Besuch des alten Theaters

Heute vor 25 Jahren ist Friedrich Dürrenmatt gestorben. Auf der Zürcher Pfauenbühne machte der Ungar Viktor Bodó aus dem Hit «Der Besuch der alten Dame» mit einem virtuosen Schauspielerensemble ein hochartistisches, brutal komisches Kasperlestück.

Rot leuchtet die Perücke, Blut fordert Claire (Friederike Wagner). Foto: Doris Fanconi

Rot leuchtet die Perücke, Blut fordert Claire (Friederike Wagner). Foto: Doris Fanconi

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Rolle rückwärts auf der Pfauenbühne! Da sporteln sich böse Clowns durch eine klassische Koffer-Nummer, als seien sie Stars im Zirkus und nicht Sklaven der Milliardärin Claire Zachanassian, die nun im verlotterten Kaff Güllen absteigt, das einst ihre Heimat und Hölle war. Da macht Claires Mund eine eigenwillige «Ha-ha-ha»-Gymnastik, als sei er ein ge­dop­ter Akrobat, bis der Butler endlich die Lachmechanik am Hals der alten Dame abstellt – und wir für Friederike Wagner den Applaus anstellen. Da knurren Mägen, quietschen Beinprothesen überlaut eine regelrechte Comic-Akustik in die Soiree; jedenfalls dann, wenn nicht gerade der «Zarathustra»-Bombast von Richard Strauss oder die «Capri-Fischer»-Schnulze von Rudi Schuricke Ironie auf die Bühne bomben. Und das Ensemble turnt sich zweieinhalb Stunden durch den Dürrenmatt-Text, wie er im Diogenes-Büchlein steht.

Der Ballast der Tradition

Rolle rückwärts! Der ungarische Regisseur Viktor Bodó hat «Der Besuch der ­alten Dame» zwar gerafft und komödiantisch aufgeheizt, aber keinen Fitzel Fremdes hineinfabuliert. Er arbeitet so, als hätte es seit der Uraufführung des Dürrenmatt-Hits 1956 eben am Pfauen nicht unzählige Inszenierungen, Deutungen, Filmadaptionen und 2013 gar eine Musicalfassung gegeben. Als läge nicht ein Ballast an Bildern auf dem Stück: Wie etwa Therese Giehse 1956 in strengem Schwarz und würdevoller Schwere als Claire daherschreitet; wie Maria Becker 1995 das verspielte weisse Hochzeitskleid mit eisweiss gefrorenem Gesicht konterkariert.

Das Kollektiv Rimini Protokoll lud darum das Pfauenpublikum in seiner «Besuch»-Version 2007 zu einer Art Museumsexkursion, mit Fotos der Uraufführung, alten Radioschnipseln und Live­erinnerungen. Regisseur Florian Fiedler wiederum versuchte es in diesem März in Basel mit einem Bildersturm: Er kickte die Titelheldin von der Bühne. Das Inbild der Schwäche und Korrumpierbarkeit, die jedem innewohnen, gabs bloss als Männerstimme aus dem Off.

Bodó ficht das alles nicht an. Seine Claire betritt die Güllener Tristesse unerschrocken im lila Trainingsanzug und mit obligater roter Perücke. Und was heisst «betritt»? Erst ist sie ein Profil im Fond, das sich aus dem aufstiebenden Bremsstaub des Zugs herausschält wie eine Göttergestalt. Dann steckt sie den Kopf durchs verschlierte Fenster. Sie regiert drinnen – später oft auch von oben, vom Balkon aus; das Licht der Welt draussen bleibt reine Ahnung. Denn der Bahnhof ist ein zum Halbrund geschwungener Gang mit schmutzigen Glasscheiben, der die Bühne ab­schliesst. Der Raum von Juli Balazs zitiert das antike Theater; und in der Mitte steht ein kleines Podest, eine Bühne auf der Bühne. Dort hocken zu Beginn die verratzten Honoratioren Güllens: der Pfarrer (Milian Zerzawy), der Lehrer (Mat­thias Neukirch), der Polizeichef (Benedict Fellmer) und der Bauer (Christian Heller).

Bodós toller Sounddesigner Gabor Keresztes lässt anfangs Kühe muhen, Hunde bellen und Bäuche hungrig gluckern; die Ereignislosigkeit am Bahnhof dehnt sich zum Ereignis. «Erste Szene: Warten», brummt einer der vier, die sich da aufs Podest quetschen. Ein anderer schlägt nach einer Mücke. Plötzlich Dunkelheit, kreischende Bremsen; ein Feuerschein flackert auf. Claire, die alte Flamme des Krämers Alfred Ill, die von sich sagt: «Ich bin die Hölle», ist da. Wird sie dem darbenden Dorf eine Million stiften?

Wir kennen die Antwort. Sie wird, und sogar eine Milliarde – unter der Bedingung, dass die Gemeinschaft Ill tötet. Denn der liess die 17-Jährige sitzen, als sie von ihm schwanger wurde, zerstörte ihren Ruf, stürzte sie in ein Hurenleben. Er bestach zwei Bekannte, damit sie vor Gericht Claires sexuelle Freizügigkeit bezeugten. Claire hat die zwei aufspüren, blenden und kastrieren lassen; sie sind ihre Clowns (Gerrit Frers und Philippe Graff).

Der Richter, der damals Unrecht sprach, ist ihr serviler Butler mit Schweinemaske (Claudius Körber). Und während die Leute Claires Ansinnen noch mit hehren Worten von sich weisen, von «Europa» und «humanistischen Werten» faseln, fangen sie schon an, auf Pump zu kaufen: Schokolade und Schuhe, Gold und Architektenträume. Stirbt Ill nicht, sind die Bürger ruiniert. So taumeln sie blutdürstig durch die Düsternis ihrer Herzen und über die Bretter, fallen durch die verschmierten Fenster, wälzen sich im Dauerdämmer, in dem die Inszenierung gehalten ist, auf dem Boden; saufen, verletzen sich selbst. Fellmers Polizist stösst in seinen rasenden Wortkaskaden – bravo! – falsche Beruhigungen heraus wie Gewehrsalven.

Friederike Wagners fantastisch automatenhafte, aus Prothesen zusammengeknirschte Claire spuckt ihre Verlockungen verfremdet aus. Gern verschenkt sie «’Ausender», um die Regeln für sich zu beugen; und das Angebot an Güllen lautet «500 Mill’onen» für die Stadt und «500 Mill’onen» verteilt auf die Familien. Was für ein irres, marthalereskes Herumabsurdern!

Erwürgt, versenkt, verbrannt

Bodó lässt Dürrenmatts «tragische Komödie» zum 25. Todestag des Dramatikers wie ein schauriges Kasperletheater klackern. Sein selbstreflexives Grand Guignol braucht weder die Journalistenszenen noch die bitteren pädagogischen Chöre am Ende. Ill – Klaus Brömmelmeiers wunderbarer Homo non-sapiens – wird erwürgt, versenkt, verbrannt. Und alle werfen sich auf den fortflatternden Check. Dann, letzter Scherz, gehen die Lampen, die neu erstandnen, aus.

Konsolidiert das famose Ensemble aus Komik-Cracks konservatives Texttheater? Eigentlich ja; und die auf die Spitze getriebene Komik fällt da und dort durchaus mal in den Dreck. Aber insgesamt war Bodós Rolle rückwärts eine sehr clevere Flucht nach vorn.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2015, 17:40 Uhr

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