks von 1882 bekanntlich sehr gefallen; Sätze wie «Der ist der stärkste Mann auf der Welt, der allein steht», die Führerfiguren verklären, passten ihnen gut in den Kram. Weniger gefiel ihnen, dass Ibsen über seinen Whistleblower urteilte, er sei «zum Teil ein grotesker Bursche und ein Strudelkopf». Bei der Inszenierung des vierten Aktes jedenfalls wurde das Publikum schon 1933 direkt involviert. Bis heute macht man die Hilflosigkeit und Dummheit des einfachen Bürgers gern mittels Zuschauerbeteiligung in dieser Szene hautnah erfahrbar, unlängst Regisseur Thomas Ostermeier.

Ein «Arschlochergebnis»

Daher überrascht, dass der Trick mit dem Publikumseinsatz immer noch zieht. Puchers Variante war nicht bloss ein interaktiver Ibsen-Standard, sondern machte uns Feuer unterm Hintern und knallte uns tatsächlich Selbstbefragungen ins Hirn. Da wurde das Saallicht aufgedreht, und man musste eine Abstimmung mit den Füssen vollziehen: entweder der Aufforderung folgen und rausgehen ins Foyer – oder bei Stockmann ausharren. Die Besucher waren gespalten, wie gesagt: Die Beine zuckten, aber Aug und Ohr wollten bleiben. Im Foyer gabs dann eine Bürgerbefragung, die mit Livecam auf die Bühne gebeamt wurde.

Ibsen verknüpft an dieser Stelle sein brennendes Thema Lüge und Wahrheit mit der Frage nach der Funktionsweise von Demokratie. Und dies im 19. Jahrhundert! «Der gefährlichste Feind der Wahrheit und Freiheit ist die verfluchte, kompakte, liberale Majorität», heissts da. Doch der 1970 geborene Publizist, FAZ-Redaktor und Autor Dietmar Dath hat das Drama für Pucher überarbeitet, schliesst es an die Gegenwart an. «Alles ist transparent! Alle wissen alles, und niemand ist es gewesen! Was für ein Ergebnis kriege ich, wenn ich einen Haufen Arschlöcher abstimmen lasse? Ein Arschlochergebnis!», ereifert sich Markus Scheumanns Stockmann – und setzt noch Theorie obendrauf: «Social-Choice-Theoretiker Kenneth Arrow fand heraus, ihr werdet nie ein Abstimmungsergebnis erzielen, bei dem genau abgebildet ist, in welcher Rangfolge ihr Alternativen vorzieht oder ablehnt!» Es sei mit dem Boden der Demokratie hier, der ganzen Abstimmerei hier, genauso wie mit dem Boden unter unseren Füssen. «Alles voller Dreck! Alles Schwindel. Ihr debattiert, damit nur ja nichts Neues gesagt wird, und ihr stimmt ab, damit nur ja nichts anders wird.»

So tönt der dathsche Volksfeind. Und wäre Scheumann nicht ein derart toller Akteur, der sein reiches Applausbouquet hundertmal verdient hat, dann würde dieses postdramatische, demokratiekritische Rasen in digitaler Zeit als trockenes Thesentheater vor sich hin langweilen. Was es im ersten Teil der Soiree über weite Strecken auch tut.

Alles glänzt

Dabei ist alles irre intelligent hergerichtet und versucht gar nicht erst, das Stück mit Leben zu füllen, sondern mit Selfie-Stick-Bildern, mit Virtualität. Da wird Künstlichkeit pur postuliert. Barbara Ehnes’ Bühne ist Kälte in Reinform; die Begegnungen finden in einem Büro der Webgeneration 2.0 statt, zwischen einem spinnenbeinigen Arbeitstisch aus gebürstetem Edelstahl und ein paar Stehhockern, die man zwar anschauen kann oder stapeln; nur sitzen kann man darauf nicht. Über den Fond zieht sich eine megalomane Leinwand für die Livecam- und Filmeinspieler. Flache Fensterschlitze erlauben Einblick in eine Hightechküche. Der Höhepunkt lagert im Hintergrund: ein Miniaturmodell des Kaffs an der südnorwegischen Küste, mit Kurbad, herzigen Häuschen und Fracking-Förderturm.

Alles glänzt: die Laptops, der Edelstahl, die aufgepimpten Haare der Damen und die in Abricot, Pink und Türkis gehaltenen Hosen, Röcke und Jacketts mit dem Siebzigerjahre-Feeling und der dezenten Sci-Fi-Anmutung (ein Knicks vor Sci-Fi-Autor Dath). Besonders glänzen die Lippen der «DEMOnline»-Bloggerin, die stets sagen, was die Mehrheit hören will: Tabea Bettin brilliert in ihrer Rolle als schwache starke Frau. Auch Robert Hunger-Bühler als machtgieriger Stadtvorsteher mit täuschend harmlosem Schiebermützli in Mint, der seinen Bruder im babyblauen Hemd angeht, ist ein scharfer Anblick. Isabelle Menkes verzweifelte Arztfrau wiederum – die ihren Mann zum Schweigen überreden will – steht in türkisfarbenem Kleidchen an der Rampe und starrt wie Kassandra, derweil die Tochter (Sofia Borsani) noch von einer besseren Welt träumt.

Theaterkritiker Peter Kümmel sprach jüngst von «Zombie-Theater», von den allgegenwärtigen «Untoten auf der Bühne», die nicht mehr ans Darstellen glauben; von der «Konvention der Ermüdung». Dieses Phänomen lässt sich auch bei Puchers «Volksfeind» diagnostizieren. Damit Ibsens verwirrte Gesellschaft dennoch nicht zu schlapp daherkommt, hat Kostümbildnerin Annabelle Witt allen Turnschuhe angezogen, und Pucher macht ihnen Beine mit den harten Beats der US-Musikerin Becky Lee Walters (die Puchers überwältigenden Zürcher «Woyzeck» mitgestaltete). Auch softe und lauernde Töne hat Walters in petto, ebenso wie automatenhaftes – Zombie-Gezucke. Wirklich gut gemacht. Wir allerdings, wir zucken nur selten.

Erstellt: 11.09.2015, 18:31 Uhr

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