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Amerika, du hattest es besser

Alle grossen Schweizer Theaterhäuser thematisieren in der neuen Saison die USA. Sie inszenieren Stücke und Romane aus einer Zeit, als das Land nur auf der Bühne gebrochen wirkte.

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Der Dollar sinkt, die Wirtschaft stagniert, die Angst vor einer Rezession steigt – die Vereinigten Staaten von Amerika sind in einer Krise. Die Wirtschaftsfachleute sind ratlos, die Politiker machtlos. Zeit für die Kunstschaffenden, die Situation zu hinterfragen und zu deuten: Welchen Sinn macht das Ganze? Welche Lehren sind für die Gesellschaft zu ziehen, welche für jeden Einzelnen?

Auftakt im US-Wahljahr 2012

Die Schweizer Theaterhäuser, die dieser Tage nach und nach ihre Saison eröffnen, scheinen sich fleissig an dieser Aufarbeitung beteiligen zu wollen. Kaum eine Bühne, die nicht einen amerikanischen Stoff inszenieren wird, sei er von einem US-Autor geschrieben oder nicht. Und wer dieser Tage solche Stücke und Romane aufs Programm setzt, der nimmt automatisch an der gegenwärtigen Diskussion um den Zustand der USA teil, auch wenn die Texte meist über 50 Jahre alt sind.

Aber wie kann man mit Edward Albees «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?» von 1962 oder gar Francis Scott Fitzgeralds «Great Gatsby» von 1925 einen Beitrag zur aktuellen USA-Diskussion liefern? Das ist einerseits die grosse Kunst der Regisseure, deren moderne Inszenierungen immer wieder anregend sind und auf die man gespannt sein darf. Andererseits ist aber auch in den Texten nur schon der beiden erwähnten US-Autoren das krisenhafte Element inhärent – bei Albee in der zwischenmenschlichen Beziehung, bei Fitzgerald mitunter auch auf der wirtschaftlichen Ebene.

Die Dramatisierung des Romans «The Great Gatsby» hat am 30. Januar 2012 im Stadttheater Bern Premiere. Das Theaterstück «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?», das 1966 durch die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton in der Hauptrolle berühmt wurde, ist ab dem 11. Januar 2012 im Luzerner Theater zu sehen. Gespannt sein darf man auf die Regiearbeit von Stephanie Mohr, die erstmals in der Innerschweiz inszeniert, aber grosse Erfahrung aus Bochum, München und Wien mitbringt.

Frank Castorf inszeniert «Amerika»

Mit Amélie Niermeyer wird ebenfalls eine Frau einen amerikanischen Stoff auf die Bühne des Theater Basel bringen. Sie zeigt ab dem 27. Januar 2012 Thornton Wilders Dreiakter «Wir sind noch einmal davongekommen» aus dem Jahre 1942. In diesem Stück, das 1944 seine deutschsprachige Erstaufführung im Schauspielhaus Zürich hatte, behandelt der US-Dramatiker den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht der Amerikaner. Dazu verwebt Wilder gekonnt Gegenwart mit der Vergangenheit und lässt neben der amerikanischen Familie Antrobus auch Kain, Moses und Homer auftreten. Ein Stoff, der es in sich hat.

Schliesslich steht im April 2012 im Schiffbau des Zürcher Schauspielhauses die Bühnenbearbeitung von Franz Kafkas Romanfragment «Amerika» auf dem Programm. Die Geschichte um den 17-jährigen Karl Rossmann, der von seinen Eltern in die USA geschickt wird, weil er mit einem Dienstmädchen ein Kind gezeugt hat, wird von niemand Geringerem als dem Meisterregisseur Frank Castorf inszeniert. Der Intendant der Berliner Volksbühne hat ja bereits Erfahrung in der adäquaten Umsetzung von Romanen, hat er doch vor zehn Jahren am Schauspielhaus Zürich Döblins Wälzer «Berlin Alexanderplatz» dramatisiert.

Ein Ehepaar, das streitet; ein Millionär, der erschossen wird; ein Jüngling, der vom amerikanischen Onkel auf die Strasse gesetzt wird; und ein Stück, das zwar verheisst, dass wir nochmals Schwein gehabt haben, aber das von Selbstzweifeln und Problemen handelt – das ist wahrlich nicht das Amerika, in dem jeder seine Träume verwirklichen kann. Aber diese alten Stoffe passen verblüffend gut zu den heutigen USA. Wie viel sie zur aktuellen Diskussion beitragen können, bleibt offen. Das Potenzial für ein hochaktuelles Theater haben sie aber allemal.

Erstellt: 05.09.2011, 13:11 Uhr

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