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«Andorra» zwischen Pflichtstoff und Kür

Rund ein halbes Jahrhundert nach der Uraufführung bringt Matthias Fontheim Max Frischs «Andorra» wieder einmal auf die Pfauenbühne. Und tut damit niemandem weh.

Er hält den Pflasterstein auf seiner flachen Hand wie auf einem Silbertablett, steht da in Anzug und zartrosa Hemd. Und scheint das Rampenlicht zu geniessen. Mit distin­guierter sonorer Stimme versucht der Herr am Bühnenrand, sich vor dem Publi­kum zu rechtfertigen: Er gebe zu, es sei nicht erwiesen, wer den Stein geworfen habe. Er wolle niemanden beschuldigen. Doch: «Einmal muss man auch vergessen können, finde ich.» Dann legt er den Stein geräuschlos zu Boden, schnippt mit den Fingern, um den Staub loszuwerden. Und begibt sich tänzelnd auf seinen Platz im Bühnenhintergrund.

In bester Gesellschaft

Es ist ein klitzekleiner Auftritt, und doch entlarvt er die Figur und mit ihr den Groove, der in Andorra herrscht: Dieser Jemand (gespielt von Ludwig Böttger) ist ein Saubermann, der – auch wenn er eigentlich gar nichts zu sagen hat – gerne wichtig tut, jedoch keine Verantwortung übernimmt. Damit ist er bei den Andorranerinnen und Andorranern in bester Ge­sellschaft. Vom Wirt über den Tischler samt Gesellen, den Doktor bis hin zum Soldaten will niemand seine Pflicht ver­letzt haben. Alle bedauern sie zwar das Schicksal von Andri, der als vermeintli­ches jüdisches Flüchtlingskind zu ihnen gestossen ist. Der jahrzehntelang laviert und vergeblich um einen Platz in der an­dorranischen Gesellschaft gekämpft hat. Bis er von antisemitischen Kräften schliesslich gewaltsam ermordet wird. Doch einzig der hagere, lebensferne Pater (Marcus Kiepe) gesteht kniend eine Mit­schuld ein, wenn auch ohne Reue.

Max Frischs Dramentext kam 1961 unter der Regie von Kurt Hirschfeld, dem dama­ligen Intendanten des Zürcher Schauspiel­hauses, im Pfauen zur Uraufführung. Der Publikumsandrang war so gross, dass die Premierenveranstaltung auf drei Abende verteilt werden musste. Bereits in der ers­ten Saison wurde das Stück an über zwanzig deutschen Bühnen gespielt. Ganz of­fensichtlich hat es damals den Nerv der Zeit getroffen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, lag doch der Krieg gerade erst 16 Jahre zurück, und mit ihm ein schwer fassbares Konglomerat aus Trau­mata, Schuld, Verantwortung und Ver­drängung. Daran hat Frisch in seinen 12 Bildern gerührt, auch wenn er stets betont hat, dass «Andorra» bloss ein Modell sei. Knapp ein halbes Jahrhundert später ist das Stück in der Schweiz zum Allgemein­gut geworden. Zum Schulstoff, dem die Aura des Korrekten, aber auch Schwerfäl­ligen anhaftet. Sicher, die Hardware des Textes – das vertrackte Spiel mit Vorurtei­len und Zuschreibungen – funktioniert noch immer gut. Das hat am Pfauen auch Matthias Fontheim klar erkannt. Im Ge­gensatz etwa zur Inszenierung von Samuel Schwarz von 400asa vor drei Jahren in Ba­sel arbeitet der Intendant des Staatsthea­ters Mainz dezidiert unpolitisch.

Sein «Andorra» ist das alte allgemein­gültige Modell in dezenter neuer Gewan­dung. Die hermetisch abgeschlossene perlmuttfarbene Bühne (Ausstattung: Jo­hannes Schütz) lässt sich nur vom Zu­schauerraum aus betreten, das Saallicht wird erst in der zweiten Hälfte der zwei pausenlosen Theaterstunden ganz ge­löscht. Das Publikum soll sich als Teil der frischschen Versuchsanlage verstehen.

Wie im Psychologie-Seminar Über weite Strecken geht es ruhig und geordnet zu. Die Requisiten und die Spielenden warten auf einer Sitzbank am Rande der Bühne mit undurchdringlichen Mienen auf ihren Auftritt. Man fühlt sich wiederholt an eine Familienaufstellung oder ein Psychologie-Seminar erinnert, wo Verhaltensmuster nachgestellt und analysiert werden. Die Metaphorik ist klar gesetzt. Da ist zum Beispiel die weisse Farbe, die Lisa Mies' Barblin mit einem Roller schwungvoll auf der Bühne an­bringt, bis der ganze Raum frisch getüncht ist. Und dann ist da die rote Farbe, das Blut, das sich im Einklang mit Verwirrung und Selbstaufgabe auf Andris, das heisst Stefan Grafs, Gesicht ausbreitet. Das passt alles perfekt ins Bild. Und hin­terlässt doch einen schalen Nachge­schmack. Denn diese Inszenierung eckt zwar nirgends an, engt aber ein. Sie lässt den Schauspielern zu wenig Raum, um spannende Figuren zu entwickeln – mit Ausnahmen, wie etwa Fabian Krüger, der seinen Soldaten gefährlich schnodderig anlegt. Und nimmt zugleich dem Publi­kum das Vergnügen, den Stoff neu zu überdenken.

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