Ausraster im Bürgerkriegsgebiet

Regisseur Milo Rau tourt durch den Kongo. Ihm auf den Fersen: TA-Mitarbeiter Andreas Tobler.

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Wir haben wieder Boden unter den Füssen, nachdem wir mit dem Schnellboot von Bukavu nach Goma gefahren sind – am vorletzten Tag der Tour durch den Ostkongo, auf der Milo Rau den lokalen Machthabern und den Protagonisten den Film über sein «Kongo Tribunal» zeigen will. Es ist Zeit für ein erstes Resümee, nachdem wir Anklagen der Regierung und der Rohstoffkonzerne miterlebten, uns mit aufschäumender Wut konfrontiert sahen und nachdem wir zu Zeugen von flammenden Plädoyers für einen Wandel im Kongo sowie eines Kirchensturms wurden (lesen Sie hier den vorangegangenen Eintrag ins Kongo-Tagebuch).

Vieles, was wir erlebt haben, lässt sich auch für uns Reisende nicht ohne weiteres oder gar nicht verstehen. Und das liegt nicht allein daran, dass wir kein Suaheli oder Lingala beherrschen, das hier im Ostkongo gesprochen wird, oder dass die französischen Übersetzungen, die man uns jeweils ins Ohr flüsterte, die Zusammenhänge, Feinheiten und Hintergründe einer mehrstündigen Debatte nur bedingt vermitteln können. Die Ursachen für wiederholte Missverständnisse und einige gescheiterte Verstehensversuche liegen vielmehr in der kongolesischen Misere selbst, die seit den 1990er-Jahren nicht nur mehrere Millionen Menschenopfer gefordert, sondern auch eine derart hohe Komplexität erreicht hat, dass man die ineinanderverwickelten Ursachen und Vorgänge nurmehr schwer oder gar nicht durchdringen kann. Sagen Europäer, die schon seit Jahren hier im Ostkongo leben.

Goma, Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu, wurde auf der erloschenen Lava eines Vulkans erbaut, der die Grossstadt im Jahr 2002 zerstörte; heute zählt sie etwas mehr als eine halbe Million Einwohner. Und so setze ich meinen Fuss auf zerklüftetes Lavagestein – auf dem Weg in ein Luxusresort, wo man zu Preisen ausgiebig Frühstücken kann, die man in Zürich gering finden würde. Und wo es anders als in unserem Hotel gutes Internet gibt. Auf dem Weg dahin bleibt mein Blick an einer ansteigenden Einfallstrasse haften, die von niedrigen Hüttchen mit Wellblechdächern gesäumt ist, und wo einige Ziegen über das Gestein der schmalen Strasse kraxeln. Schräg gegenüber befindet sich der Sommersitz von Präsident Kabila, gebaut im Stil der architektonischen Moderne: Flachdach, weisser Anstrich sowie Mauern und ein übermannshohes Tor, vor dem Soldaten der kongolesischen Armee Wache halten. Einige sagen, es sei diese extreme Ungleichheit, die immer wieder die Konflikte schüre, welche den Kongo seit Jahrzehnten im Würgegriff halten.

«You totally missed the point!»

Ansichten und Meinungen gibt es im Kongo so viele wie anderswo. Und einige tun diese auch lautstark kund. Gestern etwa ist ein Mitarbeiter eines amerikanischen Hilfswerks am Rande von Raus Film komplett ausgetickt. «You totally missed the point!» – «Ihr habt den entscheidenden Punkt total verpasst», war der Refrain der Rede, die der NGO-Mann an den Produzenten von Raus «Kongo Tribunal» richtete und die insgesamt über eine halbe Stunde dauerte. Raus Film verzerre die Wirklichkeit, argumentierte der NGO-Mann, der selbst seit einigen Jahren im Kongo lebt. Nicht das schmutzige Geschäft mit den Rohstoffen, welche das «Kongo Tribunal» zeigt, sei die Ursache des Unrechts und das Problem, sondern das Versagen des kongolesischen Staates. Raus Film erreiche zudem genau das Gegenteil von dem, was er bezwecke: Er mache die Kongolesen zu Opfern, die sich aufgrund des Films ermutigt fühlen könnten, sich in dieser Rolle zu gefallen und in totale Abhängigkeit gegenüber den internationalen Hilfswerken zu begeben, von denen der aufgebrachte NGO-Mann selbst eines vertritt.

