«Auschwitz ist Horror, Bayreuth ist Comedy»

Barrie Kosky inszeniert als erster jüdischer Regisseur auf dem Grünen Hügel von Bayreuth die deutscheste aller Wagner-Opern: «Die Meistersinger von Nürnberg». Wie fühlt er sich dabei?

«Wie schade, dass Wagner nicht freundlicher zu den Menschen war»: Barrie Kosky vor dem Festspielhaus in Bayreuth. Foto: Laif

«Wie schade, dass Wagner nicht freundlicher zu den Menschen war»: Barrie Kosky vor dem Festspielhaus in Bayreuth. Foto: Laif

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie proben jetzt seit vier Wochen in Bayreuth. Wie empfinden Sie das Festspielhaus?
Als ich 2012 das erste Mal hier war, hatte ich Angst vor dem ganzen pseudoreligiösen Gehabe. Ich fragte mich: Warum fangen die Menschen an, sich wie in einer Kathedrale zu benehmen, sobald sie dieses Theater betreten? Damals beschloss ich, niemals in Bayreuth zu inszenieren. Aber jetzt hat der Zauberspuk Bayreuths überhaupt keinen Effekt auf mich. Ich halte meinen seelischen Knoblauch in der einen Hand und meinen Davidstern in der anderen, das funktioniert super. Viele Themen, die mir Angst machen, stecken in der Inszenierung. Indem ich sie auf die Bühne bringe, befreie ich mich von ihnen. In der Vergangenheit hatte ich das Gefühl, dass Wagner während der Proben hinter mir steht und mir ins Ohr flüstert. Jetzt komme ich wie gereinigt aus der Probe und muss Richard nicht mit nach Hause nehmen. Das ist toll!

Katharina Wagner hat Ihnen die «Meistersinger» vorgeschlagen, die deutscheste aller Wagner-Opern.
Das war Ironie des Schicksals. Ich dachte, die Theatergötter spielen ein Spiel mit mir.

Sie sagten früher, Sie hassten die «Meistersinger». Lieben Sie das Stück heute?
Ich liebe viele Stellen darin, die einfach atemraubend sind. Wenn ich mir das Quintett im dritten Akt anhöre, das ist fantastisch, da fängt alles an zu schweben, es klingt fast wie Schumann. Ich kann nur sagen: Chapeau, Richard! Wie schade, dass du nicht freundlicher zu den Menschen warst. Aber man darf ihm wegen seiner wunderbaren Musik nicht alles vergeben. Worte sind Worte, sie haben Macht, sind gefährlich. Das kann man nicht bagatellisieren. Wagner wird immer auf dem Prüfstand stehen, auch in meiner Inszenierung.

Wann lernten Sie die «Meistersinger» kennen?
Als Cellist im Schulorchester in Melbourne. Wir spielten die Ouvertüre. Dann kaufte ich mir eine Platte der ganzen Oper und war enttäuscht von dem, was danach kommt: die Kathedralen-Szene, der David-Monolog. Das war nicht der Wagner, den ich kannte. Diese Debatte über das Deutsche in der Kunst hatte keinen Bezug zu einem Teenager in Australien. Meine jüdisch-ungarische Grossmutter, die ein Wagner-Fan war, versicherte mir, auch die «Meistersinger» seien toll, aber mich zog es erst zu Gustav Mahler und Richard Strauss’ «Salome» und «Elektra». Später, schon in Deutschland, sah ich das Stück auf der Bühne und fand, dass es zu viel C-Dur enthält. Ich fragte mich, wie eine Komödie funktionieren solle, die fünf Stunden dauert. In der ersten Textfassung kritisiert Wagner die Meister und macht sich über ihre Tradition lustig. Zwanzig Jahre später dreht er den Spiess um und macht Beckmesser zum Sündenbock.

Wie sehen Sie Beckmesser?
Beckmesser fängt an als Stadtschreiber und wird dann zum Sündenbock für alle Probleme und Ängste, die das Volk hat. Man kann jetzt wieder überall sehen, was passiert, wenn ein Volk einen Sündenbock braucht. Ich versuche mit dem Sänger Johannes Martin Kränzle, an ein paar Stellen eine unbequeme jüdische Karikatur auf die Bühne zu bringen. Auf der anderen Seite soll auch die Melancholie dieses Aussenseiters zum Ausdruck kommen. Beckmesser muss ambivalent bleiben. Die Parodie der Figur ist eine Projektion des Volkes. Er ist eine Frankenstein-Figur, zusammengenäht aus allem, was Wagner hasste. Der eine Arm ist die Kritik, der andere italienische Musik, die Beine sind französisch, und seine Seele ist jüdisch.