Wir haben auf unserer Reise anderes erlebt: Raus Projekt, das vor zwei Jahren mit dem Theatertribunal im Ostkongo begann, konnte von Anfang an die Menschen aktivieren: in den Debatten nach dem Tribunal wie auch nun in den engagierten Diskussionen nach dem Film. Und obwohl der fertige Film selbstverständlich auch zur Bewusstseinsbildung von uns Europäern beitragen soll und in einer eingedampften Version von hundert Minuten dafür einige Zuspitzungen vornimmt, war das «Kongo Tribunal» von Anfang an als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht: Mit seinem Theatertribunal, dem echte Anwälte aus dem Kongo und des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag angehörten, wollte Rau eine Gerichtspraxis erproben, die modellbildend sein kann – in einem Land, das ohne einen funktionierenden Rechtsstaat auskommt. Und in dem die Regierung wiederholt versagt, wie Raus Film schlagend deutlich macht.

«Wie ein Fussballspiel, bei dem sich niemand an die Regeln hält.» Der kongolesische Anwalt Sylvestre Bisimwa im Gespräch mit Milo Rau. Foto: Arne Birkenstock

«Die kongolesische Justiz ist wie ein Fussballspiel, bei dem sich niemand an die Regeln hält», sagt der Anwalt Sylvestre Bisimwa, der zusammen mit dem belgischen Juristen Jean-Louis Gilissen Raus Tribunal leitete. Bisimwa hat vor einigen Jahren die Idee der «Chambres mixtes» entwickelt: Mithilfe von kongolesischen und internationalen Richtern soll das Unrecht im Kongo untersucht werden, das oftmals weitab der Städte geschieht und wo die Opfer schon allein aus finanziellen und logistischen Gründen keine Möglichkeit haben, in den Städten oder gar am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag Gerechtigkeit für sich zu fordern.

Bisimwa will nun dem Wunsch nachkommen, der in den Diskussionen zu Raus Film wiederholt formuliert wurde, und weitere symbolische Tribunale zu den zahlreichen Massakern durchführen, zu denen es im Kongo kam. Etwa in Beni, einer Stadt mit knapp 100’000 Einwohnern in der Provinz Nord-Kivu, wo man die Massaker inzwischen nur noch durchnummeriert: «Beni 1, Beni 2, Beni 3, Beni 4, Beni 5, Beni 6...» Mit Raus Film sollen Spenden in Europa und anderswo auf der Nordhalbkugel für Bisimwas Vorhaben gesammelt werden, um so durch Ermutigung und Bewusstseinsbildung einer Rechtsstaatlichkeit unter kongolesischer und internationaler Schirmherrschaft zum Durchbruch zu verhelfen.

Einige sagen, solch symbolische Tribunale, wie Rau eines ausgerichtet hat, seien gefährlich, weil mit ihnen einer Lynchjustiz Vorschub geleistet werden könnte – gerade in einem Land wie dem Kongo, wo aus weitaus nichtigeren Gründen Menschen umgebracht werden, als sie das «Kongo Tribunal» verhandelt hat. «Ich habe jetzt keine Angst mehr», sagte ein Kongolese, der nach der Präsentation von Raus Film interviewt wird. «Ich bin bereit, für mein Land zu sterben.» Im Kongo muss man definitiv mit allem rechnen, nachdem die gemäss Verfassung fälligen Präsidentschaftswahlen von Joseph Kabila bis auf weiteres verzögert werden.

«Ein Film von unschätzbarem Wert für unser Land.» Der Arzt Denis Mukwege, Träger des alternativen Nobelpreises, vor 3000 Zuschauern, die den Film von Milo Rau in einer Kirche gesehen hatten. Foto: Arne Birkenstock

«Ein Film von unschätzbarem Wert für unser Land», urteilte der Arzt Denis Mukwege, der am Abend in der Kirche auf dem Podium zu Milo Raus «Kongo Tribunal» an der Debatte zum Film teilnahm und der in Bukavu, der «Hauptstadt der Vergewaltigung», die Opfer von sexualisierter Gewalt und Kriegsverbrechen behandelt. Für sein Engagement wurde Mukwege der alternative Nobelpreis verliehen. Mit seiner Forderung nach Rechtsstaatlichkeit hat Raus Projekt seine Verantwortung gegenüber möglichen Gewaltexzessen also fraglos wahrgenommen. Auf Raus «Kongo Tribunal» kamen zudem keine Einzelpersonen, sondern ausschliesslich Kollektive zur Anklage, etwa die Regierung, die Rohstoffunternehmen oder die UNO, die im Kongo mit ihrer weltweit grössten Mission das Land zu stabilisieren versucht. 1,2 Milliarden Dollar kostete dies im vergangenen Jahr. Dennoch reagierten die UNO-Soldaten nicht, als 2014 neun Kilometer von ihrer Basis im Dorf Mutarule ein Massaker mit 35 Todesopfern verübt wurde, das Rau im Jahr darauf mit seinem Tribunal untersuchte. Das Theatergericht befand, dass die UNO keine direkte Mitschuld an diesem Massaker hatte.

«Hätte die UNO schneller reagieren sollen?», fragte Daniel Ruiz, Chef der UNO-Friedensmission in Goma, nach der Präsentation von Raus Film in der Lavastadt. «Ich kenne den konkreten Fall von Mutarule nicht, und erfahrungsgemäss werden solche Massaker derart rasch verübt, dass die Einsatzkräfte immer zu spät kommen», sagte Ruiz. Die UNO sei denn auch nicht dafür da, die kongolesische Polizei oder Armee zu ersetzen – dafür hätten sie kein Mandat. Ihre Aufgabe bestehe vielmehr darin, das Land zu stabilisieren, sodass solche Verbrechen erst gar nicht geschehen können. «Im konkreten Fall von Mutarule deutet dennoch vieles darauf hin, dass die UNO hätte eingreifen sollen», so Daniel Ruiz.

«Hätte die UNO beim Massaker von Mutarule schneller reagieren sollen?» Daniel Ruiz, Chef der UNO-Friedensmission in Goma, in einer Diskussionsrunde zu Milo Raus «Kongo Tribunal». Foto: Arne Birkenstock

Auch das war eine Qualität des Theatertribunals in Bukavu und der Filmtour durch den Ostkongo: Es brachte die Verantwortlichen für das Unrecht im Kongo auf die Bühne. Das unterscheidet Milo Raus Projekt denn auch von Vorbildern wie Jean-Paul Sartres «Vietnam Tribunal» von 1966/67 , das seine Anklage in Abwesenheit der US-Amerikaner und den anderen Verantwortlichen formulierte. Das «Vietnam Tribunal» fand zudem in London und Stockholm statt, also weit entfernt vom Unrecht, das in Washington und Saigon begangen wurde. Milo Rau wagte sich dagegen mit seinem «Kongo Tribunal» ins Bürgerkriegsgebiet vor, wo das geschieht, was er untersuchen und verhandeln wollte.