Beckmesser hiess in der frühen Fassung noch Hans Lick in Anspielung auf Eduard Hanslick, der Wagner gleich doppelt verhasst war: als Kritiker und als Jude.
In Beckmesser finden sich die gängigen Ressentiments gegen die Juden wieder: der Vorwurf, sie hätten keine eigene Kultur und müssten daher die deutsche stehlen, so, wie Beckmesser Sachsens Lied stiehlt. Die Unterstellung, sie könnten nicht lachen, sie könnten Liebe nicht verstehen und seien besessen von einer strengen Gesetzes- und Regelgläubigkeit. Ich versuche, damit in theatralischer Form zu spielen.

Die Geschichte spielt in Nürnberg – was bedeutet das für Sie?
Anders als das Cornwall im «Tristan» oder das Nibelheim im «Ring» lässt sich von Nürnberg schwerlich behaupten, dass es sich um eine universelle Metapher handle. Nürnberg ist ein urdeutsches Biotop. Für mich war das zunächst ein Problem. Dann kam die befreiende Entdeckung: Das Stück handelt gar nicht von der deutschen Identität, sondern von Wagners Ideen über eine deutsche Identität. Es war also nicht notwendig, die ganze deutsche Kultur auf meine Schultern zu nehmen. Ich habe es nur mit Wagners Halluzinationen des Deutschen zu tun. In Cosimas Tagebuch fanden wir zahlreiche Hinweise darauf, wie Wagner sich mit Hans Sachs identifiziert hat. Sachs ist der Mann, der Wagner immer sein wollte. Das macht das Stück auch zum Zeugnis eines künstlerischen Narzissmus. Wagner sagt darin: Ich bin die Tradition und die Zukunft, der Prophet und der Messias. Was für ein Ego! Im Text taucht oft die Metaphorik von Adam und Eva und vom Garten Eden auf. Es geht um das verlorene Paradies.

Um was für ein Paradies geht es?
Einmal um ein häusliches Paradies, um das reale Haus Wahnfried in Bayreuth. Adam-Richard und Eva-Cosima sollten hier leben wie im Garten Eden. Das hat natürlich nie funktioniert. Das andere Paradies ist das, was man seit dem späten 18. Jahrhundert auf die Stadt Nürnberg projizierte: Nürnberg als deutsches Jerusalem, als geträumte Wunschstadt. In Wagners Version dieser Utopie gibt es nur Deutsche, das Wetter ist immer schön, und die Menschen sind alle Handwerker. Die Wahrheit sah anders aus. Nürnberg war eine internationale Handelsstadt mit Menschen aus aller Welt – jedoch ohne Juden. Die waren schon im 15. Jahrhundert vertrieben worden. Und es war eine bürgerliche Stadt. Mich interessiert, wie sich diese deutsche Utopie zu einer Dystopie wandelt. In weniger als 100 Jahren kommt es zu den Nürnberger Gesetzen, den Nürnberger Parteitagen, der Zerstörung Nürnbergs und zu den Nürnberger Prozessen. Die Fragen, die das Stück aufwirft, sind: Wer gehört zu dieser Utopie, und wer wird ausgegrenzt?

Inszenieren Sie die «Meistersinger» also als eine Oper über Wagner?
Das ist nur mein Schlüssel. Wagner wird in unterschiedlichen Gestalten eine Rolle spielen. Aber auch die historischen Wellen, die das Stück geschlagen hat, sind wichtig. Wagner ist nicht verantwortlich für das, was im 20. Jahrhundert geschehen ist. Aber wir können es nicht ausblenden und eine Komödie inszenieren über eine deutsche Utopie im 19. Jahrhundert. Doch seien wir ehrlich: Wenn wir lachen, dann lachen wir über Beckmesser. Das ist eine miese Form von Humor. Das ist nicht Shakespeares humanitärer Witz, keine dionysische Komik wie bei Aristophanes. Stattdessen erniedrigt man jemanden.