Aus diesem Vorgang hat man erwartungsgemäss und ziemlich rasch den Vorwurf des Neokolonialismus gemacht: Weil es Europäer sind, die das Projekt verantworten, und weil sie ihre Sicht der Dinge formulieren, auch wenn auf der Bühne von Raus Tribunal Kongolesen das Wort haben. «Ich brauche die Kongolesen, so, wie sie mich brauchen, und vielleicht missbrauchen wir uns ja in einem Projekt wie dem «Kongo Tribunal» gegenseitig», hat Milo Rau, angesprochen auf den Kolonialismus-Vorwurf, im Interview auf der Reise in den Kongo erklärt. Denn für Rau ist klar, dass wir heute «in einer durch und durch kolonialisierten Welt» leben, und welche Folgen sich daraus für ihn ergeben: «Wenn sich die Kunst nicht ebenfalls kolonialisiert und diese Zusammenhänge aufzeigt, dann ist sie zahnlos.» Früher sagte man, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. «Heute ist das Business die Fortsetzung dieses Krieges», sagte UNO-Chef Daniel Ruiz in Goma. Und wir alle sind darin verstrickt.

Machtgefälle und kulturelle Fremdheit

«Warum sollte man der realen Ausbeutung nicht die Realität der Solidarität gegenüberstellen?», fragte Milo Rau zurück an all jene, die selbstgerecht mit der Kolonialismus-Keule um sich schlagen. Aber obwohl Raus Projekt die Realität der Solidarität so kraftvoll beschwor und wir uns auf der Reise dem Kongo annäherten, bleibt am Ende ein Abstand aus kultureller Fremdheit und ein Machtgefälle zwischen den Kongolesen und uns Muzungus, die mit der Kraft ihrer Dollars hierher in den Ostkongo gereist sind. Wer sich darüber nicht Rechenschaft ablegt und diese Differenz ignoriert, lügt sich kräftig in die eigene Tasche. Fragen, wie man mit dieser Macht möglichst verantwortungsvoll umgeht, über die man als Europäer qua Geburt verfügt, wie man das Machtgefälle verringern kann und wie man zudem einer Wirklichkeit begegnet, die man nicht zu hundert Prozent durchschaut, war denn auch der stete Begleiter, dem man sich auf dieser Reise durch den Ostkongo stellen musste.

Milo Raus «Kongo Tribunal» ist eine Antwort auf diese Fragen. Nach dem Massstab des Idealismus ist sie nicht perfekt, aber im Unterschied zu vielen Worten und Gedanken, die es zum Unrecht in dieser Welt gibt, ist dieses Projekt zu einer Realität geworden, die uns etwas verstehen lässt und etwas bewegen kann. Rau nennt solche Reisen in Konfliktzonen denn auch die «Universität des Lebens». Beim Frühstück fragt er, ob ich im Herbst mit in den Nordirak komme, wo er bei den Peschmerga die «Orestie» inszenieren will. Morgen geht es vorerst über Kigali zurück in die Schweiz.

Dieser Beitrag wurde finanziell durch den Medienfonds «Real21 – die Welt verstehen» mit ermöglicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2017, 18:24 Uhr

Reiseberichte

Unser Mitarbeiter Andreas Tobler berichtet in den kommenden zehn Tagen in unregelmässigen Abständen aus dem Kongo, wo Regisseur Milo Rau seinen Film «Kongo Tribunal» Bürgern und Politikern vorstellt.

Milo Rau

Das Kongo-Projekt

Milo Rau, Schweizer Regisseur und Essayist, hat 2015 im Ostkongo ein Theatertribunal ausgerichtet. Ziel war es damals, das Unrecht im Kongo an drei konkreten Fällen zur Verhandlung zu bringen – an einem Massaker mit 35 Opfern und zwei Konflikten um Rohstoffminen. Nun kehrt Rau in die Demokratische Republik Kongo zurück, um der Bevölkerung und den Machthabern seinen fertigen Film über das Tribunal in mehreren Städten zu zeigen. Die Filmpremiere ausserhalb des Landes findet dann Anfang August am Filmfestival in Locarno statt. (atob)

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