Warum war Wagner besessen davon, Schwarz-Weiss-Urteile über die Kunst zu fällen?
Er dachte: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Und der Feind, ob jüdisch, italienisch oder französisch, musste ausgegrenzt werden. Es handelt sich um eine gefährliche Utopie. Und eine, die leider hochaktuell ist.

Wie gehen Sie mit Wagners Antisemitismus um?
Ich hatte einmal ein Gespräch mit Daniel Barenboim darüber. Er sagt, wie viele andere auch, man müsse zwischen dem Mann und seiner Kunst trennen. Ich finde das hochproblematisch. Für einen Dirigenten mag das eventuell gehen, für mich als Regisseur ist das unmöglich. Eine Oper hat Text, sie ist kein abstrakter Klangkosmos. Natürlich hat er keine Juden auf die Bühne gebracht. Er hatte ja nicht die mindeste Ahnung von jüdischer Kultur. Er kannte nur die im 19. Jahrhundert gängigen Vorurteile über Juden und seine eigenen antisemitischen Obsessionen. Aber daraus zu schliessen, dass Mime, Alberich oder Beckmesser kein Ausdruck von Antisemitismus seien, finde ich grenzwertig.

Welche Rolle spielt da die Musik?
Es heisst oft, dass Musik nicht antisemitisch sein könne. Aber wenn man liest, was Wagner über jüdische Stimmen, jüdische Musik und den jüdischen Körper schreibt – den Geruch, den Geschmack, das Aussehen –, und sich dann Alberich oder Mime anschaut und anhört, dann ist es offensichtlich. Wie diese Figuren singen, entspricht seinem Vorurteil über jüdische Stimmen. Bei Beckmesser ist es anders, er verkörpert die noch grössere Angst vor den assimilierten Juden. Sie sehen aus wie wir, reden wie wir, aber im Innersten sind sie nicht wie wir, sie wollen unsere Kultur vergiften.

Was ist mit den jüdischen Freunden, die Wagner hatte?
Er hatte keine jüdischen Freunde. Wagner hasste die Juden, aber er hat einige von ihnen benutzt.

Der rote Teppich in Bayreuth ist auch ein Symbol für die Verquickung von Politik und Kunst. Wie stehen Sie dazu?
Das ist kein spezifisch deutsches Phänomen. Das kann man auch in Russland beobachten oder in England. Es ist nicht meine Welt. Es hat auch keinen Einfluss auf meine Arbeit. Neulich bin ich in einem Fernsehinterview in der Villa Wahnfried gefragt worden, ob ich es nicht ganz furchtbar finde, an einem Ort zu sein, an dem Hitler einmal geschlafen hat. Ich kann es hier nur wiederholen: Nein. Auschwitz ist Horror, aber Bayreuth ist Comedy – allerdings eine tiefschwarze Komödie.

Erstellt: 18.07.2017, 18:10 Uhr

Artikel zum Thema

Die Musik schlägt aus dem Dunklen zu

Statt Theaterblut gibts Krähenfedern: Dirigent Teodor Currentzis und Regisseur Barrie Kosky zeigen im Zürcher Opernhaus einen düsteren «Macbeth» von Giuseppe Verdi. Mehr...

«Bei Verdi kann man sich nicht verstecken»

Barrie Kosky gehört zu den gefragtesten und umstrittensten Opernregisseuren. In Zürich bringt er Verdis «Macbeth» auf die Bühne. Mehr...

Ein Besessener

Im russischen Perm wurde der Grieche Teodor Currentzis, was er ist: ein Charismatiker, ein Star, ein Guru. Besuch beim Dirigenten des Jahres. Mehr...

Barrie Kosky

Er sei ein «gay jewish kangaroo», hat der 1967 im australischen Melbourne geborene Barrie Kosky einst gesagt. Vor allem aber ist er einer der gefragtesten Opernregisseure derzeit, zudem ein bewährter Intendant: Seit 2012 leitet er die Komische Oper Berlin, die in seiner ersten Saison in der Kritikerumfrage der Zeitschrift «Opernwelt» zum Opernhaus des Jahres gewählt wurde. Kosky selbst wurde 2016 für seine Zürcher Inszenierung von Verdis «Macbeth» als Regisseur des Jahres ausgezeichnet. Seine Inszenierung der «Meistersinger von Nürnberg» eröffnet am 25. Juli die Bayreuther Festspiele. (suk)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Droht ein Wachstumsstopp?

Sweet Home Schon jetzt eine Ikone

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...